{"id":250,"date":"2008-04-25T18:56:15","date_gmt":"2008-04-25T16:56:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hartwig-berger.de\/cms\/?p=250"},"modified":"2023-01-03T16:42:10","modified_gmt":"2023-01-03T15:42:10","slug":"soziale-folgen-der-palmoelwirtschaft-im-agrarkapitalismus-das-beispiel-kolumbien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hartwig-berger.de\/cms\/soziale-folgen-der-palmoelwirtschaft-im-agrarkapitalismus-das-beispiel-kolumbien\/","title":{"rendered":"Soziale Folgen der Palm\u00f6lwirtschaft im Agrarkapitalismus &#8211; Das Beispiel Kolumbien"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\">Kommune. Zeitschrift f\u00fcr Politik-\u00d6konomie-Kultur 4\/2008<br \/>\nvon Hartwig Berger<\/p>\n<h3>Vorbemerkung<\/h3>\n<p>Dass Landwirtschaft zur energetischen Nutzung in massive Sozialkonflikte f\u00fchrt, zeigt besonders eindringlich das Beispiel Kolumbien. Ich stelle das im folgenden dar, um ein \u201enaturalistisches\u201c Missverst\u00e4ndnis zu korrigieren, mit dem sich einige Umwelt- und Entwicklungsorganisationen die Sache zu einfach machen. Gemeint ist die Auffassung, dass der Anbau von Energiepflanzen als solcher in die Krise f\u00fchrt. Das Ausgangsproblem liegt jedoch nicht in der Nutzung von \u00d6lpalme oder Zuckerrohr an sich, sondern in den Rahmenbedingungen, unter denen eine Agrarwirtschaft f\u00fcr den Weltmarkt durchgesetzt wird; und ein zentrales Folgeproblem sind die Auswirkungen, die das in bisher (klein-)b\u00e4uerlich gepr\u00e4gten Regionen der Tropen und der Subtropen l\u00e4ndlichen Regionen hat. Unter anderen Rahmenbedingungen m\u00fcssten Chancen und Folgewirkungen des Anbaus nachwachsender Energietr\u00e4ger vermutlich anders beurteilt werden. Allerdings bleibt die Frage, ob und wie andere Randbedingungen in einer Weltwirtschaft mit ihrer herrschenden Ideologie des Freihandels, der Dominanz multinationaler Konzerne, den unkontrollierten spekulativen Finanzm\u00e4rkten und der Korruptionsanf\u00e4lligkeit der meisten Regierungen und Verwaltungen \u00fcberhaupt durchsetzbar sind. Noch so \u00fcberzeugende Zertifizierungsregeln etwa zum Anbau von \u00d6lpalmen bleiben eine geistige Trocken\u00fcbung, solange ein deregulierter weltweiter Agrar- und Agrosprit-Markt sie locker unterlaufen kann .<\/p>\n<h3>Darstellung<\/h3>\n<p>Seit ungef\u00e4hr 10 Jahren f\u00f6rdert und unterst\u00fctzt der kolumbianische Staat neben dem verst\u00e4rkten Anbau von Zuckerrohr vor allem die Herstellung von Palm\u00f6l . 2006 waren im Land 301.000 ha an Plantagen mit \u00d6lpalmen registriert, mit einem Brennstoff-Ertrag von insgesamt 711.000 t. Verglichen zum Vorjahr 2005 war die genutzte Fl\u00e4che um 8,5%, der Ertrag wegen der Jungpflanzungen nur um 5,9% gewachsen. In 10 Jahren hat sich der Ertrag um 74% gesteigert, von 2006 bis 2010 wird ein weiterer Zuwachs um 56% erwartet. Der Export, der ganz \u00fcberwiegend den US-amerikanischen Markt bedient, hat sich von 1996 bis 2006 anteilsm\u00e4\u00dfig auf 34% verdreifacht.<\/p>\n<p>Die nutzbare Fl\u00e4che f\u00fcr Palm-Kulturen wird in Kolumbien auf 3,5 Mio. ha veranschlagt. Sofern sie in Anspruch genommen wird, vergr\u00f6\u00dfert sich der Wasserbedarf der Landwirtschaft insgesamt um mehr als das Doppelte. Weit schlimmere Umwelt- und Klimafolgen sind zu erwarten, weil insbesondere bewaldetes Land als Eignungsfl\u00e4che f\u00fcr Palmen vorgesehen ist. Nach Sch\u00e4tzungen der \u201eFood and Agriculture Organization (FAO)\u201c der UNO ist Kolumbien mit 49 Mio. ha gegenw\u00e4rtig noch zu 43% von Regenwald bedeckt . Die bewaldeten Zonen werden teils von Kolumbianern indigener, teils von afrikanischer Herkunft in angepasster Bewirtschaftung bewohnt und genutzt. Die Afro-Kolumbier sind Nachkommen der nach Amerika verschleppten Sklaven, die sich nach ihrer Freilassung als Bauern mit gemeinschaftlichem Landbesitz vor allem im S\u00fcdwesten des Landes angesiedelt haben.<\/p>\n<p>Beide Volksgruppen wirtschaften weitgehend au\u00dferhalb der kapitalistischen Marktlogik in Familienbetrieben, die auf Selbstversorgung und regionalen Austausch orientiert sind. Auch die Kleinr\u00e4umigkeit ihrer Parzellen, die Vielfalt in Anbau und Viehhaltung und selbstverst\u00e4ndlich fehlendes Kapital schlie\u00dfen Plantagenwirtschaft f\u00fcr sie aus.<\/p>\n<p>Protagonisten der neuen \u00d6konomie nachwachsender Energie sind Unternehmer mit Kapital oder mit Zugang zu Kreditm\u00e4rkten, allerdings ohne Landbesitz in den fraglichen Gebieten. F\u00fcr die afrokolumbianischen Bauern kommt der Verkauf des Landes, von dem sie leben, auf dem sie seit Generationen wohnen und zu Hause sind, nicht in Betracht. In aller Regel w\u00e4re das wegen der kommunalen Eigentumsbindungen auch nicht m\u00f6glich. Um an das land zu kommen, initiieren daher interessierte Unternehmen Formen der Enteignung, die an Brutalit\u00e4t die Konfiszierungen von Gemeindeland und von kleinb\u00e4uerlichen Pachten im vormodernen und modernen Europa noch \u00fcbertreffen . Hier \u201ehilft\u201c ihnen der endemische B\u00fcrgerkrieg, in dem der Staat seit vielen Jahren mit den Guerilla-Organisationen FARC und ELN steht. Da die FARC in von ihr kontrollierten Gebieten Landgemeinden zur materiellen und logistischen Unterst\u00fctzung zwingt, entsendet die Regierung ihrerseits Milit\u00e4r in dieselben Gebiete und bildet oder toleriert paramilit\u00e4rische Banden, die angeblich gegen die Guerilla agieren. Milit\u00e4rs wie Banden vertreiben unter dem Vorwand, die Guerilla unterst\u00fctzt zu haben, ganze Gemeinden von Dorf und Land . H\u00e4ufig wird das mit der Gefangennahme, Folterung und Ermordung insbesondere f\u00fchrender Gemeindemitglieder eingeleitet und bewirkt. Enteignungen finden ebenso durch Gerichtsprozesse einer korrumpierten Justiz oder die notariell beglaubigte F\u00e4lschung von Verf\u00fcgungen Gestorbener oder Ermordeter statt. In Gebieten mit hohem Analphabetismus ist das bekanntlich leicht zu bewerkstelligen.<\/p>\n<p>Zwangsweise verlassenes, enteignetes oder im Besitz verf\u00e4lschtes Land wird von den (Para-)Milit\u00e4rs zu wechselseitigem Vorteil an Unternehmen oder Personen gegeben, die es dann weitr\u00e4umig f\u00fcr Palm\u00f6l-Plantagen nutzen. Sofern vertriebene Bauern zur\u00fcckkehren, haben sie nur die Wahl, sich zu Lohnarbeit auf ihrem fr\u00fcheren Land zu verdingen oder das Gebiet endg\u00fcltig zu verlassen. Da der relative Arbeitsbedarf pro Fl\u00e4che auf nur etwa ein Drittel des klassischen Familienbetriebe gesch\u00e4tzt wird, hat der gr\u00f6\u00dfte Teil keine andere Wahl als zu gehen. Die Arbeitsbedingungen der Verbleibenden sind hart und die L\u00f6hne niedrig. H\u00e4ufige Streiks &#8211; zuletzt im Fr\u00fchjahr 2008 \u2013 und die Ermordung von 9 gewerkschaftlich engagierten Plantagenarbeitern in letzter Zeit zeugen davon.<\/p>\n<p>Illegale Enteignungen sind in der Ausbreitung der kolumbianischen Palm\u00f6l-Wirtschaft eher Regel als Ausnahme. So f\u00fchrte das staatliche \u201eInstitut f\u00fcr l\u00e4ndliche Entwicklung\u201c , INCODER, in einer betroffenen Region eine Recherche durch, die zum Ergebnis hatte, dass 93% der mit Palmen bewirtschaften Fl\u00e4che illegal angeeignetes Land afrokolumbianischer Bauern ist. In der untersuchten Provinz ist eine Verdreifachung der Plantagenfl\u00e4che geplant. Damit h\u00e4tten die b\u00e4uerlichen Gemeinden 50% ihres Landes verloren.<\/p>\n<p>Trotz der erdr\u00fcckenden \u00dcbermacht und Gewalt von Kapital, Milit\u00e4r und Korruption versuchen betroffene Bauern, mit Unterst\u00fctzung von Kirchen, Gewerkschaften und Umweltorganisationen einen gewaltfreien Widerstand zu organisieren. Die enormen Risiken, die sie damit eingehen, kann am Kampf der Friedensgemeinde San Jos\u00e9 del Apartado, weiter n\u00f6rdlich und in einem bisher nicht mit Palmen bewirtschafteten Gebiet gelegen, illustriert werden. Dieses Dorf mit damals 1.300 Einwohnern erkl\u00e4rte sich im M\u00e4rz 1997 zur Friedensgemeinde und verweigert seitdem allen bewaffneten Gruppe \u2013 ob Guerilla, Milit\u00e4r, Paramilit\u00e4rs oder Drogenbarone \u2013 jede Art von Unterst\u00fctzung. Seitdem wurden dort 187 Menschen von staatlich entsandten, von auf eigene Rechnung operierenden Milit\u00e4rs und teils auch von der FARC ermordet. San Jos\u00e9 del Apartado, dessen Kampf und Geschick international bekannt geworden ist, erhielt am 1. September 2007 den Aachener Friedenspreis.<\/p>\n<p>Im Fr\u00fchjahr 2008 haben sich im pazifischen Grenzgebiet zwischen Kolumbien und Ecuador 13 Organisationen aus den betroffenen Gemeinden zu einem Runden Tisch gegen Palm\u00f6l zusammengefunden und eine gemeinsame Erkl\u00e4rung verfasst. Ich zitiere daraus:<\/p>\n<p>\u201eWir verlangen, dass unsere Autonomie und unsere \u00fcberkommenen Rechte respektiert werden, n\u00e4mlich unser Recht am Land, an unseren traditionellen Arten es zu bewirtschaften, an unserer Kultur und ihren vielf\u00e4ltigen Darstellungen. Wir klagen das Recht ein, auf unserem Land geboren zu werden, dort zu leben und zu sterben, ohne dass uns Modelle wirtschaftlicher Entwicklung aufgezwungen werden, die unserer Kultur und den Umweltbedingungen am Pazifik fremd sind.\u201c<\/p>\n<p>Diese wie auch andere Selbstzeugnisse aus Kolumbien machen deutlich, dass die betroffenen Gemeinden vor allem ihr Recht auf Weiterf\u00fchrung der gemeinwirtschaftlich gepr\u00e4gten Familien\u00f6konomie und ihr Recht auf kulturelle Identit\u00e4t verteidigen. Die vordringende Plantagenwirtschaft halten sie f\u00fcr unvereinbar mit ihrer Art, das Land zu bewirtschaften. Sie lehnen sie auch wegen der bewirkten hohen Umweltsch\u00e4den ab, unter denen sie gesundheitlich als erste zu leiden haben. Der Agrarkapitalismus wird des weiteren wegen der zerst\u00f6rerischen Folgen auf ihre Kultur und ihre sozialen Lebensformen verworfen.<\/p>\n<p>Wir haben es also mit einer sehr umfassenden gesellschaftlichen Kritik und einem darauf gr\u00fcndenden Widerstand zu tun, wie er gegenw\u00e4rtig gegen den weiter vordringenden Agrarkapitalismus in vielen Weltregionen stattfindet. Diese Kritik wird von einer in ihrer urbanen Weltsicht eingeengten \u00d6ffentlichkeit viel zu wenig beachtet. Lediglich die Bewegung der Zapatistas im mexikanischen Chiapas ist ein allerdings weithin bekanntes Beispiel. In den meisten l\u00e4ndlich gepr\u00e4gten Regionen unseres Planeten wird aber noch unter Bedingungen gelebt und gewirtschaftet, die nicht oder nur unter schweren \u00f6konomischen und sozialen Verwerfungen in die kapitalistische Marktlogik integrierbar sind.<\/p>\n<h3>Resum\u00e9<\/h3>\n<p>Was lehren das Beispiel Kolumbien und die eben skizzierte Folgerung f\u00fcr den Palm\u00f6l-Konflikt? Nicht Anbau und Ernte von Palmen als solcher ist das Problem, sondern die Zerst\u00f6rung b\u00e4uerlicher \u00d6konomien und Gesellschaften durch und f\u00fcr agrarkapitalistische Wirtschaftmethoden. F\u00fcr diese und ihre Akteure ist es im Kern gleichg\u00fcltig, was angebaut und auf dem Markt verwertet wird. Entscheidend ist, dass der Markt expandiert, zunehmend globale Z\u00fcge gewinnt und aufgrund steigender Nachfrage einen Absatz zu lukrativen Preisen verspricht. W\u00fcrde durch eine sich wandelnde Ern\u00e4hrungskultur der Bedarf an Obst aus den Tropen in den weltweiten Mittel- und Oberklassen rasant steigen, k\u00f6nnte mit der Einrichtung von Bananen- oder Orangen-Hainen derselbe desastr\u00f6se Effekt im pazifischen Kolumbien eingeleitet werden, den wir an der \u00d6lpalme skizziert haben. W\u00fcrde der weltweite Zuckerkonsum bei stark steigenden Preisen hochschnellen, so d\u00fcrfte sich der Zuckerrohr-Anbau in Lateinamerika st\u00e4rker vom Kraftstoff-Sektor auf die Zuckerproduktion verlagern. So richtet auch der \u00fcberh\u00f6hte und weiter steigende Fleischkonsum in den reichen L\u00e4ndern und wohlhabenden Sozialklassen weltweit dadurch erheblichen sozialen Schaden an, dass sein enormer Fl\u00e4chenbedarf und die unweigerliche Ausweitung der gro\u00dfagrarischen Wirtschaft in s\u00fcdlichen L\u00e4ndern b\u00e4uerliches Wirtschaftern marginalisiert hat und weiter marginalisiert. Die sozialen wie \u00f6kologischen Folgen des internationalen Fleischmarktes sind weit gravierender als der bisherige Boom der Agro-Kraftstoffe. Nur: Im Fall der Kraftstoffe expandiert der Weltmarkt seit einigen Jahren viel rasanter, so dass sich gegenw\u00e4rtig die Zur\u00fcckdr\u00e4ngung herk\u00f6mmlicher Landwirtschaft vor allem auf diesem Terrain vollzieht.<\/p>\n<ul>\n<li><a href=\"https:\/\/www.hartwig-berger.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/2008-04_artikel_palmoel.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">der Beitrag als PDF<\/a><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kommune. Zeitschrift f\u00fcr Politik-\u00d6konomie-Kultur 4\/2008 von Hartwig Berger Vorbemerkung Dass Landwirtschaft zur energetischen Nutzung in massive Sozialkonflikte f\u00fchrt, zeigt besonders eindringlich das Beispiel Kolumbien. Ich stelle das im folgenden dar, um ein \u201enaturalistisches\u201c Missverst\u00e4ndnis zu korrigieren, mit dem sich einige Umwelt- und Entwicklungsorganisationen die Sache zu einfach machen. 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