Klimabewusstsein in der Klimakrise
aus sozial-philosophischer Sicht

Klimabewusstsein in der Klimakrise aus sozial-philosophischer Sicht

Dr. Hartwig Berger, 12/2025

[als PDF]

  1. Klimabewusstsein im Trend abwärts?
  2. Die Tragödie der Klimaethik
  3. Gegen die Tyrannei des „hier und heute“
  4. Die Klimakrise als Klassenkonflikt
  5. Klimagerechtigkeit und Klimavertreibung
  6. Klimaangst in doppelter Sicht
  7. Wie damit umgehen?
  8. Weltbürgerlich handeln

 

1. Klimabewusstsein im Trend abwärts?

Der weltweite Marsch in die Abgründe der Erderhitzung findet in der Alltagskommunikation gegenwärtig nur nachrangig Beachtung. Die sich häufenden Alarmmeldungen zur Klimakrise führen nicht zu mehr Bemühungen um Abhilfe, dagegen stellen immer mehr Staaten im globalen Norden Klimaschutz zurück oder betreiben, wie die Bundesregierung in den USA, eine Politik der beschleunigten Klimazerstörung. Auch in der Bevölkerung kann, zumindest im „Norden“, mehr Einsatz für Klimaschutz nicht festgestellt werden. Auch wenn sich Wetterextreme häufen und die von der Klimaforschung gemeldeten Wahrscheinlichkeitsprognosen noch dramatischer werden und ihr Eintreten immer näher rückt.

In der Klimabewegung selbst gibt es zwar, etwa in Deutschland und dem United Kingdom, Hoffnung weckende Ausnahmen. Doch während, zum Beispiel, Fridays-for-Future in Deutschland 2019 bis 2021 bei den landesweit vernetzten Klimastreiks über eine Million zumeist junger Menschen auf die Straßen bringen und auch dadurch das wegweisende Verfassungsgerichtsurteil von März 2021 erreicht werden konnte, waren es beim Klimastreik im September 2025 nur 50.000 in immerhin noch über 60 Städten.

Eher abwärts weisen auch die Ergebnisse der Umfrageforschung. So die jüngst veröffentlichten Studie des Umweltbundesamts „Umweltbewusstsein in Deutschland 2024“1, die auf einer online-Befragung von über 2.500 Menschen aller Altersgruppen, Berufe und Bildungsabschlüsse basiert: In der Gewichtung von 13 gesellschaftlichen Themen, rangierend vom Zustand des Gesundheitssystems (81%), über Bildung (77%), öffentliche Sicherheit(71%) bis hin zu Datenschutz (37%), steht „Umwelt- und Klimaschutz“ mit 57% im unteren Mittelfeld, auf Platz 8. Die gegenwärtig regierende Koalition liegt durchaus im Trend, wenn sie Maßnahmen zum Klimaschutz zurückstellt, und die schnell fortschreitende Klimakrise weitgehend ausblendet.

Das gilt auch für die klimapolitische Wetterlage in Frankreich. In der regelmäßig durchgeführten Jahresumfrage „Fractures Françaises“ zur gesellschaftspolitischen Stimmungslage in Frankreich, zuletzt durchgeführt Oktober 2025, rangiert auf die Frage „welches sind die (in der Frage vorab genannten) Probleme, die Ihnen am meisten Sorge bereiten“, „Umweltschutz“ mit 18% gerade auf Platz 4, gleichauf mit „Gesundheitseinrichtungen“ und deutlich hinter „Kaufkraft“(36%), Kriminalität (22%) und „Einwanderung“(22%)2. Noch eindeutiger ist das Resultat des Umfrageinstituts IFOP vom 25.8.25: Als höchst beunruhigend rangieren Umweltschutz/Klimakrise (bei zulässigen Vielfachnennungen) mit 45% erst an 16. Stelle, abgehängt u.a. von Gesundheit (80%), dem Kampf gegen delinquance (Kriminalität), (72%), Bildung (71%), Inflation (58.)3

Wird die planetaren Katastrophe um so häufiger ausgeblendet, je deutlicher sie sich abzuzeichnen beginnt? Auch wenn damit auf längere Sicht der Fortbestand der menschlichen Zivilisation, wie wir sie kennen, auf dem Spiel steht? Es irritiert auf den ersten Blick, dass die Klimakrise umso häufiger und entschiedener verleugnet wird, je mehr sich mit den Jahren die Ereignisse mit Waldbränden, Monsterstürmen, Überschwemmungen und extremer Hitze- und Dürre-Phasen häufen und verstärken: In der vom UBA in Deutschland beauftragten Sozialuntersuchung von 2018 bewerteten den Klima“wandel“4 noch 64% als gravierend. Ungeachtet der Ahrtal Katastrophe mit 180 ertrunkenen Menschen im Juli 2021 und weltweiten Waldbränden bisher ungekannten Umfangs weltweit, waren es dann 2022 nur noch 57%; im Jahr 2024 noch 54%5.

Dass die Klimakrise im Verlauf ihrer offenkundigen Verschärfung eher weniger Beachtung erfährt, erhärten weitere Sozialuntersuchungen. So führt die Fernuniversität Ökonomie und Management (FOM) jedes Jahr eine Umfrage zu Umweltverhalten und Klimabewusstsein durch, die aufgrund ihres Umfangs (2024 24.067 Befragte) und ihrer methodischen Anlage (neben den Telefonaten auch face-to-face Interviews) gegen die Qualität der sonstige Umfrageforschung mit ihren knappen Standardfragen positiv absticht6: 2024 fanden 30% der Befragten, dass „die sogenannte ökologische Krise der Menschheit stark übertrieben ist“, während im Jahr zuvor nur 20% diese Meinung teilten. Auch die Handlungsbereitschaft der Menschen scheint sich zu verringern, so das übereinstimmende Ergebnis der jährlich wiederholten Studie der FOM6 und der alle zwei Jahre wiederholten UBA-Studie zum Umweltbewusstsein:

Waren es in den Jahren 2018 und 2020 noch 74% beziehungsweise 70% der Befragten, die völlig zustimmten, dass jede und jeder Einzelne Verantwortung dafür trägt, dass wir nachfolgenden Generationen eine lebenswerte Umwelt hinterlassen, sind dies 2022 nur noch 59 Prozent. Die Befragten geben mit 52% weniger häufig an, aus Klimaschutzgründen auf Flugreisen zu verzichten als noch im Jahr 2020 mit 61%t“7

Aufschlussreich ist zudem, dass auch pessimistische Einschätzungen der Klima- und Umweltzerstörung sich in Alltagsverhalten und Lebensführung der Befragten nur wenig auszuwirken scheinen. Ich zitiere die zusammenfassende Bewertung der Studie8:

Vor allem in den Bereichen Ernährung und Mobilität will die Mehrheit ihr Verhalten nicht zugunsten des Klimas anpassen. Ob Methan-Emissionen oder hoher Wasserverbrauch – die industrielle Tierhaltung und die Produktion tierischer Produkte haben Auswirkungen auf die Umwelt. Doch die Studie zeigt: Würstchen, Schnitzel und Co. werden auch in Zukunft auf den meisten Tellern in Deutschland liegen. Nur jeder Dritte will versuchen, der Umwelt zuliebe vermehrt auf Fleisch und Fisch zu verzichten. Den Konsum von Tiererzeugnissen wie Käse, Milch und Eier will sogar nur rund jeder Vierte reduzieren.

Auch beim Thema Mobilität zeigt sich bei den Deutschen nur bedingt die Bereitschaft, auf umweltfreundliche Alternativen umzusteigen: Zwar möchten 54 Prozent versuchen, verstärkt mit dem Rad zu fahren oder zu Fuß zu gehen. Doch gerade einmal 39 Prozent – und damit deutlich weniger als die Hälfte der Befragten – planen, das Auto in Zukunft öfter stehen zu lassen. Auch der öffentliche Nahverkehr ist bei der Mehrheit keine beliebte Alternative: Bahn und Bus wollen in Zukunft nur vier von zehn Befragten öfter nutzen.“

Ein Bewusstsein vom Ernst der Klima- und Umweltkrise hätte demnach nur sehr begrenzt Folgen auf die Lebensführung. Klimabewusstsein führt nicht zu klimagerechtem Handeln, auch nicht in Ansätzen.

In der politischen Arena lässt sich eine Parallelität von Klimaverschärfung und Klima-Ignoranz bzw. Klima-Leugnung9 am starken Zulauf des autoritären Nationalpopulismus verfolgen. Die Parallelität von engstirnigem Nationalismus, Maskulinismus, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Klima-Ignoranz sticht hier deutlich ins Auge.

Als einen Beleg nenne ich Ergebnisse der Umfrage „(Öko)Barometer“, die das weltweit in umweltbezogenen Dienstleistungen aktive Unternehmen VEOLIA alle 1 ½ Jahre zum Umwelt- und Klima-Bewusstsein unter 29.500 Personen in 26 Ländern aus 5 Erdteilen durchführen ließ. So Ergebnisse des „Barometers“ von 202410:

      • In Deutschland verneinen 32% einen menschengemachten Klimawandel, unter den die AFD Wählenden sind es 61%.
      • In Frankreich leugnen 25% dass es einen Klimawandel überhaupt gibt oder dass er von uns Menschen verursacht wird. Unter den Wählern des rechtsextremen Rassemblement National sind die Klimanegationisten mit 50% doppelt so häufig vertreten.
      • In den Niederlanden sind es 23%, jedoch zu 54% unter Wählern der rechtsextremen Geert Wilders Partei PVV
      • In den USA sind es 22%, jedoch 59% derjenigen, die für Kandidaten der Republikaner stimmen. Die Destruktion von Klimaschutz und der Neustart der fossilen Steinzeit hat hier eine „Massenbasis“, auf welche die autoritär regierende Plutokratie unter Trump gezielt setzt.

Wie erklärt sich, dass Klimaleugnung umso stärker und desto intensiver wird, je mehr die Erderhitzung zunimmt und an mehr zerstörerischen Katastrophen erkennbarer wird? Ich interpretiere das als einen klassischen Fall von kognitiver Dissonanz: Der als unangenehm und stark bedrohlich, oft auch als beängstigend empfundene Prozess wird abgewehrt, ignoriert oder aktiv verdrängt, gleichzeitig kann ein Gefühl des Bedrohtseins auf andere Ereignisse oder Prozesse verschoben werden, etwa auf wachsende oder als wachsend wahrgenommene Kriminalität, die Zuwanderung von Geflüchteten11, die öffentliche Sicherheit generell. So fällt auf, dass Klimaleugnung und erklärte Xenophobie deutlich korrelieren und dass nahezu alle rechtsnationalistischen Parteien und Bewegungen in Europa wie in Nordamerika aktiv jede „grün versiffte“ Klimaschutzpolitik ablehnen und bekämpfen.

Die Ausblendung der Klimafrage, erst recht die aktive Klimaleugnung, erschweren Debatten über klimapolitisches Handeln, die nicht in Abwehr oder in Ausflüchten enden. Die politischen Parteien jenseits der Grünen hatten so bei den letzten Bundestagswahlen in Deutschland, unter tätiger Mithilfe der meisten Medien, ein leichtes Spiel, „Klima und Klimaschutz“ einfach zu ignorieren12.und damit auch zur relativen Wahlniederlage der Grünen beizutragen, die mit ihrem Kernthema allein blieben und mit ihm auf ihre Kernwählerschaft zurückgeworfen wurden. Die bündnisgrüne Wahlkampfstrategie half ungewollt mit, indem sie die Klimafrage zu spät und auch dann nicht konsequent zu ihrem zentralen Wahlkampfthema machte und sie zudem in den Mollklängen eines wenig glaubwürdigen und die schwerwiegenden Folgen der Erderhitzung verharmlosenden Wohlstandsversprechens dämpfte.

Allerdings reagiert das eher hilflose Wahlversprechen „mit Klimaschutz schaffen wir mehr Wohlstand“ auf ein wirkliches Dilemma: Denn bei näherem Zusehen drängt es sich auf, dass unsere Gesellschaft mit Klimaschutz, sofern ernsthaft und konsequent betrieben, nicht mehr so leben und wirtschaften kann wie das bisher der Fall ist. Wirksamer Klimaschutz bürdet unweigerlich Zumutungen auf – und ist insofern eine wenig willkommene Botschaft. Dabei wird nur allzu gerne übersehen, dass wir erst recht nicht weiterleben können wie bisher, wenn Klimaschutzpolitik zurückgestellt oder unterlassen wird.

So spielen denn nahezu alle Parteien, die Anliegen des Klimaschutzes, wenn nachgefragt, wenigstens für wichtig und ernst halten, in Programm wie in ihrer Praxis „den Ball niedrig“ und streifen „Klima“ in ihrer politischen Kommunikation nur marginal. Sofern sie das ansprechen, verbinden sie es gerne mit der Zusicherung, dass jedenfalls die gewohnte Lebensführung der Menschen dadurch nicht angetastet und so alles beim Alten bleibt. Der „Bürger draußen im Lande“, müsse seine (und ihre) Lebensweise nicht ändern oder einschränken. Den vertrauten Lebensgewohnheiten wird Bestandsschutz zugesichert.

Eine Klimapolitik der Zumutungsfreiheit war denn auch leitendes Prinzip der deutschen Regierungen in der Merkel-Ära und von SPD und FDP in der Regierungsführung unter der Ampel. Als Robert Habeck und mit ihm die Grünen mit dem noch internen, doch in die Medien durchgestochenen Entwurf eines Gebäude-Energie-Gesetzes auch nur in den Verdacht von geplanten Zumutungen gerieten, schlug dem ein breiter und heftiger Chor der Ablehnung in Medien und Gesellschaft entgegen. Die Wort- und Stimmungsführer kamen bezeichnenderweise aus Sozialklassen, denen aufgrund ihres Einkommens und Vermögens die notwendigen Kosten einer Heizungssanierung allerdings zuzumuten wären. Abgesehen davon, dass sich Kosten, die angesichts der absehbaren Erhöhung fossiler Brennstoffpreise mittelfristig auf jeden Fall ökonomisch rechnen – nur nicht für die Gasindustrie, die sich an der Kampagne gegen den „Heizungshammer“ aus dem Hintergrund und mit großem wirtschaftlichem Zusatzgewinn beteiligte.

Die Debatte war zutiefst unaufrichtig, weil für die Menschen, die wirtschaftlich knapp und prekär leben, in jedem Fall tragbare Lösungen und Finanzhilfen vorgesehen, nur noch nicht ausgearbeitet und beschlossen waren. Durchgesetzt wurden im Rückblick, neben den Belangen der Gaswirtschaft, nur klima-ignorante Eigeninteressen von Bessergestellten im Land. So konnte „erfolgreich“ erreicht werden, dass Ansprüche auf dem Weg zur Klimaneutralität im Wärmebereich zurückgeschraubt wurden und dass ein klimafreundlicher Heizungsaustausch nun auch für wirtschaftlich gut gestellte Sozialklassen ohne sonderliche finanzielle Zumutungen erfolgen kann. Ganz zu schweigen von einer Ertragssicherung in Milliardenhöhe für die Erdgaswirtschaft – zum Schaden des Klimas.

Bündnis 90/Die Grünen gerät als eine Partei, die Umwelt- und Klimapolitik als erklärtes Kernanliegen hat, mit dem Dogma der Zumutungsfreiheit in eine schwierige Lage. Denn vermutlich wissen die meisten Menschen bei aller Verdrängungsleistung durchaus, dass eine sich verschärfende Umwelt-, Klima- und Natur-Krise ein Leben im gewohnten „weiter so“ nicht zulässt. Und aller Selbsttäuschung zum Trotz wird sich der Lebensalltag umso stärker und tiefgreifender verändern, je mehr und je länger die gegenwärtige „Pause im Klima- und Umweltschutz“ anhält.

Ungeachtet der Ungereimtheiten und Widersprüche der „Klimaverdränger“: Die Klimabewegung wird eben dadurch leicht in die unangenehme und angeprangerte Kassandra-Rolle abgedrängt. Sie entgeht dem auch nicht mit der ohnehin wenig glaubwürdigen Zusicherung, wirksame Klimaschutzpolitik sei ohne tiefgreifende Einschnitte in eingespielte Lebensgewohnheiten zu machen. Denn zum einen wissen inzwischen immer mehr Menschen, dass selbst entschiedenes Handeln den Prozess der fortschreitenden Erderhitzung mit allen seinen Folgen nur abschwächen, doch nicht gänzlich stoppen, geschweige „auf Start anno 1900,1950 oder auch nur 2000“ zurücksetzen kann. Die versprochene Zukunft ist nicht golden, sondern nur weniger schlimm als was sonst zu blühen droht. Und zum zweiten ist gerade besser Informierten das – spieltheoretisch gesprochen: Gefangenendilemma in den innerstaatlichen Beziehungen mehr oder weniger bewusst: Solange es keine wirklich verbindlichen und dann auch eingehaltenen Absprachen zwischen den Staaten und den global playern gibt13, hat jeder Einzelstaat und global player zunächst und kurzfristig Vorteile, wenn er Klimaschutz für gegenwärtig gewinnbringende Alternativen zurückstellen kann, aber langfristig, wenn nicht bereits mittelfristig trägt er damit dazu bei die Klimakrise noch zu verschlimmern.

Kassandra trifft mit ihren Warnungen vor dem globalen Klimachaos ins Schwarze – aber erntet, wie seinerzeit in Troja, zunehmend Ablehnung, Abwehr und Aggression.

2. Die Tragödie der Klimaethik

Trotz verbreiteter Verdrängung, Ignoranz oder Leugnung; dass Klima-Veränderungen, die menschliches Leben und Überleben ernsthaft gefährden, zu vermeiden und aufzuhalten sind, dürfte folgendes weltweit und jenseits weltanschaulicher Lager weitgehendst geteilt sein. Das Weltklima zu bewahren und nicht durch menschliche Eingriffe zu deregulieren, kann als universell geltende ethische Maxime gelten. Um das nach der Kantischen Regel zur Prüfung der Verallgemeinerbarkeit moralischer Haltungen zu formulieren: Handle so, wie Du annehmen kannst, dass auch alle anderen auf dem Planeten lebenden Menschen das für rechtmäßig und für geboten halten. Kein Lebewesen auf der Erde, erst recht nicht die am Ende von Nahrungsketten befindlichen Menschen, können sich Veränderungen des Weltklimas entziehen. Die Atmosphäre, um deren anthropogen eingeleitete Veränderung es hier geht, ermöglicht uns zu leben, zu atmen, sie schützt uns vor der Kälte und Leere des Weltraums. Moralische Erwartungen bezüglich der Gefahren und Folgen von Klimawandel schließen daher alle Personen, Gesellschaften und Staaten ein, unabhängig davon, ob sie das nun wahrhaben wollen oder nicht. Sie sind nicht an eine bestimmtes Moralsystem gebunden, sondern quasi „autonom“ oder weltbürgerlich, spezifische Gesellschaften, Kulturen und Religionen überschreitend bzw. einschließend.

Allerdings sollte „Klimaschutz“ nicht, wie bei Immanuel Kant, als strenger „kategorischer“ Imperativ verstanden werden, als moralisch gebotene „Pflicht“, als ethisches Muss der mit „Vernunft“ begabten Menschen. Ich folge stattdessen dem Ethik-Konzept von Ernst Tugendhat, nach dem universell zustimmungsfähige Handlungen oder Einstellungen „nur“ insofern zwingend sind, wie sie als allgemeingültig anerkannt werden können14. Wer ihnen folgt, bekundet damit, dass sie und er sich als Mitglied einer moralischen Weltgemeinschaft verstehen, in der wechselseitigen Achtung als Menschen, die auch die zukünftig Lebenden einschließen. Universalisierbare moralische Grundsätze – hier auf den Klimaschutz bezogen – erscheinen zwar als zwingend, um gemeinsam auf dieser Erde besser zu leben und zu überleben. Sich an ihnen zu orientieren, ist aber kein moralisches „muss“ im Sinne von Kants Pflichtethik, auch wenn ein „nein“ zur Klimaethik als Abwendung von einer virtuellen moralischen Weltgemeinschaft gedeutet werden kann. Niemand ist zur Bejahung von Klimaschutz als moralischer Maxime gezwungen, jeder kann mit einem „nein“ sein Verhältnis zu Mitmenschen auch als Mittel zur Befriedigung seiner Bedürfnisse oder seines Machtstrebens definieren15. „So schwach ist nun einmal die Basis (einer universalisierbaren) Moral, und es hat sich in der Geschichte immer wieder gezeigt, dass kein Versuch, sie künstlich stärker erscheinen zu lassen als sie ist, die Menschen dazu bewegt hat, (in diesem universellen Sinn) moralisch zu sein16.

Entsprechend schwach ist auch die Handlungswirkung der Klimaethik, ungeachtet ihrer Verallgemeinerbarkeit. Neben den vielen und vielfach diskutierten Gründen dafür möchte ich das um eine eher sozialphilosophisch zu nennende Sicht ergänzen, für die ich mich auf Schriften des in Oxford und Seattle lehrenden Stephen Gardiner beziehe17. Aus klimaethischer Sicht erscheint Klimaschutz als ein zwingendes Gebot, allein um desaströse Folgen für das Fortbestehen der Menschen zu vermeiden. Jedoch: Auch bei umfangreichem klimaschädlichem Handeln ist nicht zu sehen und zu merken, dass und in welcher Weise es sich verändernd auf das Klima auswirkt. Selbst wenn lange Jahre am Niederrhein oder zwischen Leipzig und Cottbus Kohle gefördert und verbrannt wird, ist nicht sichtbar, ob und wie sich etwas dadurch am Erdhimmel verändert. Mögliche, auf wissenschaftlich festgestellte Auswirkungen zurückzuführende Prozesse auf der Erde – wie Monsterstürme, selbstverstärkenden Megabrände in Wäldern, steigender Meeresspiegel, Extremhitze oder schmelzende Polarkappen, Eisgebirge oder Gletscher – treten zeitlich später und räumlich versetzt auf. Darunter zu leiden haben in aller Regel nicht das Rheinland oder die Lausitz, sondern etwa die Küstenbewohner von Bangla Desh, die Bauern und Hirten in der Sahelzone oder die Menschen im und am Himalaya. Und die katastrophalen Wirkungen des Handelns hier und heute treten erst Jahre später ein – dann aber auf Dauer.

Ich spreche, hier Gardiner folgend, von einer ethischen Tragödie, weil schwer vorstellbar ist, dass Menschen willentlich und bewusst in Kauf nehmen, dass die Unterlassungen hier und heute zum zukünftigen Ruin des Lebens der Menschen auf dem blauen Planeten führen. Ein Vergleich18 zum Handeln in der Covid-19 Pandemie ist erhellend: damals wurden zum Schutz und zur Bekämpfung des globalen Risikos in Kürze hunderte Milliarden an Euro und Dollar mobilisiert; denn es ging darum kurzfristig massenhaft eintretenden Tod zu vermeiden. Weil hingegen die unvergleichlich schlimmere, da für die Menschheit existenzbedrohende Klimakatastrophe „nur“ Schritt für Schritt größer und unvermeidlicher wird, gibt es hier diesen Handlungsdruck nicht. Und wenn er späterhin als zwingend notwendig erkannt und anerkannt wird, wird es definitiv zu spät sein. Sie ist dann eine Tragödie für die zu der Zeit Lebenden und für ihre verzweifelte Wut unter anderem auf uns, die hier und jetzt Lebenden.

Wirkungen klimarelevanten Handelns sind auf andere Räume, Zeiten und Generationen verschoben. Sie sind es in der Regel auch so, dass der Zusammenhang von sich katastrophal auswirkenden Wetterextremen mit der erhöhten CO2- und CH4-Anreicherung am Erdhimmel nur als wahrscheinlich deklariert werden kann. Die monströsen Regenfälle, die im Herbst 2024 die Region Valencia verwüsteten und dort zu vielen Todesfällen führten, hätten im Prinzip auch ohne die bereits stattgefundene Erderhitzung eintreten können. Sie sind „nur“ in Dauer und Ausmaß mit dieser Erhitzung weit wahrscheinlicher geworden.

Gardiner nennt die Vernebelung von Handeln und Wirkungskette „einen perfekten moralischen Sturm“: Wie ein Schiff auf seiner Fahrt in einen Sturm geraten kann, der durch ein Zusammentreffen mehrfacher ungünstiger Umstände gekennzeichnet ist und zum sicheren Schiffsuntergang führt, so ist die Menschheit durch diesen Umstand, den ich „Vernebelung der Wirkungen“ genannt habe, in ähnlicher Weise, doch in den Folgen weit umfangreicher geschlagen. Die meisten Menschen werden, wenn sie absehbar katastrophale Folgen ihres Handelns für Andere wahrnehmen, einem ethischem Kompass folgend dieses Handeln auch zu vermeiden suchen. Wenn sie z.B. als Nutzer eines Flusses sehen, dass sie durch Beseitigen eines Staus weiter abwärts die Mühle eines Nachbarn überschwemmen und zerstören, dann unterlassen sie das – es sei, sie sind auf mutwillige Zerstörung aus19. Bei klimawirksamem Handeln gibt es diese Art der Gegenkontrolle individuell schon gar nicht, aber auch nicht für das Handeln z. B. von Wirtschaftsunternehmen, Staaten oder Staatengemeinschaften. Aus ethischer Sicht ist der sich durch Handeln und Unterlassen abzeichnende und inzwischen beschleunigte Marsch in die globale Klimakatastrophe zutiefst verwerflich, allein deshalb, weil er im voraussichtlichen Untergang der menschlichen Zivilisation endet20. Doch wirkt der ethische Kompass hier eben nicht als Handlungsbremse.

Fassen wir zusammen: Klimaschädliches Handeln hat gerade nicht zur Folge, dass die Akteure unmittelbar, wenn jemals in ihrer Lebenszeit, deutliche negative Folgen ihres mitverursachenden Handelns überhaupt zu spüren bekommen. Denn diese Folgen sind, sich mit den Jahren verschärfend,

      • zum einen in die Zukunft verlagert: sie sind auf später lebende und noch im jugendlichen Alter befindliche Generationen verschoben.
      • zum zweiten zeigen sie sich als mitverursacht nicht am Ort des klimaschädlichen Handelns, sondern anderenorts und kumulierend weltweit: sie sind global vorwiegend auf Regionen verschoben, die nicht oder nur wenig zum Klimadesaster beigetragen haben.
      • Zum dritten treffen sie in aller Regel gerade nicht die Verursacher bzw. Hauptverursacher, sondern die wenig oder überhaupt nicht für die Klimasünden Verantwortlichen. Und sofern sie doch auch Hauptverantwortliche treffen, verfügen diese – im Unterschied zu den Hauptopfern – über die Mittel und Möglichkeiten, sich den Folgen zu entziehen. Sie bauen Schutzwälle oder ziehen fort, während die Viertel der Armen in den steigenden Fluten versinken21: die unterschiedliche Betroffenheit je nach Klassenlage.

Gardiner beschränkt sich darauf, die moralischen Blockaden im Umgang mit dem Klimawandel ausführlich und – leider – überzeugend zu analysieren. Es sollte aber vor allem interessieren, was daraus für klimapolitisches Handeln zu lernen ist. Ist es überhaupt möglich und wenn: wie mit dem klimaethischen Kompass Sperren für klimapolitisch wirksames Denken und Handeln zu überwinden? Dazu die folgenden Kapitel.

3. Gegen die Tyrannei des „hier und heute“

Der jeweils gegenwärtige Stand an zusätzlichen Treibhausgasen in der Atmosphäre ist immer das Resultat vergangener Klimasünden. Wenn in den letzten Jahren die Mittelmeerregionen unter bisher nie gekannten Sturzregenfällen, Überschwemmungen, Extremhitze und nicht mehr beherrschbaren Waldbränden zu leiden haben, so ist das überwiegend eine Folge der Nutzung fossiler Energien Jahrzehnte zuvor hauptsächlich in den früher industrialisierten Nordländern. Was hier und heute an Treibhausgasen generiert wird, führt Jahre und Jahrzehnte später zu Klimakatastrophen. Von der Klimakrise vor allem betroffen sind diejenigen, die heute jung sind oder die noch das Licht der Welt erblicken. Die heute Lebenden sind in dieser Hinsicht immer besser dran, zumal wenn sie älter sind und in ihren jüngeren Lebensjahren unter den heute verstärkt auftretenden Wetterextremen nicht zu leiden hatten. Was in ihren jungen Jahren an den Folgen weiterer Erderhitzung angestoßen wurde, werden sie in aller Regel nicht oder erst in den Anfängen erleben.

Es sind aber in erster Linie „in die Jahre gekommene“ Menschen, die Entscheidungen – etwa – zur Nutzung fossiler Energien, der Vernichtung von Wäldern, zu intensiver Landbewirtschaftung oder zur Entwässerung von Mooren treffen und damit zur Deregulierung des Klimas beitragen. Weniger bis überhaupt nicht an den Entscheidungen beteiligt sind junge Menschen. Erst recht nicht beteiligt sind die jungen Menschen im globalen Süden, die gleichwohl besonders am im globalen Norden induzierten Treibhauseffekt jetzt leiden und zukünftig weit stärker zu leiden haben werden.

Die kommenden Generationen haben “per definitionem“ keine Chance der Mitwirkung, sie sind Opfer der Folgen, die aus klimaverändernden Aktivitäten im Kreis ihrer Vorgänger auf der Erde entstanden sind. Aus intergenerationeller Sicht ist klimaschädigendes Handeln ein „buck-passing“22, ein Manöver zum eigenen Vorteil, das die sich daraus ergebenden Nachteile auf die Zukunft und damit auf Andere, auf junge Menschen, ihre Kinder und Kindeskinder schiebt. Klimaschädliches Handeln hier und jetzt ist aus Generationensicht ein „Schwarzes Peter Spiel“, wobei vorab feststeht, wer den Schwarzen Peter zieht und in einer sich verstärkenden Klimahölle landen wird.

Hinzu kommt, dass zusätzlich anthropogen emittiertes und somit klimaveränderndes C0223 über eine nicht absehbare Zeitspanne in der Atmosphäre verbleibt, und nicht in den natürlichen Kohlenstoffkreislauf der Pflanzen, Böden und der Weltmeere zurückkehrt. Dazu müssten in großem Umfang und weltweit mit Wäldern, Mooren und Grünland zusätzliche Kohlenstoffsenken geschaffen werden. Eine weitere Verschärfung stellen die in absehbarer Zeit zu erwartenden gefürchteten Kipppunkte oder „points of no return“ im Klimawandel dar. Mit ihnen eskalieren die Klimaveränderungen unabhängig von weiterem Zutun. Die Erderwärmung mündet in einen Prozess der Selbstverstärkung. So, wenn der Auftauprozess beim Permafrost in polaren Zonen eine Schwelle überschreitet, von der ab das freigesetzte Methan die Erderwärmung zusätzlich beschleunigt, der Boden sich dadurch noch schneller erwärmt und mit beschleunigter Methanfreisetzung das Weltklima weiter anheizt. Das Roulette Spiel mit den Kipppunkten geht dann ebenfalls zu Lasten der zukünftigen Generation und möglicherweise bereits auch zu Lasten der jetzt noch jungen Menschen.

In den gegenwärtigen politischen Diskursen um die Klimakrise wird die Frage der Generationengerechtigkeit und der Generationenverantwortung zu sehr ausgeblendet. Wenn in Politik und Medien darüber diskutiert wird, welche Folgen klimaschützende Maßnahmen oder deren Unterlassung haben, geht es fast immer nur darum, wie sie sich in der Gegenwart und in der unmittelbaren Zukunft auswirken. Sind sie bezahlbar? Versprechen sie ein besseres Leben? Sichern, vernichten oder schaffen sie neue Arbeitsplätze? Es dreht sich um das Wohl und Wehe der jetzt Lebenden. Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts von März 2021 ist da eine leuchtende Ausnahme, wenngleich dort nur mit den Freiheitsbeschränkungen für junge Menschen, nicht mit dem Leben und Überleben in der Zukunft generell argumentiert wird. Doch selbst dieses Urteil hat nicht dazu geführt, dass Klimapolitik stärker in Generationenverantwortung gedacht und betrieben wird. Der Diskurs kreist weiter um Vor- und Nachteile von betriebener oder unterlassener Klimapolitik für die jetzt Lebenden, wobei eben unter den Tisch fällt, wie sich das für jungen Menschen in ihrer Zukunft auswirken wird.

Mit der Fixierung auf Gegenwartsbelange haben Politik und Wirtschaft zumeist gute Karten, wenn sie für Investitionen oder Regelungen werben, die absehbar klimaschädigend sind oder die Klimaschutz zurückstellen. Die erneut eingeführte Subventionierung von Agrardiesel, die Steuerbefreiung von Flugbenzin oder die Erhöhung der Pendlerpauschale sind Beispiele. Von Vorteil ist immer, wenn eingespielte Lebensgewohnheiten nicht angetastet und den Lebensalltag verändernde Zumutungen vermieden werden. So konnte in Deutschland ein vermehrter Verbleib klimaschädlicher Öl- und Gasheizungen durchgesetzt und für den Bestandsschutz des Verbrennermotors erfolgreich geworben werden. Der Slogan „drill baby drill“ half der extremen Rechten in den USA, die Wahlen 2024 zu gewinnen. Die Braunkohleförderung in Ostdeutschland und im Rheinland findet seit Jahrzehnten in weiten Bevölkerungskreisen Unterstützung, weil mit ihr, teilweise auch contrary to the facts, materielle Vorteile und berufliche Kontinuität zugesichert werden.

Diese „Tyrannei des Gegenwartsbezugs“24 hat allerdings den wunden Punkt, dass heute junge Menschen die Folgen klimaschädlicher Entscheidungen für ihre eigene Zukunft nicht ígnorieren sollten und das vielfach auch nicht tun. So war es nur konsequent, dass die breite Bewegung für Klimaschutz in den vergangenen Jahren vor allem von jungen Menschen ausging und von ihnen getragen wurde und wird. Allerdings hat sie es aufgrund der starken Überalterung der Gesellschaft in den altindustriellen Ländern weit schwerer, eine kulturverändernde Durchschlagskraft zu erzielen, wie es, mit anderen Zielsetzungen, der Studentenbewegung Ende der 60er Jahre, in einer damals mit der Boomer-Generation eher verjüngten Gesellschaft gelingen konnte. Erschwerend kommen heute eine stärker hedonistische Lebenshaltung, und, anders als in der Studentenbewegung, eine fehlende Mobilisierung durch positive Zukunftsvisionen hinzu.

Die Tyrannei des hier und heute führt mit Blick auf die Klimakrise zu einer gefährlichen Sichteinschränkung. Erst recht, wenn wir die Folgen für zukünftige Generationen einbeziehen, denn diese haben nichts von den reklamierten Vorteilen klimaschädlichen Handelns, müssen aber voll deren in die Zukunft verschobenen Nachteile tragen. Ein Kreis von Menschen hier und heute sichert und verbessert seine Lebenslage, indem er das Leben von Menschen in der Zukunft schwieriger und riskanter macht. Ein begrenzter Kreis, denn die Nachteile und Folgen trägt die jüngere lebende Generation und tragen vor allem die Menschen, die das bereits heute in den von der Klimakrise schon jetzt stark betroffenen Weltregionen ausbaden müssen.

Aus intergenerationeller Sicht ist das ein Beispiel für moralische Korruption, worunter ich, Gardiner folgend, die Haltung verstehe, sich für die in diesem Fall mittel- und langfristigen Folgen von Handlungen und Unterlassungen nicht verantwortlich zu sehen: Ein für das Leben und Überleben der Menschheit auf dem Planeten destruktives Verhalten wird als wünschenswert und ethisch vertretbar mit der Behauptung abgesichert und vermarktet, dass es der Lebenslage der Menschen hier und jetzt zum Besten diene. Die nur schwer übersehbaren Konsequenzen für zukünftiges Leben auf der Erde werden ausgeblendet und verdrängt. Oder – wie inzwischen immer häufiger der Fall – sie werden in Bestreitung der wissenschaftlichen Ergebnisse als „Klimaideologie“ oder als „Grünes Märchen“ abgestritten: moralische Korruption verbunden mit massiver kognitiver Dissonanz, die längst in die höchsten Kreise von Politik und Wirtschaft Eingang gefunden hat. Der amtierende Präsident des gegenwärtig mächtigsten Staates der Erde kann auf der UN-Vollversammlung September 2025 von der Klimawissenschaft als „größtem Betrug in der Weltgeschichte“ reden, ohne dass sein Geisteszustand öffentlich in Frage gestellt wird.

Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Zukunft klaut“. „Fridays for Future“ hat die Generationenverantwortung zu einem zentralen Thema ihrer Aktionen gemacht. Eine ernsthafte und intensive Debatte zum Skandal, dass gegenwärtig die Zukunft der jungen Generation in klimapolitischer Ignoranz verpulvert wird, fand jedoch daraufhin weder in den Medien, der Politik und in talk-shows ernsthaft statt. Dabei wurde der Skandal oft genug klar formuliert, etwa so:

Der pauschale Vorwurf des Zukunftsklaus trifft verschiedene Akteur*innen auf verschiedene Weise: Wir richten uns kollektiv an die Älteren, an Generationen vor uns, weil sie früher hätten handeln müssen. Als Teile einer Zivilgesellschaft hätten sie wirksamen Klimaschutz fordern und gemeinsam dafür laut werden müssen. Sie haben es verpasst, die sich anbahnende Katastrophe durch öffentlichen Druck und Mobilisierung abzuwenden. Sie haben wissentlich über ihre Verhältnisse gelebt und zugesehen, wie eine überschaubare Gruppe von Akteur*innen die Klimakrise zum persönlichen Nutzen auf die Spitze treiben konnte“25.

Geradezu exemplarisch lässt sich die Ausblendung der Generationenverantwortung am Umgang einer überwältigenden Mehrheit in Gesellschaft, Medien und Politik mit der NGO „Letzte Generation …“ ablesen, schon daran, dass diese nie mit vollem Namen genannt wurde, denn er endet mit: „… vor den Kipppunkten“. Die zentrale Ansage dieser Bewegung wurde schlicht ignoriert, nämlich daran zu erinnern, dass wir kurz vor dem Beginn eines Prozesses stehen, an dem sich die Klimakatastrophe aufgrund von ihr selbst induzierten Wirkungen so sehr beschleunigt, dass es selbst für konsequenten Klimaschutz zu spät ist. Mit diesem Anliegen und ihren unüberhörbaren Alarmrufen fand „LGvdK“ keinen öffentlichen Anklang. Dass wir alle an einem Scheideweg stehen und unser weiteres Handeln über zukünftiges Sein oder Nichtsein der menschlichen Gesellschaften, wie wir sie kennen entscheidet, wurde schlicht übergangen. Unvergleichlich mehr Aufmerksamkeit fanden ihre Klebeaktionen auf Autostraßen, auch wenn hier diese ohnehin längere Wartezeit im Stau die Regel sind. Während die LGvdK teilweise mit schweren Strafen belegt und sogar dem lächerlichen Vorwurf einer „kriminellen Vereinigung“ belegt wurde, fanden wenig später die allerdings einschneidenden Straßenblockaden von Landwirten zugunsten von Einzelinteressen weithin gesellschaftliches Verständnis und Toleranz.

Trotz alledem ist es ein Gebot intellektueller Redlichkeit, in der klimapolitischen Kommunikation uneingeschränkt am Anspruch der Generationenverantwortung und der Generationengerechtigkeit festzuhalten. Wenn es um die Zukunft der Menschheit und der Erde, wie wir sie kennen, geht, darf es keine Abstriche geben. Klimaschutz ist nur in und mit Generationenverantwortung konsequent.

Angesprochen sind damit vor allem ältere Menschen in den Industrieländern der nördlichen Hemisphäre. Denn gerade die während des und nach dem II. Weltkrieg Geborenen, wie vor allem die Generation der (Baby)Boomer26 haben überwiegend davon in ihrer Lebensführung profitiert, dass in dieser „Phase der Großen Beschleunigung“ die wirtschaftlichen Aktivitäten und technischen Entwicklungen in einem bisher nicht bekannten Tempo und Ausmaß gesteigert wurden – und mit ihnen der Energie- und Ressourcenumsatz mit den Folgen auf Klima, Natur und „Umwelt“27. So muss vor allem an diese Generation in den privilegierten Weltregionen die Frage gestellt werden, wie sie zu ihrer Verantwortung für eine lebenswerte und lebbare Zukunft der nachkommenden Generationen steht.

4. Die Klimakrise als Klassenkonflikt

Wenn Klimaschutz unter Ausblendung der unterschiedlichen Verantwortlichkeiten und Betroffenheiten betrieben wird, verschärft das ohnehin bestehende soziale Ungleichheit und Ungerechtigkeit und führt in der Gesellschaft zu schwindender Akzeptanz. So kann es nicht überraschen, dass – wie die Umfragen in Ländern des globalen Nordens erkennen lassen – in den Sozialklassen, die knapp und prekär leben, häufiger Vorbehalte gegen Maßnahmen für Klimaschutz geäußert werden.

Es sind in allererster Linie die Reichen und Vermögenden weltweit wie im eigenen Land, die mit ihrer Lebensweise, den Wirtschaftsunternehmen und den Finanzfonds, über die sie verfügen, die Erderhitzung antreiben. Dagegen haben vor allem die ärmeren Sozialklassen darunter zu leiden und nicht nur das: sie werden vielfach auch besonders zur Kasse gebeten oder belastet, wenn es um gegenwirkende Maßnahmen geht. Klassisches Beispiel dafür in unserem Land ist die Überwälzung der Kosten energetischer Sanierung auf die Mietpreise.

Aus klimaethischer Sicht ist es hingegen schlüssig und konsequent, wenn – leider meist contrary-to-the-facts – für die Finanzierung von Klimaschutz die vermögenden Klassen zu belasten sind, weniger bemittelte Klassen hingegen prozentual deutlich geringer oder überhaupt nicht. Eine durchsetzungsfähige Klimapolitik ist ohne die Beachtung von Klimagerechtigkeit und im Verbund mit Maßnahmen sozialer Umverteilung nicht zu machen. Es ist das Verdienst des französischen Ökonomen Thomas Piketty und seines Teams im Clima Inequality Report28, sowie der NGO Oxfam, in ihren Studien, die soziale Verantwortungsschere für die Klimakatastrophe in Zahlen sichtbar gemacht zu haben:

– die reichsten 10% der Weltbevölkerung sind für 48% aller Treibhausgas-Emissionen verantwortlich

  • die reichsten 1% der WB verursachen 17% aller THG-Emissionen ,
  • die reichsten 0.1% 7%,
  • die ärmsten 50% hingegen nur 12%.

Ebenso aufschlussreich ist, in welchem Ausmaß Arme und Reiche seit 1990 für einen Rückgang der C02-Emissionen in Deutschland gesorgt haben, nämlich die „unteren“ 50% zu 34%, die „oberen“ 10% zu 1%. Wenn wir uns an der Zielgröße des Klimaschutzgesetzes für 2030 – nämlich 5,3 t CO2-Äquivatente pro Jahr und Person – orientieren, hätten die „unteren 50%“ das mit 5,9 t 2019 nahezu erreicht, während die „reichen 10%“ mit ihrem Überkonsum davon himmelweit entfernt sind. Es wäre ein krasser Verstoß gegen soziale Gerechtigkeit, unter diesen Umständen erhebliche Klima-Anstrengungen von den ärmeren Sozialklassen zu erwarten statt in allererster Linie die notwendigen finanziellen Mittel und einen Wandel in der Lebensführung von den reichen Klassen entsprechend der Einkommensskala. Zumal gerade sie, anders als die ärmeren Sozialklassen, über dafür notwendige Mittel verfügen29.

Einige Beispiele aus deutscher Binnensicht: Es ist im Lichte der Klimagerechtigkeit nicht zu vermitteln, dass die energetischen Sanierungen über die Mieterhöhung von den ärmeren Haushalten getragen werden, statt überwiegend vom Eigentümer, der per Rechtstitel den Klimaschaden durch das Gebäude zu verantworten hat. Und auch wenn das für die Wenigsten durchschaubar ist: Das europäische System des Zertifikatehandels belastet zwar folgerichtig die mit fossilen Brennstoffen arbeitenden Energieversorger, gestattet ihnen aber die Weiterleitung der Zusatzkosten an die Stromverbraucher, wobei die einzelstaatlich arrangierten Kostensenkungen für die großen Industriebetriebe diese weit über die Zertifikatskosten hinaus entlasten.

In anderer Sicht zeigt das auch die Debatte um mögliche Zumutungen, die mit konsequenter Klimapolitik kaum vermeidbar sind, die aber als Menetekel an die Wand gemalt werden, um eben dringende Schritte zum Klimaschutz zu vermeiden. Wenn es hier um wirksame Schritte geht, sind nicht die ärmeren Sozialklassen gefragt, sondern die Zumutungen zielen auf Hyperkonsumverhalten und z.B. treibstofffressende Lebensführung bei den wirtschaftlich und sozial Bessergestellten.

Eine sozial gerechte Klima- und Umweltpolitik kommt folglich nicht daran vorbei, die notwendige Dekarbonisierung und ökologische Transformation mit einer tiefgreifenden Umverteilung des Reichtums in der Gesellschaft zu verbinden. Nur ein erster Schritt in diese Richtung ist die Einführung des Klimagelds als Ausgleich für eine schrittweise steigende CO2-Abgabe, die dann allerdings auch nur an den Teil der Bevölkerung mit geringem Einkommen ausgezahlt werden sollte. Und ohne eine für die Zukunftssicherung eingesetzte Vermögenssteuer und eine deutlich erhöhte Erbschaftssteuer wird eine ökologische Transformation nicht zu machen sein.

Empirische Sozialstudien weisen deutlich darauf hin, dass verbreitete Vorbehalte gegen wirksamen Klimaschutz stark von der Befürchtung gesteuert und geprägt sind, dass sie eine Verschlechterung der eigenen Lebensbedingungen zur Folge haben. So kommt das Soziologenteam der HU Berlin unter Steffen Mau30 im qualitativen Teil ihrer Umfragen zu Konflikten um Ökologie und Klimaschutz zum Ergebnis, dass in den initiierten Gruppendiskussionen immer wieder und sehr deutlich die Befürchtung artikuliert wird: Eine Politik des Klimaschutzes werde die Lasten in erster Linie den weniger bemittelten Bevölkerungsklassen aufbürden, statt die Wohlhabenden und Reichen zur Kasse zu bitten. Es ist den Diskutant*innen auch durchaus bewusst, dass für die Erderhitzung ganz überwiegend die oberen Einkommensgruppen verursachend sind. „Die Verbindung von sozialer und ökologischer Frage ist (daher) das zentrale Thema, das sich durch alle Klimadiskussionen zieht“, wie „Triggerpunkte“ resümiert31 . Dabei zeigt sich, keineswegs überraschend, dass vor allem gering Verdienende mit unsicheren, prekären Jobs Vorbehalte gegen wirksamen Klimaschutz haben, aus der Befürchtung, dass dieser vor allem auf ihrem Rücken ausgetragen wird.

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt auch das Soziologenteam der Universität Jena in ihrem Untersuchungsprogramm zu Klassenkonflikten in einer sozialökologischen Transformation32. Auch hier zeigt sich, dass insbesondere im den materiell benachteiligten Sozialklassen Ängste und Abwehr gegen gesellschaftlichen Wandel vorhanden, wenn nicht vorherrschend sind, weil befürchtet wird, dass sich die eigene ohnehin prekäre Situation dadurch noch weiter verschlechtert. Die Autor*innen sprechen hier von einer nachvollziehbaren „regressiven Veränderungsabwehr“33 :

Sie „häuft sich insbesondere dort, wo die eigene Lage vergleichsweise prekär und durch gering qualifizierte, mit wenig Anerkennung verbundene, teils unsichere, oft schlecht bezahlte Tätigkeiten gekennzeichnet ist. Sie sind häufiger bei Befragten mit einfachen Bildungsabschlüssen und einer insgesamt geringeren Ausstattung mit Ressourcen, die helfen können, gesellschaftlichen und technologischen Wandel zu verarbeiten.“34

Dass Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen und Lebenslagen auch die unmittelbare Zukunft ungesichert erscheinen kann, ist in jedem Fall nachvollziehbar. Nicht überraschend ist daher auch, wenn die mit einer ökologischen Transformation zu erwartenden Veränderungen gerade hier mit Reserve, Abwehr oder mit Ängsten aufgenommen werden. Zumal eine Klimaschutzpolitik nicht mit der Vision einer goldenen Zukunft verbunden werden kann; sondern lediglich mit der Zusicherung, mit ihr würden die Lebensumstände sich jedenfalls nicht so verschlechtern, wie mit einer Politik des „weiter so“ mit Sicherheit zu erwarten wäre.

Eine Abwehrhaltung gegen befürchtete oder angetragene Veränderung oder eine generelle „Veränderungsmüdigkeit“ (so „Triggerpunkte“), genährt aus ökonomischer und sozialer Benachteiligung und prekärer Lebenslage, ist vermutlich ein Faktor für den starken Zulauf zu nationalautoritären Parteien wie der AfD in Deutschland, dem RN in Frankreich, der PVV in den Niederlanden, der VOX in Spanien, der PIS in Polen. So lag der Anteil der AfD-Wählenden für den Bundestag 2025 in der Arbeiterklasse bei 38%, gegenüber einem Anteil von 21% insgesamt35. Auch Frankreich, Großbritannien und in den Niederlanden verzeichnen die Nationalautoritären einen starken Wahlzulauf gerade in den prekär arbeitenden und lebenden Sozialklassen. Hinzu kommt, dass aus den sozial, wirtschaftlich und kulturell benachteiligten Sozialklassen sich wesentlich weniger Menschen an Wahlen beteiligen – ein deutliches Zeichen, dass sich in den „unteren“ Sozialklassen sehr viele Menschen gesellschaftlich abgehängt sehen36.

Zudem stimmen alle Umfragen darin überein, dass nationalautoritäre Wahl- und Parteien-Präferenz stark mit Klimaleugnung korreliert37. Auch das spricht dafür, dass eine auf mehr Unterstützung zielende Klimapolitik klar thematisieren muss, dass die Verantwortung mit Blick auf Armut/Reichtum extrem ungleich verteilt ist; und dass infolgedessen eine überzeugungsfähige Klimaschutzpolitik zugleich dafür eintreten muss, sich gleichermaßen für einen deutlichen Abbau sozialökonomischer und kultureller Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten zu engagieren.

Eine Klimaethik, die die soziale Ungleichheit und Umverteilung mit einschliesst, sollte sich also an folgenden Gesichtspunkten orientieren38:

  • Die krass ungleiche Verursachung der Klimakatastrophe: die schädlichen Treibhausgase mit ihren uns alle bedrohenden Folgen wurden in der Vergangenheit und werden auch gegenwärtig ganz überwiegend von den Bessergestellten und den Wohlhabenden und ihren mit fossilen Brennstoffen betriebenen Unternehmen und ihrer oft zwanghaften Gier nach Besitz und Profit generiert. Hier muss also nach dem Verursacherprinzip angesetzt werden.
  • Das Verursacherprinzip sollte entsprechend auch bei der Finanzierung der Maßnahmen gelten, die erforderlich sind, um in größter Schnelligkeit eine Klimaneutralität in Wirtschaft und Gesellschaft zu erreichen.
  • Bei allen Maßnahmen, die zur Einschränkung und zur Linderung der Folgen der Klimakrise zu treffen sind, muss die sehr unterschiedliche Betroffenheit berücksichtigt werden. Es müssen hier vor allem die Armen und mit geringen Mitteln Ausgestatteten gestützt und unterstützt werden. Die “oberen“ Klassen haben hingegen weitaus mehr Möglichkeiten, sich den Folgen der Klimakrise auf ihr Leben zu entziehen oder sie abzumildern.
  • Vorsicht vor ökologischer Distinktion. Klasse und Klima kreuzen sich auch in der Frage der praktizierten oder präferierten Lebensstile. So ist in der privilegierten neuen Mittelklasse ein ökologisch orientierter Lebensstil signifikant häufig gesucht. Er kann praktiziert werden, weil hier die finanziellen Ressourcen vorhanden sind. Diese Überlegenheit ist zugleich ein Teil der kulturellen Dominanz dieser Klasse. Durch ihr stärkeres Gewicht in der Öffentlichkeit kann sie ihre Lebensführung als erstrebenswert darstellen. Die prekär lebenden Klassen hingegen haben die finanziellen Ressourcen dafür nicht und setzen einen eingeübten Lebensstil fort, der in der neuen Mittelklasse unter Umständen abgewertet wird. „Der klimaschädliche Konsum der Arbeiterklasse steht dann mitunter stärker zur Debatte als die eigenen klimaschädlichen Mobilitätsmuster39. So kann sich ein Kulturkampf entwickeln, den wir gegenwärtig in Deutschland wie in anderen Ländern auch erleben und der zur Folge hat, dass notwendigen Maßnahmen des Klimaschutzes zusätzlich gehindert und blockiert werden40

5. Klimagerechtigkeit und Klimavertreibung

In noch größerer Schärfe stellt sich die Frage der Klimagerechtigkeit auf globaler Ebene. Die Länder des früh industrialisierten globalen Nordens haben über Jahrzehnte und teilweise Jahrhunderte durch Nutzung von Kohle, Erdöl und Erdgas hohe Anteile von Treibhausgasen am Erdhimmel angereichert, obwohl bereits Ende des 19. Jahrhunderts durch Svante Arrhenius, später Nobelpreisträger für Chemie, prinzipiell bekannt sein musste, dass zusätzliches Kohlendioxid in der Atmosphäre die Wärmerückstrahlung verstärkt und eine Art Treibhauseffekt bewirkt. Mit den ersten Berichten des Weltklimarats ist das seit 1982 bestätigt und nicht ernsthaft bestreitbar. Seitdem ist die historische Verantwortung der Nordländer bzw. ihrer Staatsführungen eindeutig, und sie wird denn auch aus den Südländern entsprechend eingeklagt.

Zumal vor allem diese Länder und Regionen unter den Folgen der zunehmenden klimatischen Katastrophen zu leiden haben. Die krasse Ungerechtigkeit in der Betroffenheit durch den Klimawandel ist so offenkundig, dass der seit 2009 verhandelte Fonds zur Stützung der besonders betroffenen Südländer bei Klimaschutz und Klimaschäden immerhin nicht mehr strittig, wenngleich weiterhin unzureichend ausgestattet ist.

Zudem ist der Klassenkonflikt in der Klimakrise in den Südländern weit schärfer und zugespitzter. In vielen ländlichen Regionen, wie auch in den Volks- und Armenvierteln der Megastädte werden die Menschen auf kürzere oder längere Sicht nicht weiterleben können und zur Suche einer anderen Bleibe gezwungen sein. Wenn wir den Szenarien von Klimaforschern wie Hans-Joachim Schellnhuber folgen, wird die Erderhitzung im Landesinnern der tropischen Regionen in wenigen Jahrzehnten menschliches Leben und Überleben dort nicht mehr möglich machen.

Weil die Oberklassen auch der Südregionen durch ihren Lebensstil zur globalen Klimakrise mit beitragen und zugleich ihren Folgen mit ihren Ressourcen ausweichen können, sind verschärfte Klassenkonflikte absehbar. Die Philosophin Nancy Tuana illustriert das am Beispiel der Stadt „Eko Atlantic“ in Lagos41. Lagos als Megastadt mit weit über 20 Millionen Einwohnern ist durch ihre Küstenlage durch einen ansteigenden Meeresspiegel bereits jetzt absehbar gefährdet. Die Oberklasse reagiert darauf mit einem staatlich finanzierten 8,5 km langen breiten Schutzwall vor der Küste, auf dem ein Wohnviertel für 250.000 Menschen errichtet wird. Eine Wohnung im noch im Bau befindlichen Eko Atlantic können sich nur Reiche leisten. Die zur Mehrheit armen Stadtbewohner werden durch den Schutzwall nicht geschützt, vielmehr wurden für das Vorhaben viele bisherige Armenviertel an der Küste ersatzlos geräumt und zerstört. „Klimaapartheid“ und „Klimaseparatismus“ in Reinkultur, wie Nancy Tuana das nennt.

Zu den Konflikten um globale Klimagerechtigkeit beschränke ich mich im folgenden auf klimabedingte Flucht und Fluchtbewegungen. Hier springt die Kluft zwischen klimaethisch begründbaren Normen und gesellschaftlicher Wirklichkeit besonders stark ins Auge:

Der Umfang von Flucht und Migration aufgrund der fortschreitenden Klimaveränderungen ist kaum zu überschätzen. Nach Berechnungen des UNHCR

wurden in den letzten 10 Jahren 220 Millionen Menschen durch klimabedingte Katastrophen zur Flucht innerhalb der Landesgrenzen gezwungen. 2023 verließen rund 26,4 Millionen Menschen ihre Heimat aufgrund von Katastrophen und klimabedingten Ereignissen wie Dauerregen, langanhaltenden Dürren, Hitzewellen und Stürmen sowohl kurz- als auch langfristig – das ist die höchste Zahl seit einem Jahrzehnt.42

Die Flucht- und Migrationsbewegungen werden im Verlauf der kommenden Jahre weiter zunehmen. Auslösender Faktor ist häufig der Verlust von bewohnbarem bzw. kultivierbarem Territorium für die betroffenen Menschen. So leben in Küstengebieten, die weniger als einen Meter über dem Meeresspiegel liegen, gegenwärtig Hunderte von Millionen Menschen. Zudem sind es im globalen Süden vielfach diese Städte, die zum Fluchtziel ländlicher Bevölkerung werden, die nicht mehr aufgrund von Klimawandel und Desertifikation in ihren Dörfern leben und überleben kann.

Als Folge von Klimazerstörung sind gewaltförmige Konflikte zu erwarten, oft ausgelöst durch die Verknappung lebenswichtiger Ressourcen wie Wasser und nutzbarem Land. Dass und wie eine sich stufenweise steigernde Klimakrise Auslöser und Treiber für einen permanenten Kriegszustand, zu Massenmorden, Genozid und Massenvertreibungen führen kann, erleben wir seit 2003 in Darfur, der Westregion im Sudan:

 

Zunehmende Durchschnittstemperaturen und ein Rückgang der ohnehin dort knappen Jahresniederschläge führen auch in Darfur zu einer weiter vordringenden Desertifikation, zu Verlusten von Wasserreservoirs, zur Verknappung der nutzbaren Landfläche und zum Rückgang der Ernten sowie der zur Beweidung nutzbaren Flächen. Eine Folge waren und sind sich steigernde Nutzungskonflikte zwischen den überwiegend schwarzafrikanischen sesshaften Bauerngesellschaften und den überwiegend arabischen zwecks Beweidung umherziehenden Viehhaltern, die in beiden Fällen stammesgesellschaftlich organisiert sind.

Der mit der Klimakrise sich verschärfende Ressourcenkonflikt brach zu Beginn des Jahrhunderts mit einer Rebellion aus der schwarzafrikanischen Gesellschaft des Darfur gegen das autoritäre Regime im Sudan voll auf. Das dortige Regime rekrutierte und bewaffnete im großen Umfang im Darfur junge Männer aus den arabischen Gesellschaften der Viehbauern. Diese „Janjaweed“ genannten Milizen überfielen die Dörfer sesshafter Bauernfamilien, ermordeten oder vertrieben dort die Einwohner. Nach Schätzungen der UNO wurden in diesem um Land, Zugang zu Wasser und Lebensraum geführten Krieg 300.000 Menschen ermordet und 3 ½ Mio Menschen vertrieben, die seitdem in riesigen Vertriebenenlagern im Tschad, Ägypten oder anderen Fluchtländern mehr überleben als leben.

Im 2023 beginnenden Kampf um die Staatsmacht im Sudan setzte der Führer der „RSK“-Milizen erneut die Janjaweed ein, die durch ihre Plünderungen und Eroberungen im Krieg „entlohnt“ werden und die über die Zugänge aus Libyen und per Flugzeug aus den arabischen Emiraten und aus Saudi Arabien bewaffnet werden. Im Gegenzug erhalten die Waffenlieferanten Zugänge zur Plünderung der Bodenschätze in Darfur. Mit den RSK-Milizen wurden Krieg und Vertreibung auf den Süden Darfurs ausgeweitet. Ende Oktober 2025 führte das nach anderthalbjähriger Belagerung, zur Einnahme von El-Fashir, der größten Stadt in Darfur, in der von den ursprünglich 1,5 Millionen Einwohnern nur rund 250.000 verblieben waren und zu Massenmorden in einem bisher nicht bekannten Ausmaß. Vertreibung und faktischen Genozid der schwarzafrikanischen Bevölkerung setzen die Milizen bislang ungehindert fort… .

Die Zahl der überlebenden Vertriebenen in den Lagern im Tschad wird sich damit weiter vergrößern. Ihre Vertreibung ist in jedem Fall mitverursacht durch die regionalen Auswirkungen der Erderhitzung und die mit ihr bewirkten gesellschaftlichen Erschütterungen. Erstmalig hatte Ban Ki Moon, seinerzeit UN-Generalsekretär, das im Jahr 2006 so formuliert.

Klimabedingte Ressourcenkonflikte können zu Gewaltkonflikten und Klimavertreibung eskalieren, und das nicht nur in Darfur43. Klimabedingte Flucht und Vertreibung ist eine in vielen Weltregionen stattfindende Tragödie und oft genug eine Katastrophe. Wie sie vermieden werden kann und wie damit umzugehen ist, wenn das stattfindet, geht uns hier und heute an. So stellt sich auch jetzt die drängende Frage, wo und wie können Klimavertriebene eine menschenwürdige Bleibe finden? Was ist z.B. die Zukunftsperspektive der Millionen Darfuris, die in den nach der Trumpschen Streichung von USAID unzureichend von der UNO versorgten Lagern im Tschad nur notdürftig überleben?

Gegenwärtig findet Klimavertreibung ganz überwiegend im globalen Süden statt, typischerweise in die oft zu Megastädten anwachsenden Siedlungen. Doch können die Klimavertriebenen ein Leben jenseits krasser Armut und Gefährdung in den ohnehin überbordenden Slums der Megastädte finden? Zumal ein Teil dieser Städte, sofern an flachen Küsten gelegen, vom steigenden Meeresspiegel ganz oder partiell vernichtet wird.

So werden in Bangla Desh Schätzungen zufolge in den nächsten Jahrzehnten mehr als 20 Millionen Menschen ihre am Golf von Bengalen regelmäßig überfluteten Dörfer und Felder verlassen müssen, um wohl zunächst im Metropolenraum Dhaka zusätzlich Unterkunft und Auskommen zu suchen, bei einer dortigen Bewohnerzahl von 25 Mio gegenwärtig. Oder, sofern sie nicht überschwemmt wird, in der Küstenstadt Chittagong mit gegenwärtig rund 10 Mio Menschen. Ein eher düsteres Zukunftsszenario.

Nach Lage der Dinge wird es menschenrechtlich vertretbare Lösungen unter Vermeidung von Folgekatastrophen und Gewaltkonflikte in den Zufluchtsgebieten erst geben, wenn Klimavertriebene auch Lebens- und Siedlungsrechte in Regionen finden,

  • die relativ weniger stark und folgenreich von der Klimazerstörung betroffen sind,
  • die mit ihren wirtschaftlichen, technischen und finanziellen Ressourcen besser auf die Klimafolgen reagieren können
  • und die auch innergesellschaftlich resilienter sind.

Gegenwärtig sind das in erster Linie die entwickelten Länder des globalen Nordens.

Eben diese Länder – Europa einschließlich Russland, Nordamerika und Australien/Neuseeland – verursachten ganz überwiegend die Klimaveränderungen, die in den Regionen des globalen Südens die Menschen zur Flucht aus ihrer Heimat gezwungen haben und dazu weiter zwingen werden. Auch wenn es keine international kodifizierte Regelung gibt, die diese Länder zur Aufnahme von Klimavertriebenen aus dem globalen Süden verpflichtet, aus ethischer Sicht sind die Argumente für eine solche Verpflichtung überzeugend. Wenn Gesellschaften durch ihr Handeln in Vergangenheit und Gegenwart für die zu Abwanderung und Flucht zwingenden Klimaveränderungen vor Ort verantwortlich sind und das zudem seit über 40 Jahren wisse, haben sie eine eindeutige moralische Hilfeverpflichtung. Dazu gehört es unter Umständen auch, den Betroffenen einen neuen Lebensraum zu gewähren.

Nur: Klimaethisch gebotenes Handeln und gesellschaftliche Realität stehen in einem krassen Missverhältnis. In den vergangenen Jahren errichten die Länder des globalen Nordens in zunehmender Missachtung des Völkerrechts und gegen Grundregeln der Humanität immer höhere Mauern gegen Flüchtlinge, Vertriebene und gegen ökonomisch motivierte Zuwanderung generell.

Dabei werden die Regierungen von einer sich verstärkenden xenophoben Haltung in großen Teilen der Bevölkerung unterstützt und getrieben. Migration und Zuwanderung sind in nahezu allen genannten Ländern ein „Triggerpunkt“ geworden, ein Brennpunkt gesellschaftlicher Erregtheit und Empörung. Politische Parteien können – wie an vielen Ländern klar zu sehen – darauf setzen, mit diesem Triggerpunkt erfolgreich auf Stimmenfang zu gehen44. Die in Deutschland jüngst durchgeführte Studie des Mercator Forum zu Polarisierungen in der Gesellschaft ergibt, dass Zuwanderung bei 80% der Befragten der größte Aufreger ist, viel größer als etwa der Klimawandel, der Ukrainekrieg oder die soziale Ungleichheit. Daher ist Zuwanderung das essenzielle Thema für das Geschäftsmodell von Parteien wie der AfD45, der Triggerpunkt, mit dem sie sich dem stärksten Zuspruch bei Wahlen auf allen Ebenen versprechen.

Ihr krasser Kontrast zur gesellschaftlichen Bewusstseinslage hebt die aus ethischer Sicht schlüssige Hilfsverpflichtung für Klimavertriebene nicht auf. Es ist zudem kurzsichtig, sie als wirklichkeitsfern ab zu tun, vielmehr setzt die Klimaethik hier ein zukunftsweisendes Signal. Sie lädt ein darüber nachzudenken, welches Verhalten denn für die Menschheit lebensrettend wäre, wenn sich die Klimazerstörung in den kommenden Jahrzehnten nach Lage der völlig unzureichenden Gegenmaßnahmen voraussehbar verschärft. Denn aus den bisher vielfach gut empirisch bestätigten Zukunftsszenarien der Klimaforschung lässt sich ablesen, dass dann absehbar immer mehr und immer größere Regionen der Erde unbewohnbar werden oder doch in einen Zustand geraten, in dem sich die dort lebenden Menschen nicht mehr mit dem elementar Überlebenswichtigen versorgen können.

Klimaflucht und Klimavertreibung wird dann zu einer weltweit generalisierten Überlebenskatastrophe. Sie stellt den weniger und kleiner werdenden Weltregionen, die durch glückliche Klimazufälle davon weniger betroffen sind, schnell die Alternative, sich mit den betroffenen Regionen zu arrangieren oder gegen diese in eine Art Überlebenskampf zu treten. Die zweifellos vernünftigste, da die verbleibenden menschlichen Zivilisationen und Kulturen bewahrende Reaktion wäre dann das Arrangement. Das Signal, welches die Klimaethik bezüglich des Umgangs mit Klimavertriebenen für morgen sendet, ist also: Nur in der konsequenten Anerkennung, gemeinsam Weltbürger in einer für sie lebenswichtigen und nicht weiter zu zerstörenden Biosphäre zu sein, hat die Menschheit dann noch eine Überlebenschance.

Deshalb können wir auch gegenwärtig ungeachtet der weiter grassierenden Xenophobie der Frage nicht ausweichen, wo und in welcher Weise Klimaflüchtlinge in wirtschaftlich wohlhabenderen und weniger vom Klimawandel betroffenen Regionen angesiedelt werden können. Vorschläge hierzu aus betroffenen Ländern sind ernst zu nehmen, wie etwa das Ansinnen von NGOs aus Bangla Desh, Klimaflüchtlingen in den für den Klimawandel verantwortlichen Ländern neuen Lebensraum zu gewähren – entsprechend dem über CO2-Emissionen quantifizierbaren Beitrag, den diese zur Entstehung der weltweiten Erderwärmung geleistet haben.

Einen Ansatz für weltweite Diskussionen bietet hier die bisher zu wenig bekannte internationale Platform on Disaster Displacement“ (PDD), die sich 2010 aus der von Norwegen gegründeten „Nansen Initiative“ konstituiert hat46, mit gegenwärtig 19 Mitgliedsstaaten, in der neben der EU zusätzlich auch Frankreich und Deutschland, letztere über das Auswärtige Amt, Mitglied sind. Diese Organisation erarbeitet Strategien und Instrumentarien, wie Menschen und Siedlungen in bestimmten Weltregionen

  • durch vorbeugende Maßnahmen vor Flucht und Vertreibung durch Klima- oder generell Umweltveränderungen bewahrt und geschützt werden können und/li>
  • wie ihnen, sofern sie doch gezwungen sind, ihre Heimat innerhalb ihres eigenen Landes oder über die Grenze umwelt- und klimabedingt zu verlassen, mit der Gewährung eines neuen Lebensraums geholfen werden kann.

Ich halte es für sinnvoll, dass Deutschland, wie im übrigen eine ganze Reihe der globalen Nordländer, einen zentralen Vorschlag aus der Strategie aufgreift, welche die „Platform“ für die Jahre 2024-2030 entwickelt hat:,to enhance availability and flexibility of pathways for regular migration for persons at risk of or affected by disasters and the adverse effects of climate change“47

Deutschland leidet, parteiübergreifend zugestanden, unter einem großen Mangel an Fachkräften in vielen Berufen und Qualifikationen. Dieses Manko dadurch zu lindern bereits ausgebildete Fachkräfte aus anderen Ländern anzuwerben, ist, in größerem Maßstab praktiziert, höchst problematisch und absehbar konfliktreich, da die Herkunftsländer selbst Fachkräfte benötigen und diese in der Regel auch auf Staatskosten ausgebildet haben. Und es ist zudem ungerecht, da es gerade die Ärmeren und weniger gut Ausgebildeten sind, die zur Flucht gezwungen sind. Warum nicht mit Ländern, die stark von klimabedingter Vertreibung betroffen sind, die Aufnahme davon betroffener Menschen vereinbaren, um ihnen hier Ausbildung und Anstellung für dringend benötigten Berufe zu eröffnen? Ohne die klimaethische Verpflichtung für Klimavertriebene damit utilitaristisch zu verkürzen, wäre sie mit einer wirtschaftlich sinnvollen und für sich nicht klimaschädlichen Maßnahme verbindbar – ein kleines Beispiel für realitätsgerechte Klimaethik.

6. Klimaangst in doppelter Sicht

Klimaangst“, ein in der Psychologie inzwischen fester Begriff, ist als oft schwere psychische Belastung weit verbreitet. Es greift jedoch aus meiner Sicht zu kurz, sie als seelische Erkrankung einzustufen; angesichts der ganz realen Bedrohung durch immer massiver und unberechenbarer werdende Wetterkatastrophen kann sie ebenso gut als eine der Wirklichkeit angemessene, quasi natürliche Reaktion gewertet werden, als seelischer Alarm auf eine sich sichtbar verstärkende Klimakatastrophe.

Es überrascht denn nicht, wenn vor allem unter jungen Menschen Klimaangst weit verbreitet ist. Einen Hinweis darauf gibt die von der global vernetzten NGO AVAAZ im Jahr 2021 durchgeführte Umfrage unter 10.000 jungen Menschen zwischen 16 und 25 Jahren in 10 Ländern weltweit. Sie ergab, auf allerdings nur pauschale Antwortmuster, eine starke bis extrem starke Beunruhigung unter 59% der Befragten. Dass hier die Philippinen mit 84%, Indien mit 68% und Brasilien mit 67% ganz vorne lagen, überrascht nicht angesichts der dort besonders schwerwiegenden Klimarisiken und bereits erlebten Katastrophen. Mehr als die Hälfte der Befragten gab an, angesichts der zunehmenden Klimakrise „traurig“ und „voller Angst“ zu sein, sich zugleich „machtlos und hilflos“ zu sehen und – bei jungen Menschen überraschend und berührend „Schuldgefühle“48 angesichts der Tatenlosigkeit zu haben. Die vor ihnen liegende Zukunft bewerteten 75% als beängstigend49.

Für Deutschland aufschlussreich ist die von der Barmer Krankenkasse beauftragte Sinus Studie „jugendlicher Lebenswelten“ 2023/4 unter 14-17jährigen, die allerdings mit lediglich pauschalen Skalierungen ermittelte50. 36% der Jugendlichen benennen sehr deutlich Angst vor dem Klimawandel (Stufe 8, 9 und 10 auf einer Zehnerskala), nur 16 Prozent haben keine Angst (Stufen 1, 2 und 3 auf der Zehnerskala). Unter den jungen Frauen äußern 43% deutliche Klimaangst, bei den jungen Männern ist dieser Anteil mit 31% geringer.

Angst und Sorge um die fortschreitende Erderhitzung treten in den Hintergrund, sie können abgelöst werden oder sich vermischen mit Angst vor bereits stattfindenden Kriegen, Pandemien, Nuklearwaffen, die Plastikvermüllung der Weltmeere, die Vergiftung von Wasser, Luft und Boden mit Ewigkeitschemikalien und Pestiziden, das von Menschen verursache Massensterben an Arten in der lebenden Natur. Der Begriff „climate anxiety“, manchmal auch „eco-anxiety“, wird daher im angloamerikanischen Bereich für ein generalisiertes Bewusstsein von Bedrohung durch Umweltdegradationen aller Arten verwendet.

Aufschlussreich sind umfassende Studien in 32 Ländern, die ergeben, dass climate anxiety umso häufiger vertreten ist, je besser Gruppen und Regionen über die sich entwickelnden Klimakrisen informiert sind, persönlich wetterbedingte Katastrophen und Extreme erfahren haben und je mehr sich die Betroffenen in Umwelt- und Klimakonflikten engagieren51.

In aller Regel werden Angstzustände als handlungslähmend gewertet. Dem kann im Lichte des oben genannten Untersuchungsergebnisses nur bedingt gefolgt werden: Klimaangst korreliert mit intensiverer Beschäftigung mit Klima“wandel“ und praktischem Engagement. Es erscheint daher angemessener, Klimaangst so zu nehmen und anzunehmen, wie „Angst“ seit Kierkegaard in der existentialistischen Philosophie und in der Gestalttherapie als gleichsam janusköpfig begriffen wird: als depressive und verstörende Handlungslähmung, aber auch als ein möglicher Anstoß gegen die angsterregenden Zustände selbst anzugehen. Wenn Kierkegaard Angst als „Schwindel der Freiheit“ analysiert, spricht er sie, allerdings in individuell-religiöser Sicht, damit in einem Doppelcharakter an: als handlungslähmend im Schrecken angesichts der Grenzen und Bedrohungen im Leben; zugleich auch als möglichen auslösenden Impuls für ein freies Handeln in der Welt52. Camus entwickelt im „Mythos von Sisyphos“ gerade aus einem Gefühl der Sinnlosigkeit und Absurdität des Lebens einen Willen zum Handeln, und zwar erst recht dann, wenn die Erfolgsaussichten als gering bzw. als nicht existent erscheinen53.

In dieselbe Richtung weist Heidegger in „Sein und Zeit“ mit seiner Unterscheidung zwischen Furcht und Angst. Demnach sei „Furcht“ auf als bedrohlich wahrgenommene Zustände, Ereignisse, Gegenstände oder Verhältnisse gerichtet und fixiert, während „Angst“ auf eine als grundlegend unsichere Grundsituation als „Dasein“ in der Welt abhebt, auf die generelle Bedrohlichkeit des Lebens in dieser Welt. Zusammengefasst im Satz „Wovor die Angst sich ängstet, ist das In-der-Welt sein als solches“. Um das „in der Welt sein als solches“ geht es bei den selbsterzeugten planetaren Bedrohungen der Menschheit nun wirklich, um die nun vor allem existentielle Frage des Lebens und Überlebens der Menschheit auf der Erde, wenn nicht auch zugleich um eine Biozid-Angst, die umfassende Bedrohung der lebenden Natur durch die fortdauernden Degradierungen und Zerstörungen.

Mit dieser Konsequenz folge ich Heidegger ausdrücklich nicht54. Dieser analysiert „Angst“ letztlich individualistisch, als Betroffenheit von auf sich selbst zurückgeworfenen Menschen. Er bezieht sie auf ein immer „jemeiniges Da-Sein“, wie er das formuliert. Damit blendet „Sein und Zeit“ den grundlegenden Fakt aus, dass die „Da-Seienden“ nur als Teil einer umfassenden lebendigen Welt auf der Erde „da“ sind. Dass eben das bedroht und gefährdet ist, kommt in Klimaangst zum Ausdruck.

Eben weil es um das „In-der-Welt-sein“ geht, kann Angst, wie bei Kierkegaard und Camus angedacht, eine befreiende Funktion haben, als Impuls, sich auf wesentliche Dinge im zeitlich begrenzten Leben zu richten. Und dazu gehört auch die Zukunft der Menschen auf der von ihnen gebeutelten Erde. Ähnlich öffnet aus Sicht der Gestalttherapie Angst vor dem geradezu handgreiflichen Prozess der Selbstzerstörung der menschlichen Zivilisation durch Erderhitzung und umfassende Umweltdegradation die Chance zur „Wiederbelebung der emotionalen Sensibilität“ und damit einer „Veränderung unseres Verhältnisses zur Natur“55.

Klimaangst und eco-anxiety müssen nicht dauerhaft lähmen. Sie können als heilsamer Schreck wirken, der dazu ermutigt, den fortgesetzten Abwärtsgang in die Abgründe von Klima- und Umweltkatastrophen nicht mehr hinzunehmen sondern im Rahmen des jeweils Möglichen dagegen anzugehen. Nicht Klimaangst als ein immer häufiger werdendes psychisches Syndrom ist das Problem und die Gefahr, sondern das, wovor sie „sich ängstet“: Die immer alarmierendere Erderhitzung, das Massensterben der Arten, die Kontaminierung des ganzen Planeten mit Umweltgiften, der Weltmeere mit Plastik. Klimaangst ist seelisch schwer belastend, eben weil sie hellsichtig und realitätsgerecht ist!

7. Wie damit umgehen?

Die Selbstzerstörung der menschlichen Gesellschaften infolge eines globalen Klimakollaps zu vermeiden, ist aus ethischer Sicht zwingend. Jedoch laden die Ungreifbarkeit des Klimawandels, die nie eindeutig durch ihn zurechenbare Verursachung von Wetterextremen, die räumliche wie zeitliche Verschiebung der Klimafolgen geradezu ein, die Szenarien des bevorstehenden Unheils nicht zur Kenntnis zu nehmen, zu verleugnen – denying; oder zwingend notwendige Maßnahmen der Prävention in der politischen und wirtschaftlichen Praxis auf die lange Bank zu schieben – delaying. Gardiner folgend nenne ich das „die ethische Tragödie der Klimakrise“

Wie kann gleichwohl und somit gegen den Strom für Klimaschutz wirksam geworben werden? Dazu einige Überlegungen:

  1. Wir hatten gesehen: Je erkennbarer der sich anbahnende Klimakollaps an der Häufung etwa von Wetterextremen wird, desto mehr hat ein oft aggressiver Klimanihilismus Konjunktur – und das nicht zufällig vor allem im globalen Norden. Auch nimmt die auf Klimaschutz dringende Sozialbewegung im globalen Norden mit sichtbarer Verschärfung der Klimakrise eher ab als zu. Zugleich sieht sich die regierende Politik in diesen Ländern fast geschlossen dazu ermutigt, beschlossene Klimaschutzmaßnahmen zurückzunehmen, ihre Umsetzung zu vertagen oder – wie vor allem in den USA – aktiv Klimazerstörung zu betreiben.Die Klimabewegung gerät so erst recht in die unbequeme Rolle der klassischen Kassandra. Ihre Botschaften und Warnungen ernten gegenwärtig immer häufiger Abwehr, mit oft aggressiver Tönung. Es muss gegen den Strom gerudert werden.Dennoch halte ich es angesichts der hohen wissenschaftlichen Zuverlässigkeit der Klimaszenarien für falsch, in der Kommunikation die sich ohne Kurswechsel klar abzeichnende Dramatik dessen, was planetar bevorsteht, besänftigend abzuschwächen, zu verschweigen oder zu beschönigen. Der nicht zu bestreitende Ernst der Lage gebietet uneingeschränkte Ehrlichkeit. Gegen die fake news und Lügenmärchen der Klimanihilisten gilt es, erst recht mit einem klaren und überprüfbaren Wirklichkeitsbezug zu reagieren. Schließlich geht es um Sein oder Nichtsein der menschlichen Zivilisation und ihre drohende Selbstzerstörung.

    Allerdings: Im Unterschied zu den meisten Sozialbewegungen der Neuzeit kann sich die Klimabewegung nicht auf Verheißungen einer positiven Sozialutopie stützen; sie kann nur quasi einer Zukunftsvision ex negativo folgen. Die Welt der Klimaschutz-Zukunft ist kein Versprechen der Art wie „zur Sonne, zur Freiheit“, sondern nur die Zusicherung, dass der Absturz in eine Hölle der nicht mehr zu bändigenden Erderhitzung56 noch zu stoppen ist. Es kann vorerst kein besseren Leben in Aussicht gestellt werden, nur, dass es sich in Zukunft nicht unheilbar verschlimmert.

     

  2. Jedoch kann die Klimabewegung das politische Spielfeld erweitern und die ungleiche Verursachung der Klimakrise wie der Betroffenheit durch sie in den Fokus der öffentliche Debatte zu rücken versuchen. Auch innerstaatlich generieren ganz überwiegend die gut Gestellten durch ihr Wirtschaften wie ihren überzogenen Konsum die klimaschädlichen Treibhausgase. Sie profitieren davon und sie können sich den Konsequenzen von dadurch bedingten Katastrophen mit ihren Möglichkeiten entziehen. Während vor allem der breite Kreis derjenigen, die sich knapp, ungesichert und prekär durchs Leben schlagen, für das Klimadesaster nicht verantwortlich ist, aber in erster Linie darunter zu leiden hat.Die Klimadebatte durchgehend mit der sozialen Frage zu verschränken, drängt sich somit auf. In der Klimabewegung sollte das stärker und konsequent nutzen, erst recht, weil sie, wie dargelegt, in der Zukunftswarnung nur mit einer negativen Utopie aufwarten kann. Im Diskurs um den Weg hin zu Klimaneutralität kann sie an die positiven Utopien der gesellschaftlichen Gleichheit und Gerechtigkeit anknüpfen, wie sie die klassischen Sozialbewegungen – insbesondere die egalitäre Arbeiterbewegung57 – verfolgt haben. Sie kann auf eine gerechte Kostenverteilung allein gemäß dem Verursacherprinzip setzen und damit die Transformation in Richtung Klimaschutz mit einer Politik der sozialen Umverteilung verbinden.

     

  3. Klimagerechtigkeit als Politik der sozialen Umverteilung löst jedoch nicht das Problem der Generationengerechtigkeit, also das Faktum, dass mit den durch die Emission von Treibhausgasen eingeleiteten Klimaveränderungen ganz überwiegend zukünftige Generationen und gegenwärtig noch junge Menschen belastet werden. Verschärfend kommt hinzu, dass ein in vorindustriellen Gesellschaften stärker wirkendes Generationenbewusstsein in postindustriellen schwächer ausgeprägt ist. In bäuerlichen Gesellschaften gab es schon aus ökonomischen Gründen die Aufgabe, durch die Art der Bewirtschaftung für nachfolgende Generationen zu sorgen. Und für alle über Deszendenzregeln organisierten Gesellschaften war und ist das Generationenbewusstsein ohnehin prägend.Wenn heute mit intensiver Landbewirtschaftung die Bodenfruchtbarkeit auf lange Sicht zerstört wird; oder wenn mit der Erschließung neuer Erdölfelder das Klima unweigerlich weiter angeheizt wird, wird das fast nie als klarer und schwerwiegender Bruch der Generationenverantwortung angeprangert. Für den Diskurs in Politik und Medien ist hier nahezu immer vorrangig, dass zugunsten des Lebensstandards oder der Arbeitsplätze der jetzt Lebenden gehandelt werde. Wenn die Klimabewegung im Gegenzug vorrangig auf Generationenverantwortung setzt, schwimmt sie so zunächst gegen den Strom. Jedoch hat sie damit nicht zwangsläufig schlechtere Karten. Denn sie kann und sollte damit auf die jungen Menschen setzen. Diese sind die Geschnittenen, wenn z.B. ausgeplünderte Äcker mit den Jahren immer weniger Ernteertrag liefern oder sich diese – wie in Südeuropa inzwischen fast absehbar – zu unfruchtbaren Halbwüsten zurückbilden. Oder wenn – ebenfalls absehbar – die neu erlernte Arbeit im fossilen Energiesektor durch den Zuwachs einer wirtschaftlich überlegenen Wind- und Solarbranche wieder verloren geht. In jedem auf Fakten und Argumenten basierten öffentlichen Diskurs kann so glaubwürdig gegen Zukunftsverlust und für die Zukunftschance der jungen Generation gestritten werden.

    Allerdings gibt es in den deutlich überalterten Gesellschaften des globalen Nordens für eine überzeugende Politik der Generationenverantwortung allein demographische Blockaden. Die Studentenbewegung Ende der 60er Jahre, die von der heute „Babyboomer“ genannte Generation getragen wurde, hatte da weit bessere Startchancen. Wenngleich es weiterhin schwer begreiflich ist, dass ältere Menschen, deren Lebenszeit allein deshalb zeitliche Grenzen gesetzt sind, so wenig umtreibt, warum und wie sie eine lebenswerte Welt für alle hinterlassen oder verspielen… .

     

  4. Bleibt als Frage der Umgang mit der globalen Gerechtigkeitskrise. Je stärker sich die Erderhitzung in den Ländern des globalen Südens auswirkt, dort, wo die Menschen – bis auf eine dünne Oberklasse – gerade nicht dafür verantwortlich sind, um so mehr ist zu erwarten, dass diese globale Klima-Ungerechtigkeit den im Süden Betroffenen bewusstwird und dem globalen Norden als zumindest historischen Alleinverursacher vorgehalten wird. Und es werden im globalen Süden aufgrund der Altersverteilung ganz überwiegend junge Menschen sein, die das zu Recht geltend machen. Das Konfliktpotential der globalen Klimaungerechtigkeit ist unverkennbar, in seinen Auswirkungen allerdings gegenwärtig schwer abzuschätzen.In jedem Fall ist zu erwarten, dass Umfang, Ausmaß und die humanitäre Dramatik klimabedingter Flucht und Vertreibung58 weiter zunehmen. Dass sich klimabedingte Flucht und Vertreibung auf das jeweilige Binnenland beschränkt, wird auf Dauer erst recht nicht möglich sein. Bauernfamilien werden kaum Land finden, mit dem sie weiter wirtschaften und leben können, wenn das Ihrige durch Desertifikation verloren gegangen ist. Die vom steigenden Meeresspiegel besonders gefährdeten Megastädte des globalen Südens werden nicht unbegrenzt Klimavertriebene in den ohnehin übervölkerten Elendsviertel weiter aufnehmen können. Auch Nachbarländer sind in aller Regel keine Zufluchtsorte, gegenwärtig an den Flüchtlings- und Vertriebenenlagern in Afrika und Asien zu „studieren“. Und wie sollen wir uns, wenn Bangla Desh mit seiner muslimischen Bevölkerung absehbar zu großen Teilen überflutet wird, eine Aufnahme im von einem exkludierenden Hinduismus geprägten Nachbarland Indien vorstellen?

    Bleibt als weiterhin naheliegende Fluchtroute der Weg in den globalen Norden. In Länder also, die sich in einer sich geradezu hysterisch entwickelnden Xenophobie gegen die Aufnahme von Flüchtlingen und Vertriebenen aus dem Süden gegenwärtig immer weiter einmauern und abschotten.

    Die Klimabewegung wird sich mit der so noch verschärften globalen Klimaungerechtigkeit auseinandersetzen müssen. Im Milieu einer gesellschaftlichen Grundstimmung, in der mit Xenophobie und Angst vor Migrant*innen polarisierende Parteien ihre größten Wahlerfolge erzielen, ist das kein leichtes Unterfangen.

    Nun sind die Auswirkungen der fortschreitenden Klimazerstörung auf die verschiedenen Erdteile und Erdregionen gegenwärtig nicht zuverlässig abschätzbar. Wenn der große atlantische Stromring, zu dem der Golfstrom gehört, seinen Lauf und Verlauf infolge der Eisschmelze und abgeschwächter Salzkonzentralion verändert, können sich die Lebensbedingungen in weiten Gebieten Europas und Nordamerikas stark zum Negativen hin verändern. Eine drastische Abkühlung kann so zur klimabedingten Vertreibung südwärts und ostwärts zwingen. Mithin auch in Regionen, gegen die sich gegenwärtig die USA wie die EU massiv vor Zuwanderern abschotten.

    Gleich wie sich die Dinge entwickeln: In jedem Fall werden mit fortschreitender Erderhitzung Ressourcen und Lebensräume, auf welche die Menschheit zum schlichten Überleben angewiesen ist, in einem kaum abschätzbaren Ausmaß schwinden – wo und wie auch immer. Ohne ein ausgleichendes Arrangement, ohne ein wirkliches und solidarisch geprägtes Miteinander wird die Menschheit in den Vergesellschaftungen, die wir kennen, nicht überleben, nicht fortexistieren können. Gewaltförmige Verteilungskämpfe um schwindende Lebensräume und Ressourcen würden allein aufgrund des inzwischen hochgerüsteten Vernichtungspotentials zum gemeinsamen Untergang als das wahrscheinliche „Ergebnis“ führen: Von der ungewollten zur herbeigeführten Selbstzerstörung.

    Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch“59, jedenfalls kann die Hoffnung auf rechtzeitige Einsicht nicht ausgeschlossen werden: Auf einer selbstverschuldet in ein Klimachaos getriebenen Erde drängt sich eine weltweite und solidarische Zusammenarbeit der Menschheit als die einzig realistische Chance einer gemeinsamen Überlebenssicherung geradezu auf. Ein Paradigmenwechsel hin zu weltbürgerlicher Solidarität, entstehend aus einer gemeinsamen Not.

    Für die Gegenwart wäre als Konsequenz zu ziehen, dass die Klimabewegung mit ihrer universalistischen Orientierung genau richtig liegt, auf globale Klimagerechtigkeit orientiert, ohne Ansehen von Region, Ethnie und Klassenzugehörigkeit. An dieser weltbürgerlichen Ausrichtung sollte sie uneingeschränkt festhalten.

8. Weltbürgerlich handeln

Wie kann eine weltbürgerliche Ausrichtung für Klimaschutz, wie im übrigen für die Gesamtaufgabe einer Einhaltung der planetaren Grenzen eingefordert werden? In meinem Vorschlag orientiere ich mich an Überlegungen von Jürgen Habermas zu einer „kosmopolitischen Gemeinschaft der Staaten und Weltbürger“60:

Um weltweite Zukunftsfragen zu lösen, ist die Ebene zwischenstaatlicher Aushandlungen offenkundig überfordert. Das gilt neben Fragen des globalen Finanzmarkts, der Prävention gegen Pandemien, den Risiken der Großtechnologien wie gegenwärtig vor allem der Künstlichen Intelligenz selbstredend auch für alle ökologischen Fragen, wie den Schutz der Biodiversität, die Verschmutzung der Weltmeere oder den globalen Klimaschutz, der hier in Rede steht: Die inzwischen 30 Weltklimakonferenzen, die seit 1995 durchgeführt wurden, sind in der Eindämmung der globalen Klimakrise weit hinter dem zurückgeblieben, was zwingend und unstrittig notwendig ist. Ein zentraler Grund dafür ist im institutionellen Ansatz zu sehen, also in der zwischenstaatlichen Aushandlung und Entscheidungsfindung. Er führt fast unweigerlich dazu, dass die einzelstaatlichen Interessen – und die über das influencing mächtiger global players Einzelstaaten „injizierten“ Interessen – die weltbürgerliche Interessenlage zurückdrängen.

Wenn die internationale Staatengemeinschaft so offenkundig bei einer Frage zu scheitern droht, bei der es um das gemeinsame länderübergreifende Weiterleben auf diesem Planeten geht, dürfen wir uns mit der jetzigen Regelung, die sich auch in der Einrichtung der Weltklimakonferenz spiegelt, nicht zufrieden geben. Hier ist eine transnationale Politik gefordert, die es auf UNO Ebene mit ihren Unterorganisationen wie der UNESCO, dem UNHCR, der WHO und der UNEP auch gibt; die jedoch keine Kompetenz bei Entscheidungen über weltweite Zukunftsfragen haben. Es stellt sich also die Frage, ob und wie eine zweite transnationale Ebene quasi auf weltbürgerlichem Niveau zur Entscheidungsfindung über Zukunftsfragen möglich und herstellbar ist.

Also ein Parlament der Weltbürger oder der Weltbürger*innen? Habermas schlägt vor, anstelle der oder zusätzlich zur UNO-Vollversammlung der 193 Einzelstaaten eine Generalversammlung zu bilden die gleichsam aus zwei Bänken besteht. Die eine Bank bilden wie bisher die derzeit 193 Einzelstaaten, die andere Bank ist eine Repräsentation von „Weltbürgern“, also von Menschen jenseits und unabhängig ihrer Staatszugehörigkeit, deren Nominierung oder Wahl allerdings noch zu klären wäre. Aufgabe dieser janusköpfigen Versammlung wäre es, die Beratung wesentlicher Zukunftsfragen der Menschheit insgesamt zu organisieren und darüber auch zu entscheiden, unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Interessenlagen der Staaten und von Erdenbürgern jenseits ihrer Staatszugehörigkeit. Dabei soll sie sich – so Habermas – auf „Materien grundsätzlich moralischer Natur“61 beschränken. Hier ist die Überzeugung leitend, dass moralische Grundsätze universelle, die verschiedenen Kulturen, Gesellschaften und Religionen übergreifende Geltung beanspruchen können62. Eben das ist, wie in Kapitel 2. oben dargelegt, für den Bereich der Klimaethik der Fall.

Wie allerdings eine Parlamentsbank aus dem Kreis der Erdenbürger staatsunabhängig gewählt werden kann, bleibt dabei offen, auch wenn es hier nicht wie bei sonstigen Wahlen um eine kollektive Willensbildung geht, sondern um eine Art Beauftragung, die gemeinsamen und dem Anspruch nach kulturübergreifenden moralischen Grundsätze und Normen in und gegenüber den Einzelstaaten in der Generalversammlung zu vertreten. Gleichwohl, die Durchführung einer solchen weltbürgerlichen UN-Parlamentsbank bleibt auf nicht absehbare Zeit eine Utopie. Und Zeit zum Warten lässt die fortschreitende globale Klimakrise nun wirklich nicht.

In der Welt-Klimapolitik kämen wir ein Schritt voran in die skizzierte Richtung, wenn sich die UN Framework Convention on Climate Change und mit ihr die COP zu einer für ihren Beratungs- und Entscheidungsprozess zumindest orientierenden Vorgabe verpflichten: Sie delegieren die Erarbeitung des Konzepts einer den wissenschaftlichen Erkenntnisstand voll berücksichtigenden Weltklimaschutz-Vereinbarung an ein Gremium, von dem erwartet werden kann, dass es, nicht von einzelstaatlichen und unternehmerischen Interessen getrübt, eine der Dramatik der Klimakrise gerecht werdende Vereinbarung erarbeitet, mit verbindlichen Vorgaben und mit Sanktionen bei Nichterfüllung. Ein solches Gremium könnte vom UNO-Generalsekretariat eingesetzt werden. Es würde naturgemäß eng mit dem wissenschaftlichen Koordinationsrat des Klimaschutzes, dem IPCC, zusammenarbeiten. Vorstellbar ist, dass in dieses Gremium auch anerkannte NobelpreisträgerInnen, PhilosophInnen und Klimawissenschaftler*innen zu berufen wären. Ebenso qualifizierte Vertreter von Religionen, einschließlich derer indigener Völker. Entscheidend ist, dass die Vertreter im Gremium neben fachlichen Kompetenzen weltbürgerlich denken und handeln.

Dieses Gremium kann nach Lage der Dinge eine wissenschaftlich überprüfte, schlüssige Klimaschutzvereinbarung nur vorlegen, sie aber nicht selbst völkerrechtlich verbindlich beschließen. Diese Verantwortung ruht unter den gegebenen Umständen weiter auf der einzelstaatlich rekrutierten Weltklimakonferenz. Doch die COP wäre mit einer schlüssigen Vorlage konfrontiert, die zumindest deutlich schwerer zu ignorieren oder zu verwässern ist. Wenn das auch utopisch klingt: Aus Sicht des gemeinsamen Lebens und Überlebens auf dem Planeten institutionelle Vorschläge zu entwickeln und sich für diese einzusetzen, das ist angesichts der Welt-, Umwelt- und Klimalage nun wirklich gefragt.


[1] https://www.umweltbundesamt.de/publikationen/umweltbewusstsein-in-deutschland-2024
[2] Le Monde, 20.10.25, sowie : Le Monde, Transition écologique : les ambiguïtés de l’opinion française sur les
questions environnementales, 27.9.2025.
[3]
[4] Klima“wandel“, denn angesichts der Folgen ist das eine beispiellose Verharmlosung. „Klimazerstörung“ wäre,
ungeachtet der Dramatik treffender, denn es werden gegenwärtig die klimatischen Verhältnisse demontiert, die es der
Menschheit ermöglicht hat, seit der nacheiszeitlichen Beginn des Getreideanbaus „ihre“ Zivilisation zu entwickeln
[5] Die Umfrage des UBA wird in zweijährigen Abstanden durchgeführt.
[6] https://dzw.de/umweltbewusstsein-kein-verzicht-fuers-klima
[7] UBA, Umweltbewusstsein in Deutschland 2022, S.52
[8] https://dzw.de/umweltbewusstsein-kein-verzicht-fuers-klima
[9]wie generell der Ablehnung bzw. Abwehr von Umweltschutz
[10]https://www.veolia.de/barometer-2024
[11]Der Hypothese, dass die zunehmend gefühlte Bedrohung durch die Klimakrise xenophobe Einstellungen und
[12]Das gilt begrenzt für die Linke, die aber damit punkten konnte, dass sie die Klimakrise eng mit der sozialen Frage verband. Vgl. dazu Kap. 4.
[13]So haben bis heute nur 50 Staaten einen Plan vorgelegt, wie sie das 2015 mit dem Pariser Klimaabkommen vereinbarte Ziel einer Begrenzung der Erderwärmung auf „1,5 Grad, zumindest aber 2 Grad Celsius“ einzuhalten gedenken. Wobei auch die eingereichten Pläne die in Paris gesetzte Messlatte reißen.
[14]Ernst Tugendhat, Vorlesungen über Ethik, Frankfurt 1993, hier insbesondere die Fünfte Vorlesung.
[15]Ich gendere hier bewusst nicht. Ein aktuelles Beispiel in Reinkultur ist der auf Selbstbestätigung pur und
Machtanhäufung gepolte amtierende US-Präsident
[16]E. Tugendhat, a.a.O., S.97
[17]Stephen M. Gardiner, A Perfect Moral Storm. The Ethical Tragedy of Climate Change, Oxford 2011. In früherer
Kurzform auch Gardiners Artikel von 2006 in: Klimaethik. Ein Reader. Hrsg. Von Lukas Sparrenberg und Darrel
Moellendorf, stw, Berlin 2025.
[18]Den Vergleich verdanke ich Laurent Fabius, der Vorsitzenden der historischen Pariser Konferenz 2015, in einem
Interview vor der COP 2025 in Belen. Le Monde, 5.11. 2025.
[19]Das Bild entnehme ich dem Roman von Johannes Borowski, Lewins Mühle.
[20]Die ethische Verwerflichkeit gegenüber der gesamten lebenden Natur auf der Erde ist hier nur deshalb
ausgeblendet, weil das eine gesonderte Analyse erforderlich macht.
[21]Nancy Duana, Klima-Apartheid. In : Klimaethik. Ein Reader, stw, Berlin 2025.
[22]So der Begriff von Gardiner.
[23]Bei Methan ist die Zeit des atmosphärischen Verbleibs geringer, dafür die Wirkung auf den Albedo-Effekt pro Einheit
umso stärker.
[24]Den Begriff übernehme ich von Stephen Gardiner, a.a.O.
[25]Luisa Neubauer/Alexander Repenning, Vom Ende der Klimakrise, Stuttgart 2019.
[26]Zumeist über Geburtsdatum 1946-1964 definiert
[27]Im üblichen Begriff „Umwelt“ ist die Degradierung bereits mitgedacht. Als Lebewesen sind wir untrennbarer Teil
der natürlichen Welt und leben „mittendrin“, auch wenn wir uns dessen selten, oft [?]und zunehmend überhaupt
nicht bewusst sind. „Um-Welt“ verschiebt diese „In-Welt“ an die Peripherie und sorgt mit dafür, dass wir uns mit den
hier auftretenden Problemen und Risiken nur marginal beschäftigen. Sehr deutlich hat das Niklas Luhmann in seinem
Buch „Ökologische Kommunikation“ (Opladen 1986) ausgearbeitet, jedoch gegenteilige Schlüsse daraus gezogen;
Bruno Latour ersetzt hingegen „environnement“ durch „monde terrestre“, „kritische Zone“ und „In-Welt“ (Bruno
Latour, Das terrestrische Manifest, Berlin 2018.
[28]https://wid.world/news-article/climate-inequality-report-2023-fair-taxes-for-a-sustainable-future-in-the-globalsouth/;
in der folgenden Zusammenfassung stütze ich mich auf einen Vortrag des Soziologen Sighard Neckel in Berlin
2023: https://www.youtube.com/watch?v=IZ-BCwuOp7c. Dieser wiederum auf die Studie von Lucas Chancel, Climate
Change and the Global Distribution of wealth, zu finden über: https://www.linkedin.com/posts/lucas-chancel-
69991028_climate-change-and-the-global-distribution-activity-7302277050768248832-spCA
[29]Neckel, a.a.O., https://www.youtube.com/watch?v=IZ-BCwuOp7c
[30]Steffen Mau, Thomas Lux, Linus Westheuser, Triggerpunkte – Konsens und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft,
Berlin 2023, hier insbes. Kap. 5 „Heute-Morgen-Ungleichheiten“..
[31]A.a.O., S.242
[32]D. Eversberg, M. Fritz, L. von Faber, M. Schmelzer, Der sozial-ökologische Klassenkonflikt, Frankfurt/New York 2024.
[33]Z.B. a.a.O.S.88.
[34]A.a.O., S.122.
[35]https://www.tagesschau.de/wahl/archiv/2025-02-23-BT-DE/umfrage-afd.shtm l.
[36]Horst Kahrs, Wahlenthaltung als Klassenwahlverhalten. Zu neueren Befunden aus der Wahlforschung, 2015
In:https://www.academia.edu/87750878/Wahlenthaltung_als_Klassenwahlverhalten_Zu_neueren_Befunden_aus_der_W
ahlforschung
[37]Vgl. das zitierte VEOLIA-Barometer in Kap.1.
[38]Ich folge hier Linus Westheuser, Steffen Mau, Thomas Lux, Das Klima der Ungleichheit, in: Berliner Journal für
Soziologie, 35, 2025.
[39]Westheuser, a.a.O., S.345
[40]Das „fetischhafte Wurstgefresse“ von Markus Söder, das Robert Habeck in seinem taz-Interview im Sommer 2025
kritisiert, hat eine politisch klare Zielrichtung: Einen Kulturkampf gegen die Grünen und „Ökos“ anzuheizen, denen
unterstellt wird, sie würden dem Volk der Fleisch- und Wurst-Liebenden ihre lebens- und Nahrungsgewohnheiten
vergällen, wenn nicht verbieten wollen.
[41]Nancy Tuana, Klima-Apartheid. Das Vergessen von race im Anthropozän (2019). In: Klimaethik. Ein Reader. A.a.O.
[42]https://www.uno-fluechtlingshilfe.de/hilfe-weltweit/themen/fluchtursachen/klimawandel
[43]Für Gewaltkonflikte im Verbund mit der Klimakrise und dadurch bedingter Ressourcenverknappung gibt es in Afrika
weiter beunruhigende Beispiele, z.B. den blutigen Konflikt zwischen der Bauerngesellschaft der Dinka und der
Nomadengesellschaft der Nuer im Südsudan. Ähnliche Konflikte, die durch schwindende Ressourcen infolge der
Klimakrise mitbedingt sind, spielen sich seit Jahren im Norden Nigerias ab, hier verschärft durch religiös
instrumentalisierte Gegensätze zwischen christlichen Bauern und muslimischen Viehhaltern..
[44]In zahlreichen Wahlen der letzten Jahre kann das verfolgt werden, von den USA bis Ungarn, von Portugal bis
Deutschland, von Schweden bis Frankreich etc..
[45]Taz-Interview, 23.10.25 mit Hans Vorländer, Direktor des „Mercator Forum Migration und Demokratie“
[46]https://de.search.yahoo.com/yhs/search?hspart=tro&hsimp=yhs-freshy1&action=nt&
[47]https://disasterdisplacement.org/wp-ntent/uploads/2023/12/Platform_on_Disaster_Displacement_Strategy-2024-
2030_website.pdf
[48]Schuldgefühle wären angemessener unter älteren Menschen aus den Mittel- und Oberklassen des globalen
Nordens, die von der „Großen Beschleunigung“ und den mit ihr bewirkten Klima- und Naturzerstörungen profitiert
haben.
[49]https://www.thelancet.com/journals/lanplh/article/PIIS2542-5196(21)00278-3/fulltext .
[50]https://www.barmer.de/gesundheit-verstehen/mensch/gesundheit-2030/nachhaltigkeit/klimaangst-
1072176
[51]Climate anxiety, wellbeing and pro-environmental action: correlates of negative emotional responses to climate
change in 32 countries, In: Journal of Environmental Psychology 84, 12/2022.
[52]ören Kierkegaard, Der Begriff Angst, erstmals erschienen 1844.
[53]Albert Camus, Der Mythos von Sisyphos, erstmals Paris 1942(!); Camus, Der Mensch in der Revolte
[54]Die schwerwiegende Kritik an Heidegger, sich für Jahre zum Nazi-Philosophen hergegeben zu haben, trifft meines
Erachtens sein frühes, bereits 1927 erschienenes Hauptwerk „Sein und Zeit“nicht.
[55]Hans-Peter Dreitzel, Angst und Zivilisation. In: Dreitzel, Hrsg., Ungewollte Selbstzerstörung, Reihe Campus 1990.
[56]Mit „Hölle“ folge ich der Wortwahl von Antonio Guterrez. Denn wenn die Erderhitzung zur Mobilisierung der
gefürchteten Kipppunkte erreicht, setzt im Klimachaos eine Selbstverstärkung und Selbstbeschleunigung ein, die durch
ein Handeln seitens der Menschheit nicht mehr aufzuhalten ist: Auch das nicht zu verschweigen, gehört zur Rolle der
Klimakassandra, für die ich hier eintrete.
[57]Ich unterscheide zwischen den egalitär orientierten Sozialbewegungen wie den Anarchosyndikalismus und den
durch autoritäre Führerschaft instrumentalisierten Sozialbewegungen wie den Leninismus und Maoismus..
[58]Es ist eher verharmlosend nur von Klimaflucht zu reden. Vielfach handelt es sich um Ressourcenkonflikte, die zur
Verdrängung oder regelrechten gewaltsamen Vertreibung eines Teils der Bevölkerung führen.
[59]Friedrich Hölderlin in seinem Gedicht „Patmos“
[60]Jürgen Habermas, Zur Verfassung Europas, Frankfurt 2011. In diesem „Essay“, wie Habermas ihn nennt, entwickelt
er Überlegungen, wie sich die Europäische Union vom derzeit bestimmenden Exekutivföderalismus, in dem die
Länderregierung klar dominieren, zu einer transnationalen Demokratie weiter entwickeln kann. In Kapitel III. erweitert
Habermas das auf die Frage einer Erweiterung der UNO auf eine auch transnationale Entscheidungsebene.
[61]Habermas, a.a.O., S.92.
[62]„können“, nicht „müssen“: siehe Kap.2

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