Klimabewusstsein zwischen Angst, Wut und Leugnung
Dr. Hartwig Berger, Juli/August 2026
- Europa im Feuersturm
- Klimaangst
- Ambivalenzen im Klimabewusstsein
- Erfolgswahrnehmung beim Klimaschutz
- Klimaschutz als Zukunftsversprechen
- Die Kassandrafalle
- Digitale Echokammern
- Zwischen Lähmung und Hoffnung
- Mit Klimaschutz besser leben
- Die Klimakrise als Generationenkonflikt
- Die Klimakrise als Gesellschaftskonflikt
- Die Klimakrise als globaler Konflikt
Im laufenden Jahrzehnt der deutlich verschärften Klimanotlage sinkt kontinuierlich die gesellschaftliche Unterstützung für klimapolitische Maßnahmen;
die Zahl derjenigen nimmt zu, die meinen, dass er nicht „menschengemacht“ sei, dass es ihn überhaupt gibt oder dass er zumindest keine schwerwiegenden Folgen hat;
sowohl in den Medien wie untereinander wird immer seltener über das Thema gesprochen.
die relativ weniger stark und folgenreich von der Klimazerstörung betroffen sind,
die mit ihren wirtschaftlichen, technischen und finanziellen Ressourcen besser auf die Klimafolgen reagieren können
und die auch innergesellschaftlich resilienter sind.
1. Europa im Feuersturm
Während ich diese Zeilen schreibe, suchen Wald- und Landschaftsbrände Europa heim. Die immer wieder aufflammende Feuerhölle im Departement Gironde, westlich von Bordeaux, verwüstete bisher 42.000 ha an Kiefernwald, die dreifache Fläche der Stadt Paris, sie zwingt mit 220.000 Betroffenen, darunter aus 40 Pflegeheimen, zur größten Evakuierung im Land seit dem zweiten Weltkrieg. Evakuierungen aus Bordeaux, Frankreichs viertgrößter Stadt, konnten mit knapper Not vermieden werden. Das Feuer verwandelt mehr als 200 Wohnhäuser in Ruinen und führt mit verbrannten Chemie-, Plastik und Industrieprodukten zu noch nicht abschätzbaren Erkrankungen, insbesondere bei den Tausenden, die das Feuer zu bekämpfen versuchten.
Der Zusammenhang von Katastrophen wie dieser mit der fortschreitenden Klimakrise drängt sich auf. Die Wissenschaft weist seit Jahren einhellig darauf hin, dass mit der Erderwärmung unter anderem Megabrände häufiger, intensiver, nicht mehr beherrschbar und daher großflächig zerstörerischer auftreten werden. Zumal das hier genannte Frankreich im laufenden Jahr zugleich von mehreren Perioden extremer Hitze mit Tausenden an Hitzetoten und einer ungewöhnlichen Trockenheit und Dürre im ganzen Land heimgesucht wird.
Große Teile der Bevölkerung, insbesondere die wirtschaftlich schlechter Gestellten, leiden auch dann schwer unter diesem Extremsommer, wenn sie nicht direkt oder indirekt von den Megabränden betroffen sind. Nach Schätzungen im Juli 2026, noch vor den nächsten Hitzeperioden, sind über 6.000 Hitzetote zu beklagen, wobei in Rechnung zu stellen ist, dass Frankreich seit der Extremhitze, der „canicule“, wie es dort heißt, Im August 2003 mit vermutlich 15.000 Hitzetoten im Unterschied etwa zu Deutschland Vorbeugemaßnahmen im Sozial- und Gesundheitsbereich wie in der Grüngestaltung verschiedener großer Kommunen wie Paris, Lyon und Grenoble getroffen hat. In der liberalen und linken Öffentlichkeit im Land wird seit geraumer Zeit und jetzt vor allem über das Ausmaß von Klimaangst und „eco-anxiété“ (umweltbedingter Angst), dadurch bedingter Depressionen und andauernder Traumata gesprochen.
Wird das in Politik und Wirtschaft wie weithin in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit zu einem wenn auch späten Erwachen führen? Wird endlich gesehen, was die Stunde geschlagen hat und entsprechendes Handeln eingeleitet? Trotz unzweifelhaft starker Beunruhigung in der französischen Öffentlichkeit ist das vorerst nicht erkennbar. Im Haushaltsbudget der französischen Regierung für das laufende Jahr sind die Mittel für Klimaschutz wie für Klimaanpassung vielfach gekürzt worden. In den Umfragen zu den 2027 anstehenden Nationalwahlen liegt der rechtsextreme Rassemblement National mit großem Abstand vorn. Seine Präsidentschaftskandidatin verbucht um die 35%. Unbeschadet dessen, dass „RN“ die Existenz von Klimawandel bis zum diesjährigen Extremsommer überhaupt in Frage stellte und ankündigt Maßnahmen zum vorbeugenden Klimaschutz wie Anlagen zur Nutzung von Wind- und Solarenergie abzubauen und weitere nicht zu genehmigen. Die mögliche Öko-Kandidatin für die Präsidentschaft, Marine Tondelier, liegt in Umfragen mit 3% weit zurück, Melenchon von „La France Insoumise“, der ein Konzept der ökologischen, auch die Klimakrise dämpfenden Umbaus in Aussicht stellt, liegt bei 15%([1]).
Alle sonstigen durchweg männlichen Kandidaten stellen sich der Herausforderung der Klimakrise entweder nur beiläufig oder überhaupt nicht; sie beschränken sich, sofern überhaupt, auf rein technische Lösungswege. Auch seitens der Regierung gibt es keien Signale, dass aus der dramatischen Lage entsprechende Konsequenzen gezogen werden.
In der politischen Rechten gehen manche, wie der Präsidentschaftskandidat und Vorsitzende der „Republicains“, Retailleau, so weit, für die diesjährigen Megabrände die Ökobewegung mitverantwortlich zu machen, da sie sich für den Schutz wertvoller Naturflächen in Wald und Landschaft einsetzt. Dass die dicht wachsenden Kiefernplantagen ein geradezu idealer Brennstoff sind, wird hier ausgeblendet. Auch seien die „Ökos“ mitschuldig an den Dürreschäden, weil sie gegen die Anlage riesiger Wasserbassins für die „konventionelle“ Landwirtschaft bzw. Agroindustrie eintreten.
Diese Klimaignoranz einer breiten Mehrheit der politische Klasse findet sich in einem Land in einem dort bisher nicht erlebten Hitzesommer. 52 Tage mit Temperaturen an die, manchmal selbst über 40 Grad, bis Ende August 7.300 registrierte hitzebedingt gestorbene Menschen, monströse Waldbranden mit zahllosen Evakuierungen, austrocknende Flüsse, eine weithin durch Dürre ruinierte Landschaft, geschlossene Schulen, nicht mehr erträgliche überhitzte Wohnungen, überbordende Hospitälern, ein von der Extremhitze überfordertes Gesundheitssystem.
Bisher scheint sich eine breite Mehrheit der Politik in Frankreich ihre Klimaignoranz leisten zu können. Möglicherweise spiegeln das die Umfrage der Meinungen und Stimmungen im Land: Befragt nach ihren größten Sorgen im Land rangiert im Hitze-Juli 2026 noch immer „Kriminalität und Gewalt“ mit 41% auf Platz 1. Unter dem Eindruck der gegenwärtigen Ereignisse ist der „Klimawandel“, zuvor immer weit hinten mit auf Platz 2 gerückt, gleichauf allerdings mit „Kaufkraft und Inflation“([2]).
Im Nachbarland Spanien steht es um das Klimabewusstsein in der politischen Klasse nur wenig besser. Bis zum 11. August sind dort 2026 in 43 tagelang nicht mehr beherrschbaren Megabränden 226.000 ha an Wald verbrannt[3]. Weit mehr ist auf den ausgedörrten Böden im laufenden Jahr noch zu erwarten. Während der drei Großbrände um Madrid im Juli, denen 50.000 ha zum Opfer fielen, mussten rund 100.000 Betroffene zeitweise evakuiert werden. Der sozialistische Präsident Pedro Sánchez versucht seit dieser Zeit, einen nationalen Pakt zur „emergencia climática“, der Klimanotlage, mit den zumeist im Verbund rechts-extrem rechts regierten Regionen zu schließen, um gemeinsam wirksame Maßnahmen zur Prävention und Bekämpfung von Bränden wie generell zum Klimaschutz durchzuführen. Die beiden Rechtsparteien, Partido Popular (PP) und VOX, weisen das entschieden zurück, wobei VOX das auch mit Leugnung eines anthropogen verursachten Klimawandels begründet, während die PP dessen Relevanz herunterspielt.
Beide Parteien sind in den von ihnen regierten Regionen vorrangig für Präventionen und Bekämpfung zuständig. Die dafür verfügbaren Mittel haben sie allerdings, ungeachtet der auch in den Vorjahren auftretenden Brände, in den Regionalhaushalten gekürzt, in der von Brandkatastrophen besonders betroffenen Region Castilla-León sogar um 50%. Obwohl es einen weitgehenden Konsens gibt, dass die Ausbreitung der Megabrände durch die Verbuschung der Landschaften wesentlich erleichtert und ermöglicht wird, haben gerade diese Parteien, wie allerdings auch die PSOE, in den letzten Jahren und Jahrzehnten alles unternommen, um mit Förderung der intensiven Massenhaltung von Nutztieren der traditionellen Weidehaltung das Genick zu brechen. Womit vor allem in den Berg- und Hügelgebiete die Bewirtschaftung des Landes mit Weidehaltung als unwirtschaftlich eingestellt wurde und das Land weiträumig „verbuschte“.
Tödliche Folgen einer klimaignoranten Politik lassen sich in Spanien am Umgang der rechten Regionalregierung mit der Überschwemmungskatastrophe „DANA“[4] ablesen, die am 29. Oktober 2024 vor allem die Provinz Valencia heimsuchte. Eine DANA, in Volksmund „gota fría“ (kalter Tropfen) genannt, ist ein im westlichen Mittelmeer auftretendes Wetterphänomen, das zu abnorm starken Regenfällen führt. Die Meteorologen warnen seit geraumer Zeit davor, dass dieser Starkregen aufgrund der klimabedingt höheren Erwärmung des Mittelmeers außergewöhnlich stark ausfallen kann. So erließ denn der zentralstaatliche Wetterdienst AEMET[5] in Spanien schon Tage vor dem DANA Ereignis deutliche Warnungen[6], auch mit der höchsten Alarmstufe („alerta roja“) am frühen Morgen des 29. Oktober. Trotz der schweren, andauenden Regenfälle und der Meldung von Überschwemmungen unterließ die Regionalregierung es bis zum Abend desseben Tages, die höchste Alarmstufe in der Provinz zu verbreiten. Als „Grund“ wurde später die Nichterreichbarkeit des Regionalpräsidenten Carlos Mazón angegeben, der mit einem Journalistin zu einem mehrstündigem „Essen“ an einem bis heute unbekannten und verschwiegenen Ort verabredet gewesen sein soll – ein Schelm, der da an Böses denkt. Als schließlich am Abend um 20:11 über das Mobilnetz der Großalarm ausgerufen wurde, hatten die meisten Opfer dieser Katastrophe bereits ihr Leben verloren und waren in Unkenntnis der Sachlage ertrunken. Carlos Mazón blieb gleichwohl im Amt, erst am 3.11. 2025, ein Jahr später, wurde er dann doch zum Rücktritt gezwungen. Aus den Umfragen in der Region ist nicht erkennbar, dass dieser heillose Umgang mit einer klimabedingten Katastrophe den hier regierenden Parteien geschadet hätte; sie bleiben vielmehr sogar im Aufwind.
Deutschland ist im laufenden Jahr vorerst weniger von extremer Hitze und vor allem von Waldbränden betroffen als die näher am Mittelmeerraum gelegenen Länder und Regionen. Was durch Extremhitze verursachten Todesfälle betrifft, ist das keineswegs so. Das Robert Koch Institut verbreitet seit geraumer Zeit seine Berechnungen mit immer weiter steigenden Zahlen, die zuletzt während dieser Niederschrift registrierte von 12.500 Hitzetoten, darunter zu 75% Menschen über 75 Jahren[7]. Selbst wenn es sich bei den Sterbefällen zumeist um eine Kombination von Extremhitze und Vorerkrankungen handelt, sind die Angaben schlicht alarmierend. Doch führt das bis dato nicht dazu, dass die Bundesregierung Maßnahmen ergreift, um eine Wiederholung dieser Katastrophe im laufenden Jahr und in weiter sicher anstehenden Extremsommern zumindest abzuschwächen. Die bis Ende Juli amtierende Gesundheitsministerin hielt es nicht für nötig, sich mit etwa einer Pressekonferenz, Erklärungen oder Verhaltensvorschlägen an die Gesellschaft zu wenden, geschweige denn helfende oder vorbeugende Maßnahmen bzw. Anordnungen zu treffen[8]. Der Bundeskanzler erklärte sich erst Mitte Juli zur Extremhitze, ohne die vielen Hitzetoten auch nur eines Wortes zu würdigen. Er werde „diese Wetterententwicklung weiter beobachten und dazu gegebenenfalls auch öffentlich etwas sagen“[9].
Hier interessieren nicht die politischen Versäumnisse und die unterlassenen Schritt zum präventiven Hitzeschutz, sondern die so aufschlussreiche wie zugleich höchst befremdliche Tatsache, dass erstens eine Regierung es sich überhaupt ohne großen Schaden leisten kann, eine laufende Katastrophe im Land weitgehend zu ignorieren; und dass zum zweiten dieses, bei aller immerhin doch vorhandenen Kritik in einigen Medien nicht als ein schwerwiegender Skandal wahrgenommen wird, der in eine gesellschaftliche Krise führt und der zumindest Rücktritte erzwingt. Dazu hilft ein Vergleich mit den gesellschaftlichen wie den politischen Reaktionen auf die COVID-Pandemie und den hier getroffenen umfassenden wie einschneidenden Maßnahmen. In Reaktion auf „Corona“ Wesentliches zu unterlassen oder zu ignorieren, wäre ein politisches Todesurteil gewesen. Nina Warken hat ihre Klima- und Hitzeignoranz im Gesundheitsressort nicht geschadet, auch nicht für ihren Karrieresprung in das Kanzleramt, dem sie seit dem 29. Juli als Ministerin vorsteht. Der Bundeskanzler steht zwar im Schussfeld vielfacher Kritik, jedoch erst spät wegen Desinteresse an Klimafrage und Extremhitze. Die Demontage von Klimapolitik durch die Wirtschaftsministerin trägt Friedrich Merz weiter mit, der Vorstoß des Koalitionspartners für einen Hitz-Aktionsplan[10] wird abgewiesen.
Vor allem aber zieht die deutsche Regierung aus den überall in Europa und der weiteren Welt sichtbaren Alarmzeichen keine Konsequenzen für Maßnahmen, die gegen eine weitere Verschlimmerung der globalen Klimakrise helfen können. Im Gegenteil wird hier weiter gebremst, ohne dass sich dagegen in der Gesellschaft ein breiter Widerstand und Protest entwickelt, der zumindest mit der Friday-for-Future Bewegung im Jahr 2019 vergleichbar ist.
Europa im Feuersturm 2026: Die Fallbeispiele aus Frankreich, Spanien und Deutschland zeigen alle ein Muster auf, das in der Sache beunruhigend und für einen unbefangenen Alltagsverstand zugleich irritierend ist: Auch wenn sich die Klimakrise mit häufiger und intensiver werdenden katastrophalen Ereignissen verschärft, wird zum einen dieser doch eindeutige Zusammenhang gerne weiter übersehen oder herunter gespielt; zum anderen wird die Katastrophe selbst in der Politik weithin ignoriert; sie führt in aller Regel nicht zu Gegenmaßnahmen. In einer Demokratie können sich Politiker das nur dann leisten, wenn das in zumindest breiten Kreisen der Bevölkerung hingenommen oder gar akzeptiert wird.
Warum ist das gerade bei der ersichtlich fortschreitenden Klimakatastrophe der Fall, in einem Europa im Feuersturm? Es ist hilfreich, sich hierzu empirische Umfragen und Analysen zum Klimabewusstsein in der Bevölkerung genauer anzusehen.
2. Klimaangst
Nach Umfragen ist länderübergreifend eine große Mehrheit beunruhigt über die fortschreitende Klimakrise, alarmiert sind vor allem junge Menschen. Besondere Aufmerksamkeit erhielt in den internationalen Medien die 2021 durchgeführte Studie der NGO Avaaz zur Klimaangst. Ein sample von insgesamt 10.000 Jugendlichen zwischen 16 und 25 Jahren aus 10 Ländern wurde hier befragt, jeweils 1.000 aus Australien, Brasilien, Finnland, Frankreich, Indien, Nigeria, den Philippinen, Portugal, den UK und den USA[11].
59 % aller Befragten zeigten sich über die Klimakrise sehr oder äußerst besorgt, weitere 25%waren zumindest mäßig besorgt. Mehr als 50 % berichteten von den folgenden Gefühlen: traurig (66,7%), ängstlich, wütend, machtlos, hilflos (51%) und schuldig. Mehr als 45 % der Befragten gaben an, dass ihre Gefühle in Bezug auf den Klimawandel ihr tägliches Leben und ihr Funktionieren negativ beeinflussen. 75 % hielten die Zukunft für beängstigend, 83 %, meinten, dass die Menschen versagt haben, sich um den Planeten zu kümmern.
In Frankreich hat die renommierte Akademie für ökologische Transformation ADEME 2024 zu Klimaangst bzw. eco-anxiété eine Untersuchung unter einer Zufallsstichprobe von 998 Personen im Land durchgeführt[12]. Sie hatte zum Ergebnis, dass 25% der Befragten unter Klimaangst leiden, 5% sehr stark, wobei mehr Frauen als Manner davon betroffen waren. Unter den Jüngeren zwischen 25 und 34 Jahren lag der Anteil sogar bei 39%. Da im folgenden Jahr Frankreich, insbesondere aber im laufenden Jahr 2026, durch heftige klimabedingte Katastrophen geprägt ist, muss von einem signifikant höheren Anteil an Betroffenen ausgegangen werden , auch gespiegelt in der derzeitigen öffentlichen Debatte in Frankreich zu den bis dato vier „canicules“, den Phasen extremer Hitze bis über 40 Grad, den schweren Waldbränden,die weit über 100 qkm Wald verwüsteten, 220.000 zeitweise Evakuierten und mehr als 200 verbrannten Wohnhäusern in der Gironde, der Dürre auf dem Land und dem Rückgang der Flüsse.
Für Deutschland aufschlussreich ist die von der Barmer Krankenkasse beauftragte Sinus Studie „jugendlicher Lebenswelten“ 2023/4 unter 14-17jährigen, die allerdings mit lediglich pauschalen Skalierungen ermittelte[13]. 36% der Jugendlichen benennen sehr deutlich Angst vor dem Klimawandel (Stufe 8, 9 und 10 auf einer Zehnerskala), nur 16 Prozent haben keine Angst (Stufen 1, 2 und 3 auf der Zehnerskala). Unter den jungen Frauen äußern 43% deutliche Klimaangst, bei den jungen Männern ist dieser Anteil mit 31% geringer.
Aufschlussreich sind umfassende Studien in 32 Ländern, die ergeben, dass climate anxiety umso häufiger vertreten ist, je besser Gruppen und Regionen über die sich entwickelnden Klimakrisen informiert sind, persönlich wetterbedingte Katastrophen und Extreme erfahren haben und je mehr sich die Betroffenen in Umwelt- und Klimakonflikten engagieren([14]).
Klimaangst und Umweltangst, climate anxiety und eco anxiety, sind der erlebbaren Wirklichkeit durchaus angemessen. Es sind Reaktionen auf die Klimakrise und Umweltzerstörungen, in Angst vor ihren umfassenden Folgen. Sie sind ein Alarmsignal darauf, dass eine Klima- und Umwelt-Notlage besteht und dass diese sich unverkennbar verschärft und verstärkt. Das Gefühl der alltäglichen Sicherheit droht sich angesichts der Unsicherheit dessen, was kommt, aufzulösen. Eine vertraute Welt ist im Begriff zu verschwinden – ein Grundgefühl der Solastalgie, womit in der Klimapsychologie „die Trauer und das Gefühl des Verlorenseins gemeint ist, das aufkommen kann, wenn man erlebt, wie sich die eigene Heimat aufgrund des Klimawandels verändert“[15].
Klimaangst reagiert auf die sich aufdrängende Gewissheit, dass die Welt nicht mehr so sein wird wie früher, dass unerwartete und bedrohliche Ereignisse und Veränderungen zu einem ungewissen Zeitpunkt und dann unerwartet eintreten können. Sie verbindet sich schnell mit einem Gefühl der Hilf- und Macht-losigkeit, wenn zugleich gesehen wird, dass trotz aller Alarmzeichen, trotz der weiter angetriebenen Großrisiken Politik und Wirtschaft nicht die Bremse ziehen, so dass die Welt weiter abwärts getrieben wird. Gerade weil Klima- und Umweltangst realitätsangemessen sind, können sie in schwere Handlungslähmungen, Depressionen und dauerhafte traumatischen Belastungen führen. Die Frage, wie die Betroffenen daraus zu befreien sind, sollte aber nicht nur in Form psychischer Behandlung und Therapie gestellt werden; es ist auch zu fragen, wie klimaangstbedingte Lähmung und Depression durch konstruktive Wut und befreiender Aktion gelöst werden können.
Um den Exkurs zur Klimaangst mit der französischen Öko-Journalistin Laure Nouachat zuzuspitzen: Wenn Klimaangst als Krankheit gesehen wird, kann man ebenso gut einer Person, die gesunde Augen hat, vorhalten, dass sie sieht[16]. Da diese Angst nur allzu berechtigt ist, sollte die Sorge eher der großen Zahl an Menschen gelten, die die Klimakrise ignorieren, sie verdrängen oder gar verneinen. Das erinnere, so Laure N., an den oft zitierten Frosch, der nicht daran denkt aus seinem Teich zu springen, obwohl der sich langsam und kontinuierlich erwärmt. Womit wir zum nächsten Problem kommen, denn…
3. Ambivalenzen im Klimabewusstsein
…die Sorge um das Klima wächst im Gesamtbild nicht mit häufiger und intensiver werdenden Klimakatastrophen. Sie tritt auch vielfach deutlich zurück hinter Sorge und Angst vor Kriegen und Kriegsgefahr, Pandemien, vor Verarmung und wirtschaftlicher Unsicherheit, vielfach gekoppelt an xenophobe Vorbehalte und einer befürchteten „Überfremdung“ der Lebenswelt.
Als ein Beispiel seien Ergebnisse der Umfragen des Umweltbundesamts „Umweltbewusstsein in Deutschland“ zitiert, hier der letzten von 2024, die auf online-Befragungen von über 2.500 Menschen aller Altersgruppen, Berufe und Bildungsabschlüsse basiert:
In der Gewichtung von 13 gesellschaftlichen Themen, rangierend vom Zustand des Gesundheitssystems (81%), über Bildung (77%), öffentliche Sicherheit (71%) bis hin zu Datenschutz (37%), steht hier „Umwelt- und Klimaschutz“ mit 57% im unteren Mittelfeld, auf Platz 8.
Mit zunehmender Klimakrise schwindet die Bereitschaft, sich mit ihr auseinander zu setzen und die Neigung, sie überhaupt zu leugnen. Zu diesem Ergebnis kommt auch die weit sorgfältiger angelegte „Hamburger“ Langzeitstudie von 2015 bis 2025 über Klimabewusstsein in Deutschland[17]:
Eine ähnliche Entwicklung ist auch in anderen europäischen Ländern nicht auszuschließen. Für Frankreich hat mit dem „Rassemblement National“ die Partei die besten Aussichten im kommenden Frühjahr Präsidentschafts- und Parlamentswahlen zu gewinnen, die neben ihrem xenophoben Nationalismus weiterhin in Zweifel zieht, dass die schrittweise Verschärfung der Klimanotlage anthropogene Ursachen hat. In Konsequenz dessen kündigt sie an, bei Machtantritt, den Ausbau von Solarenergie zu begrenzen, den von Windkraft zu stoppen, bestehende Anlagen wieder abzubauen und die Verbrennertechnik im Verkehr gegen die e-Mobilität zu halten.
Unter dem Eindruck der schwerwiegenden „canicules“[18], der extremen Hitzephasen in Frankreich im Sommer 2026, mit entfesselten Megabränden, extremer Trockenheit und Tausenden an Hitzetoten akzeptiert die RN-Führung erst jetzt offenbar die Prognosen des Weltklimarats, die sie vorher als „Alarmismus“ und grüne Propaganda und Ideologie abgetan hat. An der handlungsrelevanten Klimaleugnung hält sie mit der Ablehnung von der Klimadämpfung dienlichen Maßnahmen fest.
Der politische Vorreiter des „negationismo“ in Spanien, die rechtsradikale VOX, kann nach derzeitigen Umfragen[19] mit nahezu 20% Wahlunterstützung rechnen – und das unmittelbar in der Phase von Megabränden, die weite Teile des Landes in einem Umfang verwüsten, das Spanien bisher nicht erleben musste. Dass Klimaveränderungen diese landesweite Katastrophe wesentlich mitbedingen, ist ernsthaft zwar nicht zu bestreiten[20] , hat aber die Zustimmungswerte für VOX nicht abgeschwächt. So hält diese Partei an der Klimaverneinung fest. Ihr Vorsitzender, Santiago Abascal, erklärte selbst im Verlauf der diesjährigen Megabrände, dass die Klimaforschung keine „Wissenschaft (sei), sondern eine Ideologie, die gegen das Volk gerichtet ist“ und dass „Klimafanatismus“ und „Klimaterrorismus“ dafür verantwortlich seien, dass sich die Großbrände in einer solchen Intensität entfalten konnten[21]. Angespielt wird damit auf Bemühungen um Natur- und Landschaftsschutz, während nach der in Spanien inzwischen vorherrschenden Einschätzung die jahrzehntelange Landflucht und die weithin aufgegebene Land- und vor allem Weidewirtschaft zu einer Verwilderung und Verbuschung führte, die quasi massenhaft Brennstoff für entstehende Feuer lieferten[22].
Die AFD in Deutschland gesteht in ihrem Wahlprogramm 2025 wie in ihrem Grundsatzprogramm immerhin zu, dass sich in den letzten Jahrzehnten das Weltklima verändere, erklärt das aber für einen immer wiederkehrenden natürlichen Prozess, als „ein komplexes Problem, das es zu allen Zeiten gab“. Eine über den natürlichen Kreislauf hinausgehende C02 Anreicherung in der Luft sei sogar „der Welternährung dienlich“. Extremwetterereignisse hätten in den letzten Jahrzehnten nicht zugenommen. Aufgrund einer „Anpassungsfähigkeit des Menschen“ an wechselndes Klima seien daher „gerade Warmperioden meist Blütezeiten von Kulturen. Mit ihrer Klimaleugnung beruft sich die AFD auf eine seit 2021 verbreitete kursierende „Klimadeklaration“, die mit ein paar nicht weiter begründeten Behauptungen folgert, dass es keinen Klimanotstand (climate emergency) gibt. Darauf gestützt werden alle Maßnahmen, die geeignet sein könnten, mit dem Ausstoß von Treibhausgasen den Klimawandel ein wenig in Schach zu halten, durch die Bank abgelehnt. Klimapolitik sei gegen das Volk gerichtet, sie solle Angst erzeugen und sie bedrohe unsere Freiheit. Sie habe verheerende Auswirkungen auf unsere Wirtschaft, unsere freiheitliche
Lebensweise und unseren Wohlstand[23].
Die Klimamärchen der AFD wirken abwegig bis lächerlich für jede/n, die oder der sich nur ein wenig über den Sachstand von Klimaforschung und Klimapolitik orientiert. „Eigentlich“ sollte man daher annehmen, dass eine Partei mit solchen Märchen ihre Wahlchancen eher verschlechtert. Doch eher das Gegenteil scheint der Fall zu sein. So hat einer Recherche des Instituts für strategischen Dialog (ISD) im Vorfeld der Bundestagswahlen von 2021 zufolge die AfD in den sozialen Netzwerken von der Klima-Debatte profitiert. Wenn die Häufigkeit von Teilen in den Netzwerken zum Kriterium genommen wird, wurden die klimabezogenen Beiträge der AFD mit 237% deutlich häufiger konsultiert als andere Beiträge Themen . Insbesondere auf Facebook wurden diejenigen ihrer Beiträge am meisten geteilt, welche die Klimaschutzmaßnahmen negativ einordneten[24].
Es ist soziologisch aufschlussreich und erklärungsbedürftig, dass politische Parteien mit Klimaleugnung und selbst mit Klimamärchen bei Wahlen Punkte machen können, und das selbst dann, wenn die von ihnen bestrittene Klimakrise für jede/n sichtbar immer häufiger, intensiver und länger zuschlägt. Schliesslich handelt es sich angesichts einer erdrückenden Realität hier um gewöhnliches Wunschdenken, in diesen Parteien genutzt zur Unterfütterung ihrer xenophoben und demokratiefeindlichen Ziele. Gegen den erdrückenden Konsens einer weltweit vernetzten Wissenschaft als Laie mit voller Brust das Gegenteil zu behaupten, dazu gehört einiges an gewollter Wirklichkeitsverzerrung. Würde eine Partei, die erklärt, dass sich nicht die Erde um die Sonne dreht sondern umgekehrt diese um jene, wäre sie sofort aus dem Spiel. Aber es handelt sich im Fall der fortschreitenden Erderwärmung und ihren Folgen nun einmal nicht um normale Umstände; sondern um eine höchst ungern gehörte oder gar mit Katastrophen erlebte Entwicklung, der nur allzu gerne durch beruhigende Märchenerzählungen ausgewichen wird.
Sich im Fall „Klima“ gegen den wissenschaftlichen Konsens zu stellen, lässt sich daher besser so erklären, dass wir es hier mit einer höchst unangenehmen und beängstigenden Sache zu tun haben, die uns wenn nicht jetzt, so doch in Zukunft existenziell bedroht und die unsere vertrauten Lebensgewohnheiten und unsere jetzige Lebensweise über den Haufen zu werfen droht. Solche umfangreichen und umwerfenden Konsequenzen sind, wenn wir uns auf sie ernsthaft einlassen, in jedem Fall beängstigend und können zu seelischem Stress führen. Sich ihnen im vollen Bewusstsein zu stellen, ist nicht leicht. Es liegt geradezu auf der Hand, sie zunächst mit Sprüchen wie „ Klimawandel gab es schon immer“ zu verharmlosen oder einfach, wie zumeist der Fall beiseite zu schieben und so vorerst zu ignorieren. Der australische Philosoph Clife Hamilton hat daher sein Buch zum Umgang mit der Klimakrise ironisch mit „We are all climate-scepticals“ betitelt. Nicht um die sich abzeichnende katastrophale Entwicklung klein zu reden, sondern um eben das alltägliche Ausweichen und Leugnen vor Klimakrise als in der Konsequenz gefährlich und selbstzerstörerisch zu markieren.
Die Bereitschaft, aus der Wahrnehmung wie der Beunruhigung durch die Klimakrise Konsequenzen für die eigene Lebensführung zu ziehen, ist also nur schwach bis überhaupt nicht vorhanden. Dagegen fällt auf: Je mehr sich durch die Erderhitzung bedingte Katastrophen häufen und je ver- und zer-störender diese verlaufen, desto häufiger findet sich „Klimaverneinung“[25] und desto offensiver wird das öffentlich vertreten. Die Realität einer Klimakrise wird abgestritten oder es wird zumindest verneint, dass die Klimaveränderungen durch menschliche Einwirkungen verursacht sind. Ganz markant und gehäuft findet sich Klimaverneinung bei Menschen mit extrem rechten und autoritär-nationalistischen Einstellungen. Als Beispiel seien Ergebnisse des weltweit angelegten Öko-Barometers von 2024 genannt, das vom Unternehmen Veolia beauftragt wurde[26]:
In Deutschland verneinen 32% einen menschengemachten Klimawandel, unter den die AFD Wählenden sind es 61%.
In Frankreich leugnen 25% dass es einen Klimawandel überhaupt gibt oder dass er von uns Menschen verursacht wird. Unter den Wählern des rechtsextremen Rassemblement National sind die Klimaverneinenden mit 50% doppelt so häufig vertreten.
In den Niederlanden sind es 23%, jedoch zu 54% unter Wählern der rechtsextremen Geert Wilders Partei PVV
In den USA sind es 22%, jedoch 59% derjenigen, die sich in die Wählerlisten für die Republikaner eingetragen haben.
Nachdenklich macht eine sozialanthropologische Feldstudie im kalifornischen Ort Paradise, 1-2 Jahre nach einem Megabrand in dieser Region im Jahr 2018, der über 60.000 ha Wald vernichtete, bei dem 85 Menschen ihr Leben verloren und in dem der untersucht Orte fast völlig zerstört worden war. Auffallend war, dass die große Mehrzahl der in den Ort zurückgekehrten Bewohner, zumeist Wohlhabende im Rentenalter, einen Zusammenhang des Megabrandes mit der Erderwärmung und ihren Folgen nicht sahen oder auch abstritten. Das, obwohl gerade dieser Zusammenhang in der kalifornischen Öffentlichkeit zu der Zeit intensiv diskutiert wurde. Die Bewohner bemühten sich, ihre Anwesen in genau derselben Form mitten in diesem hoch brandgefährdeten Waldgebiet wie zuvor wieder zu errichten, ohne Regeln des präventiven Brandschutzes dabei zu beachten. Insgesamt waren sie vor allem bemüht ihr altes Leben mit den eingespielten Gewohnheiten wiederherzustellen und die Erinnerung an die erlebten Schrecken im örtlichen Erinnerungsakt ein Jahr später klein zu halten[27].
Feldstudien wie die erwähnte sind von besonderem Wert, weil sie Einstellungen und Mentalitäten im Alltagshandeln und entspringend aus informellen und inhaltsbezogenen Gesprächen zu erfassen suchen. Umfragen mit standardisierten, zumeist noch kurz gehaltenen Antwortmustern hingegen lassen offen und ungeklärt, welches Gewicht und welche Relevanz so ermittelte Einstellungen in der Alltagspraxis und im alltäglichen Denken der jeweils Befragten haben. Auch kann nicht ausgeschlossen werden, dass Personen, sofern sie etwa befragt werden, ob ihrer Meinung nach ein Klimawandel stattfindet, ob er menschlich verursacht und beunruhigend ist, damit nur die in den Medien verbreitete und in unseren Breiten[28] auch gängige Einschätzung wiedergeben. Daraus folgt noch nicht, ob, dass und wie sie sich darüber weitere Gedanken machen oder ob sie darüber mit anderen Personen darüber reden und austauschen. Ob, wie häufig., wie intensiv die Klimakrise Gesprächsthema im Alltag der Menschen ist und wie darüber kommuniziert wird, gibt jedoch sehr viel mehr Aufschluss über Klimabewusstsein als die gängigen, immer wieder als „Kronzeugen“ zitierten standardisierten Umfragen[29].
4. Erfolgswahrnehmung beim Klimaschutz
Politik überzeugt durch sichtbare Erfolge, nur fehlen diese fürs erste beim Klimaschutz. Dass sich örtlich, landes- oder weltweit Treibhausgasemissionen verringert haben, ist zunächst ein Messergebnis, keine allgemein zugängliche Erfahrung. Zudem wird es auch häufiger und intensivere Wetterextreme geben, wenn es beim Ausstieg aus fossiler Energienutzung nicht weit schneller vorangeht. Ganz anders steht es um die Erfolgskontrolle etwa bei erfolgreichem Naturschutz: Wenn es gelingt, in Flüssen die Gewässerqualität zu verbessern und sie zu renaturieren, so ist das allgemein zu sehen und zu erkennen. Halbiert hingegen eine Stadt oder ein Land kurzzeitig und deutlich die Treibhausgas-Emissionen, lässt sich das zwar messen und entsprechend verkünden, einen im Alltagsleben sichtbaren Beleg dafür gibt es aber nicht..
Zwar kann darauf verwiesen werden, dass die Erderhitzung ein sich weltweit auswirkender Prozess ist, folglich der Erfolg von Maßnahmen nur weltweit, nicht unbedingt vor Ort erkennbar ist. Womit zugestanden ist, dass mit immer weltweit erfolgender Klimadämpfung[30] sich vor Ort zunächst nichts sichtbar ändert. Und auch weltweite Auswirkungen von Klimadämpfung stellen sich nicht kurzfristig ein, sondern erst innerhalb schwer bestimmbarer längerer Zeiträume. Wie im übrigen die atmosphärischen Belastungen von heute erst Jahre später in ihren Klimafolgen erkennbar durchschlagen.
5. Klimaschutz als Zukunftsversprechen
Hinzu kommt: Wir können nicht glaubwürdig und belegbar erklären, dass heute betriebene Klimadämpfung bzw. Klima“schutz“ ein besseres Leben auf der Erde als heute erwarten lässt. Wir können nur glaubwürdig zusichern, dass es nicht schlimmer oder gar erheblich schlimmer wird, wenn wir uns klimaschützend engagieren. Selbst wenn die Emissionen von klimawirksamen Gasen in kurzer Zeit auf nahe Null reduziert würden, wären damit die von früheren Klimasünden mitverursachten Temperaturveränderungen mit allen ihren Folgen auf Klima und Lebensumstände nicht gestoppt. Ein Rückgang wäre bestenfalls dann zu erwarten, wenn die gefürchteten Kipppunkte des Klimas keine eigenständige Dynamik entwickeln und wenn über Jahrzehnte die Anreicherung des Erdhimmels mit Kohlendioxid und Methan wieder zurückgeht. Und sollte die Weltgemeinschaft – nach gegenwärtigem Stand eher fraglich – bis zum Jahr 2050 Klimaneutralität erreicht haben, wird sich in diesem Zeitfenster von 24 Jahren mit den weiteren, wenngleich schwächeren Emissionen von Klimagasen die Erde weiter erhitzen – wenn auch schwächer, als wenn wirksame Klimapolitik, wie gegenwärtig in den meisten Ländern, zurückgestellt oder sogar, wie vor allem in den USA, aktiv mit fossilem revival gegengesteuert wird. Selbst im günstigen Fall ist nicht gesichert, dass Kipppunkte des Klimas nicht überschritten werden und der Klimawandel in eine Phase der Selbstverstärkung ohne direktes menschliches Zutun eintritt. Etwa indem weitflächig auftauende Permafrostböden mit umfangreichen Methan-Austritten aus den organischen Rückständen im Boden die Erderwärmung beschleunigen.
Glaubwürdig und wissenschaftlich belegbar lässt sich nur voraussagen, dass ein „weiter so“ ohne wirksamen Klimaschutz das Leben auf der Erde zur Hölle[31] macht. Die Zusicherung, dass es mit wirksam betriebener Klimadämpfung nur wenig schlimmer wird, ist nicht unbedingt mobilisierend; und die Warnung, es komme ohne Klimadämpfung ganz schlimm, lähmt, wie wir oben sahen, eher mehr, als dass sie mobilisiert.
Wir können für Klimaschutzpolitik nicht mit positiven Utopien aufwarten, wie das die klassischen Sozialbewegungen mit der Verheißung eines besseren Lebens taten und auch tun konnten. Vor einer Entwicklung zu warnen, die das zukünftige Leben der Menschheit auf diesem Planeten schwierig und bedrohlich macht, kann ebensogut Angst erregen und zu Abwehrhandeln führen. Es wird keine bessere Zukunft versprochen. Es kann auch nicht zugesichert werden, dass mit konsequent und schnell einsetzender Reduzierung der Treibhausgase weltweit die bereits heute beunruhigenden extremen Wetterlagen mit allen ihren Folgen sich verringern werden: Selbst ein starker Rückgang der Emissionen verstärkt weiter den Treibhauseffekt, wenngleich in erheblich geringerem Maß und dann hoffentlich unter Vermeidung der Kipppunkte mit ihren beschleunigenden Wirkungen.
Dass selbst eine ambitionierte Verringerung der Treibhausgase den Prozess der Erderwärmung quasi einfriert, auf „Null“ stellt, ist für klimadämpfendes Handeln nicht unbedingt motivierend. Allerdings kann und sollte das Engagement für den Erhalt des Weltklimas umfassende und langfristig wirkende Maßnahmen zur Wiederherstellung degenerierter und bedrohter Naturräume auch darum einschließen, weil sie den Kohlenstoffhaushalt auf der Erde stärken und eben dadurch das Weltklima stabilisieren. Etwa durch die Ausweitung des Waldbestands, den Schutz naturnaher Wälder, den Schutz und eine umfassende weltweite Renaturierung von Mooren und Feuchtgebieten, die Anreicherung von Kohlenstoff im Erdboden, den Schutz und die Ausweitung von Seegraswiesen in den Meeren.
Diese Wiederherstellung von Natur ist aber ein langfristiger Prozess mit entsprechend langfristig einsetzender Wirkung. Und diese Wirkung tritt nur dann ein, sofern nicht Kipppunkte überschritten wurden, mit denen ein sich selbst verstärkenden Prozess der Emission von Treibhausgasen einsetzt, der durch menschliches Handeln oder Unterlassen eben nicht mehr zu stoppen ist.
Damit stellt sich gerade für die Klimaehrlichkeit, die schon aus Gründen intellektueller Redlichkeit zu beachten ist, ein Dilemma: Nicht nur, dass in der Klimadebatte positive Utopien schwer zu finden sind – angesichts der zeitlichen Verschleppung von wirksamen weltweit betriebenem Klimaschutz wird es immer schwieriger, nicht die Dramatik einer bevorstehenden Beschleunigung der Klimaveränderungen an die Wand zu malen, die von „der Menschheit“ verursacht, aber dann eben nicht mehr zu bremsen sind. Damit kommen wir zur…
6. … Kassandrafalle
Zunächst eine Rückblende in die griechische Antike. Die trojanische Prinzessin Kassandra war von ausnehmender Schönheit und begabt mit der Fähigkeit kluger Voraussicht und dadurch imstande, ihre Mitwelt vor unheilvollen Entwicklungen zu warnen. Jedoch fanden ihre Voraussagen in ihrer Stadt keine Resonanz, mit ihren Warnungen stieß sie auf Ablehnung, Abwehr und Spott. In der „Ilias“, die Kassandra als tragische Person erstmals nennt, wird das als Fluch gedeutet, den Apollo, Gott des Lichts und der Weissagung, über Kassandra verhängt hatte, weil sie sich seinem Liebeswerben verweigerte. Das Epos nennt neben dem „Fluch des Apollo“ auch zwei weitere Gründe für Kassandras Scheitern: Zum waren ihre Voraussagen schlichtweg schockierend und wurden eben deshalb ignoriert: Kassandra warnte vor einer vollständigen Vernichtung Trojas und fast aller ihrer Bewohner – einmal als Folge der Entführung der Helena durch ihren Bruder Paris, und späterhin vor einer Hereinnahme des von den Griechen hinterlassenen hölzernen Pferds in die Stadt. Zum anderen wird von Kassandras Auftreten in Troja berichtet, dass sie ihre Voraussagen mit lauten Rufen, schreiend und Alarm schlagend durch die Straßen der Stadt trug und eben deshalb für merkwürdig und nicht ernst genommen wurde.
Die frauenfeindlichen Züge in der Darstellung der Kassandra in der „Ilias“ sind unverkennbar; nicht überraschend in einem Epos, das männliche Gewalt, Muskelkraft, Mordlust und Egozentrik glorifiziert, nicht nur in ihrem Vorzeige“helden“ Achilles [32]. Gleichwohl können wir aus ihr für Klimakommunikation lernen, dass sie aufgrund der Dramatik ihrer Zukunftsszenarien eine lähmende Schockwirkung entfalten kann, die auch zu Ignoranz und Abwehr ermutigen kann; und dass ihre Botschaften und Warnungen überhört und zur Seite gelegt werden, gerade weil sie extrem unerfreulich sind. Dem in der Klimakommunikation zu entgehen, gelingt nicht leicht, da sich die höchst unerfreuliche Wirklichkeit eines erhitzten Planeten nun einmal nicht schönreden und verharmlosen lässt.
Doch muss Klimakommunikation diese Dramatik und ihre mit den weltweiten Versäumnissen immer wahrscheinlicher werdende Unausweichlichkeit nicht notwendigerweise ausmalen. Die Klimakrise ist ein in Öffentlichkeit wie sozialen Medien wiederkehrendes Thema, in welcher Form und Qualität und mit welcher Anerkennung oder Leugnung bei den Adressaten auch immer. In ihren Grundzügen und ihren Ausmaßen ist sie mittlerweile allgemein bekannt und kommentiert. Ihre Auswirkungen bekommt Europa zudem mit Extremsommern, Megabränden, Starkregen, zurückgehenden Flussläufen und Dürre auf den Feldern und Wiesen gründlich zu spüren. Es reicht daher in der Regel, den Klimawandel als fakt anzusprechen, ohne ihn in Ursachen wie Folgen genauer auszumalen. Es genügt, gesprächsoffen zu sein und dann Erklärungsbereitschaft zu zeigen, wenn nähere Information gewünscht ist. Dann allerdings gebietet es die intellektuelle Redlichkeit, nicht zu verharmlosen und die Dinge sachlich wie ungeschönt so darzulegen, wie sie nach dem Stand der Klimawissenschaft sind und weiter zu erwarten sind. Auch auf die Gefahr, damit auf Abwehr und Ablehnung zu stoßen. In jedem Fall sollte frau und man sich hingegen moralischer Untertöne, Zumutungen und Dramatisierungen. Dass ein Tritt in die Kassandrafalle nun einmal nicht zu vermeiden ist, liegt in der Logik der Sache, in den angesprochenen unangenehmen Wahrheiten. Doch das Risiko kann durch bedachte Gesprächsführung minimiert werden.
Gefragt ist eine dialogisch ausgerichtete Gesprächsführung, die für Gründe und Gegengründe offen ist, in der auf Augenhöhe miteinander gesprochen wird, die Gesprächspartner als gleichwertig nimmt, die jederzeit die Bereitschaft erkennen lässt, die eigenen Ideen und Positionen zu hinterfragen und zu überprüfen, und die nur das vertritt, was zutreffend, wahr und aus ethischer Sicht für gerechtfertigt erscheint.
Diese Sicht zur Klimakommunikation ist an den Analysen von Jürgen Habermas zum kommunikativen Handeln ausgerichtet. Das „herrschaftsfreie“ bzw. „deliberative“ Gespräch ist dabei nicht als moralische Forderung zu verstehen. Vielmehr ergibt es sich als „zwangloser Zwang“ eines sprachlichen Handelns, wenn dieses ernsthaft auf Verstehen und Verständigung ausgerichtet ist. Insofern ist Klimakommunikation, wie sie hier verstanden wird, von einem vorwiegend zweckrational ausgerichteten Gespräch zu unterscheiden, in dem es dem initiierenden Gesprächspartner vorrangig darum geht, den oder die Anderen von seinen/ihren vorweg eingenommenen Positionen und Einschätzungen zu überzeugen und damit diese durchzusetzen. Klimakommunikation, wie sie hier verstanden wird, ist dialogisch, nicht funktional ausgerichtet.
7. Digitale Echokammern
Allerdings müssen wir uns dessen bewusst sein, dass mit zunehmendem Verlauf von Kommunikation in digital vernetzten online Medien ein dialogischer und auch Andersdenkende einschließender Gedanken- und Meinungsaustausch seltener und immer mehr zur Ausnahme wird. Online-Kommunikation zu gesellschaftlich bewegenden Fragen verläuft mehr und mehr in getrennten Netzen und Plattformen ohne wechselseitige Verbindung, also abgedichtet voneinander. Zugleich wird dialogische Kommunikation zunehmend von einer funktionalen Gesprächsführung abgelöst, in der meist auch erklärten Absicht geführt, für die eigene Sicht der Dinge marktähnlich zu werben, sie zu verbreiten und in der Gesellschaft weiter durchzusetzen. Im neuen Berufsbild der „influncer“ ist das de ausdrückliche und erklärte Strategie, ihr Erfolg wird an der Zahl der follower in der digitalen Kunstwelt gemessen Auch um Hinterfragung und Überprüfung von vornherein auszuschließen, findet digitale Kommunikation vielfach in voneinander abgedichteten Echokammern statt. Es geht dann nunmehr um Selbstbestätigung und Erhärtung vorweg gefasster Meinungen und Urteile. Immer mehr wird das Feld der digitalen Kommunikation von selbsternannten Influencern geprägt, die auf Werbe- und Vermarktungs-Techniken setzen und bei denen pauschale Rückmeldungen wie „I like“-„I dislike“ jeden Dialog ausklammern. In ähnliche Richtung gehen die Plattformen der großen Internetkonzerne, die ihre Angebote, Algorithmen und Suchprogramme auf die Selbstbestätigung vorgefasster Meinungen und Urteile der Nutzer hin anlegen.
Dialogische Kommunikation, die offen ist für Lernen und selbstkritische Überprüfung ist aber eine zentrale Voraussetzung für eine lernfähige und ergebnisoffene Öko-Kommunikation, wie generell für eine funktionierende Öffentlichkeit in einer liberalen Demokratie. Gerade im Schatten der fortschreitenden Klimakrise sollten wir nicht auf sie verzichten und darauf setzen, dass es jenseits aller Deformationen in der digitalen Vernetzung ein Grundbedürfnis aller Menschen an dialogisch stattfindender Verständigung gibt. Ich folge auch hier Habermas‘ Analysen des kommunikativen Handelns, die unter anderem die These zu begründen und zu erläutern sucht, dass über die Verständigung von Menschen untereinander sich ihre Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen, zu einer Lebenswelt und damit auch zu ihrer persönlichen Identität bildet[33]
8. Zwischen Lähmung und Hoffnung
Ein Gespräch über die drohenden Szenarien einer Klimakrise kann allein wegen der höchst unerfreulichen Aussichten leicht in Resignation, Lähmung und Abwehr enden. Zudem ist es, wie gesagt, in aller Regel auch nicht nötig, Menschen über Ablauf und Ausmaß der sich steigernden Klimaderegulierung aufzuklären. Eine breite Mehrheit ist seit Jahren durch zahllose Berichte in öffentlichen und „sozialen“ Medien im Kern darüber orientiert, was ansteht und was bevorsteht. Wie sie dazu stehen und wie sie damit umgehen, wird sich kaum dadurch ändern, dass es im direkten Gespräch nochmals aufgewärmt wird. Wer die Sache ernst nimmt, wird das weiterhin tun; wer das ausblendet und verdrängt, wird weiter dazu neigen. Und wer das für übertrieben, falsch oder für ein grün-versifftes Märchen hält, wird sich dadurch davon nicht abbringen lassen. Im übrigen werden nur Wenige ein wirklich kompetentes Gespräch über den Verlauf der Klimaderegulierung und seine naturwissenschaftlich ermittelten Zusammenhänge führen wollen, geschweige denn können.
Klimakommunikation kann aber zum einen die Vorteile herausstellen, die eine klimafreundliche solare Energiewende für das Leben der Menschen hier und heute wie in naher Zukunft hat (s. Kapitel 9). Zum anderen sollte sie ansprechen, dass die Klimakrise ohnehin bestehende Lücken sozialer Gerechtigkeit verschärft und zu verstärkten gesellschaftlichen Konflikten führt; und dass wirksame Klimadämpfung und die Herstellung sozialer Gerechtigkeit zwei Seiten einer Medaille sind
(Kapitel 10.-12).
9. Mit Klimaschutz besser leben?
Sonne und Wind schicken keine Rechnung und sie müssen nicht durch die Straße von Hormuz fahren: Die wirtschaftlichen Vorteile der Erneuerbaren Energie gegenüber den aus der tiefen Erde hervorgeholten fossilen Zombies Kohle, Erdöl und Erdgas sind nicht ernsthaft zu bestreiten. Bei Nutzungskonflikten ihrer Anlagen in Landschaft und Natur ist ein Vergleich mit dem Abbau und Transport fossiler Energieträger, der hier angerichteten Verwüstungen und Belastungen, immer hilfreich. Auch kann und sollten die erheblichen Gesundheitsbelastungen in der fossilen Energiegewinnung nicht übersehen werden[34]. Sonne und Wind sind Freiheitsenergien, ihre Herstellung wie Nutzung kann dezentral organisiert werden und sie hängt nicht ab von Lieferkonditionen autoritär regierter Staaten. Blockiert wird eine solare Gesellschaft nicht durch wirtschaftliche Zwänge, das größte Hindernis auf dem Weg dorthin sind die Profitgier, die Verlustängste und der politische Einfluss der auf fossile Energien setzende, meist global vernetzten Konzerne.
10. Die Klimakrise als Generationenkonflikt
Die jetzt jungen Menschen, mehr noch die nach ihnen Lebenden werden weit stärker unter der Klimakatastrophe leiden, in deren Anfängen wir uns gegenwärtig befinden – es sei denn, es gibt einen weltweiten Kurswechsel hier und jetzt. Die Klimakrise ist ein Generationenkonflikt und sie wirft Fragen der Gerechtigkeit zwischen den Generationen auf. Wenn wir heute Klimadämpfung zurückstellen, verfinstern wir der heutigen Jugend und ihren Nachkommen die Zukunft, und wir bürden ihnen weit schwierigere und gefährdete Lebensumstände auf.
Klimakommunikation sollte daher krasse Generationenungerechtigkeit zentral ansprechen. Je älter ein Mensch in der westlichen Hemisphäre gegenwärtig ist, desto mehr hat er im Schnitt in den vergangenen Jahrzehnten von den materiellen Angeboten einer fossil geprägten Gesellschaft profitiert; und er/sie hat damit die Probleme und Risiken für seine/ihre Kinder und Enkel vergrößert – wenn auch zumeist unwissend und unwillentlich. Selbst wenn es in der jeweils älteren Generation ungern gehört wird: Dieses Schwarze Peter Spiel[35] zwischen den Generationen muss Klimakommunikation zentral ansprechen. Schon die eigenen Kinder und Enkel werden mit weit schwierigeren Lebensumständen und Großrisiken konfrontiert sein, wenn die gegenwärtig mögliche und machbare Prävention und Vorsorge aus Bequemlichkeit und Gewinnsucht unterlassen wird. Wenn wir heute Maßnahmen zur Klimadämpfung unterlassen, schaden wir uns gegenwärtig zunächst nicht, doch wir fördern so für unseren Nachkommen eine Entwicklung, die schlicht den Fortbestand der menschlichen Gesellschaft, wie wir sie kennen, in Frage stellt.
Man möge sich vergegenwärtigen, wie Menschen auf uns und auf unsere Zeit zurückschauen, wenn sie in späteren Zeiten mit einem ihnen überlassenen Klimadesaster zu leben und zu kämpfen haben – wie sie die Generationen beurteilen, die sehenden Auges die weltweite katastrophale Entwicklung eingeleitet, weiter zugelassen und selbst dann nicht gestoppt hat, als das zukünftige Desaster klar absehbar war. Hierzu zei Erläuterungen:
Die erste aus dem Roman „Was wir wissen können“ von Ian McEwan. Im Jahr 20119 recherchiert ein Historiker in einem schwer zurückgeworfenen, zerstörten und verarmten Großbritannien zu einem für außerordentlich eingeschätzten Kulturereignis im Jahr 2014. Seine Lebenspartnerin, die am Sinn dieser Forschungen zweifelt – und das zu Recht, wie sich schließlich zeigt – hält ihm vor, er würde damit nur
das „Elend dieser vergangenen Welt ignorieren, ihre Grausamkeit und morbide Gier. Würde er in diese Zeit zurückversetzt, würde er sie hassen und angesichts der Dummheit und Verschwendung ersticken oder wahnsinnig werden. … Wie können wir sehen oder vergeben, welche Verwüstung jene Zeiten hinterlassen haben, das Gift in den Meeren, die vernichteten Wälder, das unbrauchbar gemachte Land und die Flüsse, die sie ruiniert haben, und dazu die Disruption, die sie vorhergesehen, aber nicht verhindert haben. Für die nachfolgenden Generationen blieb nur versengte Erde, heitere Verachtung“[36]
Das zweite ist aus dem bemerkenswerten Roman „Les Solastalgiques“ von Martin Hirsch, dem Leiter des „Institut de l´engagement“[37] in Paris[38]:
Nehmen wir an, dass um 2100 eines besonders ungünstiges Szenario des IPCC eingetreten ist: Meeresanstieg um mehrere Meter, Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur um drei Grad, voranschreitende Wüstenbildung, schwere Hungerkrisen, Gewaltexzesse …. Und nun Gespräche im Rückblick auf unsere Zeit: „Warum sah man es als Zumutung auf einen SUV, auf die Fahrt mit Kreuzfahrschiffen, auf die Vielfliegerei zu verzichten? Nicht weiter Kohlenstoff zu verbrennen und andere Naturressourcen zu vernichten?“ Unsere Nachkommen werden das alles für total lächerlich halten. An diesem Tag des Jahres 2100, unter einer absolut unerträglichen Hitze, werden sie fragen, warum ihren Großeltern diese Dinge wichtiger waren, statt das voraussehbare Schlimmste zu vermeiden, dem sie jetzt ausgesetzt sind. Wie konnten sie einfach so weitermachen, wo doch die Katastrophe sichtbar und unverkennbar in Vorbereitung war?“
11. Die Klimakrise als Gesellschaftskonflikt
Es sind in allererster Linie die Reichen und Vermögenden die, weltweit wie im eigenen Land, mit ihrer Lebensweise, den Wirtschaftsunternehmen und den Finanzfonds, über die sie verfügen, die Erderhitzung antreiben. Dagegen haben vor allem die armen Sozialklassen unter der Klimakrise zu leiden. Zudem befürchten sie oft nicht zu Unrecht, dass in erster Linie sie zur Kasse gebeten werden, wenn Maßnahmen zum Klimaschutz so getroffen werden, dass sie den Lebensunterhalt für diejenigen verteuert, die sich knapp und prekär über die Runden schlagen müssen. Wenn Klimakommunikation breiter ankommen und überzeugen soll, muss sie zugleich als Diskurs für mehr soziale Gerechtigkeit geführt werden. Die Kosten sind von denen zu tragen, die gut gestellt sind und die mit ihrer Lebensweise und ihrem Wirken ganz überwiegend zur Klimanotlage beitragen. Eine konsequente Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft ist nur bei gleichzeitiger und tiefgreifender Umverteilung des Reichtums zu machen. Eine umfassende Dekarbonisierung lässt sich nur finanzieren, wenn mit ihr die Ungleichheit bei Einkommen, Vermögen und Macht innerhalb der Länder wie weltweit verringert wird. Mit einer Besteuerung aller großen Vermögen und Einkommen als einem wichtigen Hebel.
12. Die Klimakrise als globaler Konflikt
Die Frage der fehlenden Klimagerechtigkeit stellt sich noch schärfer auf globaler Ebene. Die Länder des früh industrialisierten globalen Norden haben über Jahrzehnte und Jahrhunderte durch Nutzung von Kohle, Erdöl und Erdgas Treibhausgase am Erdhimmel angereichert und den bereits Ende des 19. Jahrhunderts vom späteren Nobelpreisträger Svante Arrhenius nachgewiesenen Treibhauseffekt nicht beachtet; sie haben den seit 1982 veröffentlichen Berichten und Szenarien des Weltklimarats über Jahre keine Beachtung geschenkt und viel später erst zögernd und höchst unzureichend daraus Konsequenzen gezogen.
Dieses folgenreiche Versäumnis wird in den Ländern des globalen Südens immer deutlicher wahrgenommen und entsprechend eingeklagt. Auch weil vor allem sie es sind, die unter den Folgen der zunehmenden klimatischen Katastrophen zu leiden haben. Die krasse Ungerechtigkeit in der Betroffenheit durch den Klimawandel ist so offenkundig, dass der seit 2009 verhandelte Fonds zur Stützung der besonders betroffenen Südländer bei Klimaschutz und Klimaschäden immerhin nicht mehr strittig, wenngleich weiterhin unzureichend ausgestattet ist.
Zudem ist der Klassenkonflikt in der Klimakrise in den Südländern weit schärfer und krasser. In vielen ländlichen Regionen, wie auch in den Volks- und Armenvierteln der Megastädte werden die Menschen auf kürzere oder längere Sicht nicht weiterleben können und zur Suche einer anderen Bleibe gezwungen sein. Wenn wir den Szenarien von Klimaforschern folgen, wird durch die Erderhitzung im Landesinnern der tropischen Regionen in wenigen Jahrzehnten menschliches Leben und Überleben kaum mehr möglich sein.
In diesen Kontext gehört auch das Thema der klimabedingten Flucht. Der Umfang von Flucht und Migration aufgrund der fortschreitenden Klimaveränderungen ist kaum zu überschätzen. Nach Berechnungen des UNHCR
„wurden in den letzten 10 Jahren 220 Millionen Menschen durch klimabedingte Katastrophen zur Flucht innerhalb der Landesgrenzen gezwungen. 2023 verließen rund 26,4 Millionen Menschen ihre Heimat aufgrund von Katastrophen und klimabedingten Ereignissen wie Dauerregen, langanhaltenden Dürren, Hitzewellen und Stürmen sowohl kurz- als auch langfristig – das ist die höchste Zahl seit einem Jahrzehnt[39].
Die Flucht- und Migrationsbewegungen werden im Verlauf der kommenden Jahre weiter zunehmen. Auslösender Faktor ist häufig der Verlust von bewohnbarem bzw. kultivierbarem Territorium für die betroffenen Menschen. Z.B. leben in Küstengebieten, die weniger als einen Meter über dem Meeresspiegel liegen, gegenwärtig über eine Milliarde an Menschen – und im globalen Süden sind es vielfach gerade diese Städte, die zum Fluchtziel ländlicher Bevölkerung werden, wenn diese nicht mehr aufgrund von Klimawandel und Desertifikation in ihren Dörfern leben und überleben kann.
Nach Lage der Dinge wird es menschenrechtlich vertretbare Lösungen unter Vermeidung von Folgekatastrophen und Gewaltkonflikten in den Zufluchtsgebieten erst geben, wenn Klimavertriebene auch Lebens- und Siedlungsrechte in Regionen finden,
Gegenwärtig ist das in erster Linie der globale Norden, also Regionen, die wirtschaftlich weit avancierter sind und die unter anderem deshalb besser imstande sind, sich vor durch Klimawandel bedingten Katastrophen zu schützen und unter klimabedingten Veränderungen zu organisieren. Nicht nur das: diese Länder verursachten ganz überwiegend die Klimaveränderungen, die in den Regionen des globalen Südens Menschen zur Flucht aus ihrer Heimat gezwungen haben und sie dazu weiter zwingen werden. Auch wenn es keine international kodifizierte Regelung gibt, die diese Länder zur Aufnahme von Klimavertriebenen aus dem globalen Süden verpflichtet, aus ethischer Sicht sind die Argumente für eine solche Verpflichtung überzeugend. Wenn Gesellschaften durch ihr Handeln in Vergangenheit und Gegenwart für die zu Abwanderung und Flucht zwingenden Klimaveränderungen vor Ort verantwortlich sind und das zudem seit geraumer Zeit auch wissen, haben sie aus ethischer Sicht eine klare Hilfsverpflichtung. Dazu kann auch die Verpflichtung gehören, Menschen, die aus ihrer Heimat klimabedingt flüchten müssen oder die klimabedingt von dort vertrieben wurden, einen Raum und die Möglichkeiten für ein würdevolles Leben zu geben.
Dieser ethisch begründete Anspruch bewegt sich in nicht zu übersehender Eindeutigkeit gegen den Strom der Zeit in nahezu allen Ländern des globalen Nordens. In den letzten Jahren schotten sie sich immer mehr gegen Flucht und Migration aus dem globalen Süden ab. Dabei werden die Regierungen dort von einer sich verstärkenden xenophoben Haltung, zum Teil von regelrechtem Fremdenhass in großen Teilen der Bevölkerung unterstützt und getrieben. Migration und Zuwanderung sind in nahezu allen diesen Ländern ein „Triggerpunkt“, ein Brennpunkt gesellschaftlicher Erregtheit und Empörung. Mauern gegen Flucht und Migration zu errichten, Migranten und Geflüchtete aus dem Land in Missachtung von Menschenrechten wieder zu deportieren, ist die erfolgversprechendste Werbung aller populistischen Parteien um Wählerstimmen.
Dennoch und darum erst recht: Ein zentrales Kriterium der Klimakommunikation, für die hier – im Anschluss an Jürgen Habermas – plädiert wird, sind Glaubwürdigkeit und Wahrhaftigkeit in kognitiver wie in ethischer Hinsicht. Dass die Klimavertriebenen nicht für ihr Schicksal verantwortlich sind und dass es eine Hilfsverpflichtung ihnen gegenüber gibt, liegt auf der Hand und sollte daher nicht aus Opportunismus geleugnet oder verschwiegen werden. Außerdem droht in einer Zukunft der verschärften Klimakatastrophen die menschliche Zivilisation schnell in einen Prozess der Selbstzerstörung mit Kriegen und Gewaltexzessen zu geraten, wenn sie
Menschen, die vor steigenden Weltmeeren, lang anhaltenden Dürren, Desertifikation oder Überschwemmungen flüchten, einen Lebensraum verweigert.
In diesem Zusammenhang ist es für Klimakommunikation hilfreich darauf hinzuweisen, dass auf längere Sicht die Brennpunkte und Wege klimabedingter Flucht, Vertreibung und Migration keineswegs ausgemacht sind. So hat sich in den vergangenen Monaten die Einschätzung, dass das privilegierte Europa weniger von Klimaveränderungen betroffen sein wird, gewandelt: Gegenwärtig wird davon ausgegangen, dass die Temperaturen im europäischen Raum doppelt so stark und schnell ansteigen als im globalen Durchschnitt – mit entsprechenden verschärfter Extremhitze, Mega-Waldbränden, Dürre mit Ernteverlusten, Extremstürmen etc. Ebenso zeichnet sich in der Forschung über die Veränderungen der Meeresströmungen ein mögliches umgekehrtes Szenario ab: Seit Jahren schwächt sich die atlantischen Umwälzströmung „AMOC“ ab, der wir im nördlichen Europa und Amerika ein angesichts der Breitengrade vergleichsweise mildes Klima verdanken. Nach Einschätzung anerkannter Klima- und Ozonforscher steuert diese Abschwächung auf einen Kipppunkt zu, ab dem die Abschwächung des AMOC eine sich selbst verstärkende Eigendynamik erreicht, die wiederum in wenigen Jahrzehnten zum vollständigen Kollaps der Umwälzung führt. Die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Kipppunkt erreicht wird – jeweils in Abhängigkeit von ergriffenen oder unterlassenen Maßnahmen zur Verringerung des Treibhauseffekts – zwischen 25% und 70% beziffert.
Mit dem Kollaps des AMOC wird sich das Klima zumindest im nördlichen wie im nordwestlichen Europa erheblich abkühlen. In weiten Teilen muss dann die Landwirtschaft eingestellt werden, während zugleich im europäischen Süden die landwirtschaftlichen Erträge durch Erhitzung, Dürre und Desertifikation stark zurückgehen. Viele Regionen Europas werden unbewohnbar sein, umfassende Hungerkatastrophen erscheinen unvermeidbar. Damit kann sich eine Umkehrbewegung der klimabedingten Flucht und Migration aus dem bis dahin privilegierten globalen Norden abzeichnen – wohin auch immer.
Ganz gleich wie sich die Dinge entwickeln: Mit einer fortschreitenden Klimakatastrophe wird die Welt, in der wir leben, in immer mehr, in immer größeren und immer schwerer voraussehbaren Regionen nicht oder kaum mehr bewohnbar werden. Klimabedingte Flucht und Vertreibung wird zu einem globalen Ereignis, von dem wir nur begrenzt vorab wissen, welche Gesellschaft es stark trifft, welche weniger stark und welche vielleicht überhaupt nicht. Darauf mit Mauern gegen klimabedingte Flucht zu reagieren, ist nicht nur unsolidarisch und hilflos, es ist vor allem hochriskant. Denn unversehens kann die sich verschanzende Region oder Gesellschaft auf der Schattenseite der Klimakatastrophe wiederfinden und selbst auf Flucht und Migration angewiesen sein, vor der sie sich gerade schützen wollte. Wenn wir vermeiden wollen, dass weltweite Kriege unter immer besser entwickeltem technischen Vernichtungspotential dann zur sicheren Auslöschung unserer Zivilisation führen, bleibt nur die Alternative: In gegenseitiger Hilfsbereitschaft auf einer vom fossilen Kapitalismus unbewohnbarer gemachten Erde zusammen zu rücken. Klimakommunikation sollte das durchaus und offen ansprechen – auch auf die Gefahr hin, als Klima-Kassandra abgestempelt zu werden.
[1] https://www.ipsos.com/fr-fr/presidentielle-2027
[2] https://www.ipsos.com/fr-fr/ce-qui-preoccupe-les-francais-juillet-2026
[3] Während der Niederschrift gibt es in den Provinzen Huelva und Huesca weitere Großbrände von bisher rund 80.000 ha an Umfang.
[4] DANA ist die Kurzform für (auf Deutsch): isolierte Tiefdruckzone in großer Höhe
[5] Die Mitarbeitenden der spanische AEMET sind, wie im übrigen auch Wetterdienste in anderen Ländern, seit Jahren verstärkt Zielscheiben anonymer Beleidigungen und Drohungen, weil sie Informationen und Prognosen über die zunehmende Klimakrise verbreiten. Die Anwürfe werden überwiegend über das digitale Netz X verbreitet. Dazu u.a.: https://es.euronews.com › Earth › Noticias sobre la Tierra
[6] Ich beziehe mich im folgenden auf die wohl offizielle Darstellung des Ereignisablaufs im Internet: https:Inundaciones_de_la_DANA_de_2024_en_Espana
[7] https://www.rki.de/DE/Themen/Gesundheit-und-Gesellschaft/Gesundheitliche-Einflussfaktoren-A-Z/H/Hitze/Bericht_Hitzemortalitaet.html
[8] Ein unverbindlicher und allgemein gehaltener Hitzeschutzplan des Gesundheitsministeriums von gerade 8 Seiten wurde unter Karl Lauterbach im Jahr 2023 veröffentlicht, seitdem findet sich nur ein gemeinsam mit dem DSB entworfener Hitzeschutzplan für den Breitensport von 2025.
[9] Zitat aus Kontext: Wochenzeitung, 15.8.2026
[10] Am 16.8. allerdings legt die SPD als kleinere Regierungspartei einen Hitze-Aktionsplan vor. E sieht einen nationalen Hitzeschutzplan, Änderungen im Bauplanungsrecht einen besseren Schutz für Beschäftigte bei extremen Temperaturen und einen Ausbau und die verstärkte Finanzierung des unter der „Ampel“ eingeführten Programms „natürlicher Klimaschutz vor. Zudem wird vorgeschlagen, Klimaanpassung als »Gemeinschaftsaufgabe« im Grundgesetz zu verankern und damit den Bund als Akteur stärker in die Pflicht zu nehmen. Die für dieses Papier entscheidende Frage ist auch hier, ob es gelingt, dafür wirksame Resonanz und Unterstützung in der Bevölkerung zu erreichen. Die demnächst anstehenden Wahlen in drei Bundesländern sind dafür ein Testfall.
[11] https://www.thelancet.com/journals/lanplh/article/PIIS2542-5196(21)00278-3/fulltext.
[12] https://www.ademe.fr/presse/communique-national/eco-anxiete-quelles-menaces-sur-la-sante-mentale-des-francais/
[13] https://www.barmer.de/gesundheit-verstehen/mensch/gesundheit-2030/nachhaltigkeit/klima-angst-1072176
[14] Climate anxiety, wellbeing and pro-environmental action: correlates of negative emotional responses to climate change in 32 countries, In: Journal of Environmental Psychology 84, 12/2022.
[15] https://institut-klimapsychologie.de/solastalgie/
[16] Laure Nouachat, comment rester écolo sans finir dépressif, Paris 2020
[17] https://www.wiso.uni-hamburg.de/fachbereich-sowi/professuren/brueggemann/ueber-uns/aktuelles/am-2026-07-27-klima-anr-mib.html
[18] „canicule“ ist ein in Frankreich feststehender Begriff, auf Deutsch – dann aber verharmlosend – als „Hundswetter“ übersetzbar.
[19] Stand: Anfang August 2026
[20] Die aussergewöhnliche Erwärmung des Pazifik-Erwärmung „El Ninyo“ dürfte im laufenden Jahr keine durchschlagende Fernwirkung auf Europa haben, wohl aber die ungewöhnlich starke Erwärmung des räumlich nahe liegenden Mittelmeer.
[21] Aufgrund der Verbuschung weiter Landstriche, die, im Extremsommer völlig ausgetrocknete, „ideales“ Brennmaterial für die Feuer sind. In Wirklichkeit haben die von der Rechten Partido Popular mit VOX gebildeten Regionalregierungen es in den letzten Jahren die Mittel für Brandprävention stark gekürzt und es unterlassen, Gemeinden und Landbesitzer zu entsprechenden Maßnahmen anzuhalten.
[22] Auch wenn das hier nicht Thema ist: Mitverantwortlich ist die Gemeinsame Agrarpolitik der EU, etwa die Vernachlässigung der kleinbäuerlichen Betriebe, die für den Erhalt einer mosaikförmigen, die Brandausbreitung hemmenden Landschaft wichtig sind und die Benachteiligung der extensiven Viehhaltung zugunsten der Massentierhaltung, die europaweit zum Rückgang, teilweise dem gänzlichen Verschwinden der Weidewirtschaft führten. Zum zweiten eine auf Maximierung des lukrativen Holzabsatz zielende Forstwirtschaft, die zuvor lichte Mischwälder in verdichtete monokulturelle Kiefern oder gar Eukalyptusbaum-Plantagen verwandelte, in denen die nicht mehr beherrschbaren großräumigen Wipfelbrände entstehen können.
[23] Zitiert aus dem Programm der AFD zu den Bundestagswahlen 2025
[24] Nach tagesschau, 1.12. 2021. Allerdings vermerkt das ISD diese ihrem inhaltlichen Anspruch nach wichtige Untersuchung nicht auf ihrer website.
[25] Den Begriff entnehme ich der Klimadebatte in Spanien, hier wird mit „negationismo“ die Weigerung umschrieben, die nicht ernsthaft zu bestreitenden Veränderungen des Weltklimas und seinen Hintergründen überhaupt ernsthaft zur Kenntnis zu nehmen.
[26] https://www.veolia.de/barometer-2024
[27] Elise Boutié, La maison brûle : cultiver le déni du changement climatique après un mégafeu en Californie du nord, Dissertation 2024
[28] Anders als in den USA, wo die Klima-Negationisten der MAGA-Bewegung, der Evangelikalen und das mediale Dauerfeuer von Organen wie FoxNews inzwischen das Einstellungsspektrum zur Klimafrage erfolgreich verseucht haben.
[29] Die Beschränkungen und Aussagekraft habe ich in meinem Buch „Untersuchungsmethode und soziale Wirklichkeit“ untersucht, dort im Kapitel II. „Das Dilemma des Forschungsinterviews“, Frankfurt/M 1974, 1980 und 1985.
[30] Den Begriff entnehmen ich der Debatte in Frankreich; „atténuation du climat“: Die Auswirkungen auf das Weltklima sind inzwischen so weit fortgeschritten, dass es sich die Klimaveränderungen fürs erste nicht mehr stoppen lässt. Gegenwärtig kann nur der laufende Prozess der Veränderungen verlangsamt, „gedämpft“ werden.
[31] Zur Hölle, denn es geht nicht nur um die für die Menschheit unwirtlich werdenden Lebensumstände auf der Erde, sondern in vermutlich noch größerem Ausmaß um die damit eintretenden Erschütterungen in der Beziehungen von Menschen, Gesellschaften und Staaten untereinander. So können der Beginn des Bürgerkriegs in Syrien ab 2011, der Genozid in Darfur/Westsudan 2003 und 2025 , überhaupt in Afrika zunehmende Gewaltkonflikte zwischen Gesellschaften mit Viehzucht und Landbewirtschaftung auch als Folge klimatisch bedingter Dürren erklärt werden.
[32] Allein ein Vergleich mit der zweiten großen Seherfigur in der Ilias, dem männlichen und erblindeten Teiresias. Dieser tritt als Mann „natürlich“ besonnen und allgemein respektiert auf. Christa Wolf hat das in ihrer Erzählung „Kassandra“ überzeugend dargestellt. Kassandra ist hier eine ruhige, überlegte Frau, die sich verzweifelt und erfolglos an den Männern und ihrer Gewaltverherrlichung abarbeitet, diesen „ichbezogenen Kindern“(S. 11), die „halb Bestien, halb Kinder“ (S.76) sind, Achilles mit seinen grausamen Gewaltorgien wird immer als „ das Vieh“ tituliert, Agamemnon als Chef des ganzen Unternehmens vor Troja als „ ein Nichts auf dem Thron“ (S.12. Christa Wolf, Kassandra, o.J.)
[33] Jürgen Habermas, Theorie des kommunikativen Handelns, stw Frankfürt/M, 1. Auflage 1995. Hier insbesondere Band 2, VI, „Das Konzept der Lebenswelt, S. 171ff.
[34] Nach Berechnungen der Europäischen Umwelt sterben in Deutschland im Jahr rund 30.000 Menschen vorzeitig an lungengängigem Feinstaub und 10.000 an Stickoxiden, beides großenteils durch fossil betriebenen Autoverkehr und Kraftwerke erzeugt. https://www.duh.de/presse/pressemitteilungen/pressemitteilung/neue-daten-zeigen-gesundheitsschaedliche-luftbelastung-ueberall-in-deutschland-deutsche-umwelthilfe-f/ Menschen, zumeist fortgeschrittenen Alters, die zumeist in städtischen Ballungsräumen leben, an den für die Atemwege und dem Blutkreislauf schädlichen Stickoxid- und Feinstaub-Emissionen aus Verbrennungsmotoren.
[35] Dazu ausführlich: Stephen M. Gardiner, A Perfect Moral Storm. The Ethical Tragedy of Climate Change, Oxford 2011.
[36] Ian McEwan, Was wir wissen können, Zürich 2025, S.154.
[37] Dieses, 2014 von Martin Hirsch gegründete Insitut unterstützt besonders engagierte Jugendliche beim Einstieg in Berufe und Ausbildungen; Klima und Biodiversität sind dabei Schwerpunkte.
[38] Martin Hirsch, les Solastalgiques, Paris 2023, S. 367/8, S.176.
[39] https://www.uno-fluechtlingshilfe.de/hilfe-weltweit/themen/fluchtursachen/klimawandel