{"id":258,"date":"2004-07-17T23:06:10","date_gmt":"2004-07-17T21:06:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hartwig-berger.de\/cms\/?p=258"},"modified":"2023-01-03T16:42:55","modified_gmt":"2023-01-03T15:42:55","slug":"die-entgrenzte-stadt-und-ihr-umgang-mit-energie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hartwig-berger.de\/cms\/die-entgrenzte-stadt-und-ihr-umgang-mit-energie\/","title":{"rendered":"Die entgrenzte Stadt und ihr Umgang mit Energie"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\">Aufsatz von Hartwig Berger<\/p>\n<h3>1. Die Grenzenlosigkeit moderner St\u00e4dte<\/h3>\n<p>St\u00e4dte sind in einer Raumstruktur der klaren Grenzziehung zwischen Innen und Au\u00dfen entstanden. Ihre zumeist steinernen Umfassungen boten den Bewohnern Zuflucht und Schutz. Es war eindeutig erkennbar, wo Stadt beginnt und wo Stadt aufh\u00f6rt.<\/p>\n<p><!--more-->Jedoch \u2013 die Wirkungsmacht von St\u00e4dten war und ist zugleich r\u00e4umlich entgrenzt. St\u00e4dte nutzen ihre Umgebung f\u00fcr ihren Stoffwechsel, und das in vielfacher Hinsicht. Sie degradierten auch in historischen Zeiten ihre nat\u00fcrliche Umwelt. Und sie sind oftmals an ihren Eingriffen in die regionalen \u00d6kosysteme zugrunde gegangen \u2013 wie etwa die Ausgrabungen sumerischer Siedlungen am Rande des Zweistromlandes bezeugen. Diese fr\u00fchen St\u00e4dte verschwanden unter den Schlammschichten abgeschwemmter H\u00e4nge, die sich durch \u00dcbernutzung, Rodung und Erosion der B\u00f6den gelockert hatten: Die Sch\u00e4digung der Umwelt schlug in eine ungewollte Selbstzerst\u00f6rung der sie verursachenden Stadt um.<\/p>\n<p>Weil und insofern Stadtgesellschaften mit der Entwicklung von M\u00e4rkten und dem Warenverkehr, oft auch mit der Ausbreitung politischer Herrschaft entstanden und wuchsen, erweiterten und intensivierten sie ihren Wirkungsbereich. Die Welt etwa antiker St\u00e4dte von der Bedeutung Athens, Karthagos, Alexandriens und Roms war bzw. wurde der gesamte Mittelmeerraum. Entsprechend heftiger waren die \u00f6kologischen Folgen \u2013 denken wir an die Degradation des einst fruchtbaren und bewaldeten n\u00f6rdlichen Afrikas durch den Getreide- und Holzbedarf der St\u00e4dte des r\u00f6mischen Reichs.<\/p>\n<p>Das Wechselspiel von Begrenzung und Entgrenzung m\u00f6chte ich als begriffliche Folie einsetzen, um die moderne Entwicklung von Stadtgesellschaften und die Urbanisierung auch l\u00e4ndlicher Siedlungsformen in industrialisierten und in postindustriellen Gesellschaften besser zu verstehen . St\u00e4dte der Gegenwart wie der j\u00fcngeren Vergangenheit haben ihre umgrenzte Siedlungsform verloren. Die meist klar umgrenzte Stadt der Vergangenheit wird heute als historische Altstadt kulturell gefeiert und kommerziell ausgeschlachtet; die Stadt der Gegenwart hingegen expandiert in eine zumeist diffuse Siedlungsstruktur. Die Unaufhaltsamkeit dieses Prozesses kann geradezu als Kriterium moderner Urbanit\u00e4t gelten.<\/p>\n<p>Ihrer Raumstruktur nach haben die St\u00e4dte von heute mit denen von gestern nur den Namen gemeinsam. Moderne St\u00e4dte sind amorphe Verflechtungsr\u00e4ume, die sich in ein schwer strukturierbares Gemisch von teils lockeren, teils verdichteten Siedlungen, unbesiedelten Zwischenr\u00e4umen, gewerblich genutzten Zonen und zahllosen sich \u00fcberkreuzenden Verkehrstrassen gliedern. Klare Grenzen sind in der Regel weder nach innen noch nach au\u00dfen erkennbar. Die Raumstruktur entspricht eher den Vorgaben der Chaos-Theorie und folgt selten erkennbaren Ordnungsprinzipien.<\/p>\n<h3>2. fossile Energien und st\u00e4dtisches Wachstum<\/h3>\n<p>Die Entgrenzung urbaner R\u00e4ume im Zersiedelungsprozess ist ein Dauerthema in stadt\u00f6kologischen Diskursen. Ich will stattdessen die Aufmerksamkeit auf einen weniger oft diskutierten Typus r\u00e4umlicher Entgrenzung richten, die weitaus mehr zu negativen Umwelteinwirkung von Stadtgesellschaften beitr\u00e4gt. Dass sich seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts zun\u00e4chst im europ\u00e4isch-nordamerikanischen Raum riesige Siedlungsr\u00e4ume bildeten, in denen Hunderttausende und Millionen von Menschen leben, wurde durch einen epochalen Wandel der Energiewirtschaft seit jener Zeit m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Vergegenw\u00e4rtigen wir uns: Um 1800 hatte nur London mehr als eine Million Einwohner; um 1900 haben 13 St\u00e4dte die Schwelle zur Megastadt \u00fcberschritten, 1990 waren es bereits 275. Um 1800 leben 0,1%, im Jahr 2000 rund 20% der Weltbev\u00f6lkerung in Millionenst\u00e4dten. M\u00f6glich wurde dieses Gr\u00f6\u00dfenwachstum durch eine Umorientierung der Energiesysteme, von der Nutzung solar entstandener Energiequellen auf der Erdoberfl\u00e4che zur Ausbeutung solar entstandener Energiequellen unter der Erde, der fossilen Brennstoffe. Bis zur Industrialisierung waren die Nutzung von Wasser und Wind durch eine im \u00fcbrigen ausgefeilte M\u00fchlentechnik, von Wind in der Schifffahrt, die Verbrennung von Biomasse und der Einsatz biotischer Energie durch Tier- und nat\u00fcrlich menschliche Muskelkraft die entscheidenden Energietr\u00e4ger. Mit der Entwicklung der Dampfmaschinen-, der Turbinen- und der Motoren-Technik werden die Nutzung der Kohle, sp\u00e4ter von Erd\u00f6l und Erdgas und seit den 50er Jahren die Kernenergie, ebenfalls auf (allerdings nicht solar entstandenen) Brennstoff aus Erdlagern basierend, dominant.<\/p>\n<p>Diese fossile Energiewende erm\u00f6glicht eine quantitative Ausweitung der Energienutzung um ein Vielfaches \u2013 erst dadurch k\u00f6nnen die St\u00e4dte eine bis dahin ungekannte Gr\u00f6\u00dfe, Ausdehnung und Bev\u00f6lkerungszahl erreichen. Die gro\u00dfe Stadt der Moderne existiert dank der enorm wachsenden Ausbeutung der nur begrenzt verf\u00fcgbaren Erdvorr\u00e4te an Energietr\u00e4gern. Die Nutzung von Energie kann durch sie gegen\u00fcber dem solaren Zeitalter um ein Vielfaches wachsen. Der h\u00f6here interne Energiebedarf der modernen Stadt kann dadurch abgedeckt werden, auch der stark gestiegene Bedarf an G\u00fctertransporten, die nun \u2013 anders als im vorindtstriellen Zeitalter \u2013 weit \u00fcber den regionalen Umkreis hinaus reichen und Stoffwechsel wie Wirtschaft der Stadt \u201eglobalisieren\u201c. Das Hinterland der modernen Urbanit\u00e4t ist der ganze Planet.<\/p>\n<h3>3. Die Verwundbarkeit moderner St\u00e4dte<\/h3>\n<p>Die planetarische Entgrenzung der modernen St\u00e4dte verst\u00e4rkt ihre Abh\u00e4ngigkeit \u2013 und ihre Verwundbarkeit. Die weltweiten G\u00fcter- und Verkehrsverbindungen der urbanen R\u00e4ume w\u00e4ren zerst\u00f6rt, wenn \u2013 unter sonst gleichbleibenden Umst\u00e4nden \u2013 die Distribution oder die F\u00f6rderung von Erd\u00f6l weltweit versagte. Eine Verallgemeinerung \u2013 etwa \u2013 der jetzigen Blockierung der Erd\u00f6lf\u00f6rderung im Irak auf alle F\u00f6rderlander k\u00f6nnte die St\u00e4dte der Welt existentiell gef\u00e4hrden. Das urbane Leben w\u00fcrde insgesamt erl\u00f6schen, wenn der \u2013 ganz \u00fcberwiegend fossil oder nuklear erzeugte \u2013 Strom langfristig ausf\u00e4llt oder wenn die Bereitstellung der zu seiner Herstellung n\u00f6tigen Brennstoffe scheitert. Als in Italien Anfang 2003 die Stromversorgung f\u00fcr einen halben Tag ausfiel \u2013 bedingt durch spekulative \u00dcbernutzung der \u00dcberlandleitungen \u2013 wurde das im Land als bedrohliche Katastrophe erlebt. Ein Extremfall der Verwundbarkeit ist die Anf\u00e4lligkeit der Atomkraftwerke: Das Gef\u00fcge ganzer Nationalgesellschaften und ihres Stoffwechsels br\u00e4che zusammen, wenn durch Terror-Anschl\u00e4ge mehrere Atomkraftwerke getroffen und zur Kernschmelze gebracht werden.<\/p>\n<p>Verwundbar sind entgrenzte Stadtgesellschaft auch aufgrund der Wirkungen, die ihre Aktivit\u00e4ten auf Umweltzusammenh\u00e4nge entfalten. So hat sich die intensive Landwirtschaft aufgrund des Bedarfs der st\u00e4dtischen M\u00e4rkte an Bioprodukten entwickelt und weltweit ausgebreitet. Globale \u00f6kologische Wandlungsprozesse, durch gesellschaftliche Einwirkung bedingt, die zu einem Mangel an lebenswichtigen G\u00fctern f\u00fchren, sind vor allem f\u00fcr Stadtgesellschaften existenzbedrohend.<\/p>\n<p>Umweltkatastrophen sind ein Trauma gerade in Megast\u00e4dten, wie die starke \u00f6ffentliche Resonanz auf den Hollywood-Thriller \u201eThe Day after Tomorrow\u201c wieder best\u00e4tigt. Die vernichtenden St\u00fcrme toben in Los Angeles, die \u00dcberflutungen und die pl\u00f6tzlich einbrechende Eiszeit treffen New York . Nat\u00fcrlich sind Ausma\u00df und Zeitverk\u00fcrzungen des Films eine melodramatische Fiktion. Anthropogen erzeugte Ver\u00e4nderungen des Erdklimas sind ein hochkomplexer Prozess, zu dem eine Vielfalt an Wetterereignissen, Wahrscheinlichkeitsprognosen \u00fcber Wetterextreme wie Str\u00f6me, Starkregenf\u00e4lle, Hitzeperioden und dauerhaften Umweltver\u00e4nderungen wie ansteigende Meeressspiegel, Ver\u00e4nderungen der Meeresstr\u00f6mungen und Ver\u00e4nderungen der Bodenfruchtbarkeit zusammengefasst werden. Dieses verwickelte Konstrukt wird im Film wie im Alltagbewusstsein zu einer Kette unvermittelt einbrechender Extremereignisse stilisiert \u2013\u00a0 d e r Klimakatastrophe. Der beunruhigende Kern der Katastrophenangst ist die Unwiderruflichkeit von Milieuver\u00e4nderungen, die die Lebensgrundlage der St\u00e4dte insgesamt in Frage stellen k\u00f6nnte. Gegenw\u00e4rtig trifft die chronische Weltern\u00e4hrungskrise, deren Opfer \u00fcber 800 Millionen Hungernde oder Unterern\u00e4hrte sind, ganz \u00fcberwiegend die l\u00e4ndlichen Zonen Afrikas, Asiens und \u2013 weniger \u2013 Lateinamerikas. In den s\u00fcdlichen Megast\u00e4dten sind selbst die Armen weit weniger Opfer von Hungerkatastrophen als LandbewohnerInnen.<\/p>\n<h3>4. Globale Umweltfolgen im urbanen Bewusstsein<\/h3>\n<p>Allerdings ist der Welthunger bisher nicht die Folge globaler Nahrungsmittelverknappung sondern eine Folge gesellschaftlicher Ungleichheiten, regionaler Umweltkrisen und\/oder politischer Konflikte. Ern\u00e4hrungskrisen aufgrund globaler Verknappungen, die aufgrund von fortschreitender Desertifikation, Bodendegradation und Klimaver\u00e4nderungen vorausgesagt werden, werden hingegen in erster Linie die urbanisierten R\u00e4ume der Erde treffen. Denn hier ist es sehr viel schwieriger, Strukturen der Eigenversorgung wiederzubeleben. Gro\u00dfe St\u00e4dte sind essentiell von G\u00fcterlieferungen \u00fcber gro\u00dfe Distanzen und infolgedessen von funktionierenden M\u00e4rkten abh\u00e4ngig.<\/p>\n<p>Die Auswirkungen des Stoffwechsels der St\u00e4dte sind immer mehr von globaler Natur. Zwar gelingt es, Stadtgesellschaften im postindustriellen Norden der Erde zunehmend besser, negative Umweltwirkungen in der sie umgebenden Region zu kontrollieren und zu begrenzen. An den Erfolgen des Wasser- und Abwassermanagements, der Luftreinhaltung, am Schutz der Arten und der landschaftlichen Vielfalt in und um die St\u00e4dte l\u00e4sst sich das belegen. Doch ver\u00e4ndern die Aktivit\u00e4ten der St\u00e4dte insbesondere der Nordhalbkugel in weiterhin ansteigender Tendenz die globale \u00d6kologie und die Umwelt entfernter Regionen in ung\u00fcnstiger Weise. Der Energiebedarf und in seiner Folge auch die Emission von Treibhausgasen w\u00e4chst in fast allen OECD-Staaten weiter an, mit unabweislichen Folgen auf Erdklima, Landschaftszerst\u00f6rung oder drohende radioaktive Verseuchungen. Auch au\u00dferhalb der Energiewirtschaft zeichnet sich dieselbe Negativbilanz ab. So hat die EU 2001 aus nachvollziehbaren gesundheitspolitischen Gr\u00fcnden endlich die F\u00fctterung von Tiermehl an Rinder und andere Tiere verboten. Bei dem anhaltend hohen Fleischkonsum erh\u00f6hte dieser Schritt den Bedarf an Sojamehl aus tropischen und subtropischen L\u00e4ndern \u2013 mit der Folge, dass sich hier Prozesse der Entwaldung, der \u00dcbernutzung, der Bodenverseuchung durch Chemieeinsatz und der Anbau gentechnisch ver\u00e4nderter Pflanzen verst\u00e4rkten.<\/p>\n<p>Die \u00f6kologischen Entgrenzungen des urbanen Stoffwechsels sind den Akteuren in den urbanen R\u00e4umen nur in abstrakter Weise bewusst. Allein die Stadt Berlin verbrennt bzw. oxydiert f\u00fcr ihren j\u00e4hrlichen Energiebedarf fossil abgelagerten Kohlenstoff in einer Menge, die dem Entstehungsprozess dieser Kohle-, Erd\u00f6l- und Erdgaslager innerhalb von mehreren Hundert, vielleicht von 1.000 Erdjahren entspricht. 1.000 Jahre erdweit abgelagerter Kohlenstoff, den pro Jahr eine 3,3 Millionenstadt auf einer Landfl\u00e4che von 900 km2 verbraucht \u2013 das ist eine unglaubliche Menge. Noch bemerkenswerter als diese Zahl ist jedoch die geringe Bewusstheit \u00fcber das Ausma\u00df des Ressourcenverbrauchs. In der akademischen, der politischen wie der wirtschaftlichen Elite ist wie in der Stadt\u00f6ffentlichkeit insgesamt dieser phantastische Ressourcenverbrauch ausgeblendet.<\/p>\n<p>Die \u00f6kologische Entgrenzung des Stadtlebens verbindet sich mit ihrer Ausblendung im Alltagsbewusstwein der StadtbewohnerInnen. Das best\u00e4tigt auch das bisherige Ergebnis nunmehr jahrelanger Bem\u00fchungen aus Kreisen der Umweltbewegung, die darauf zielen, die Unachtsamkeit \u00fcber globale Umweltwirkungen zu durchbrechen und sie durch Veranschaulichungen begreifbar und transparent zu machen. Am Verfahren des \u00f6kologischen Fu\u00dfabdrucks will ich das erl\u00e4utern.<\/p>\n<p>Dieses Verfahren berechnet die Gesamtsumme an Siedlungs-, Acker-, Weide-, Wald- und Meeresfl\u00e4che, die zur Herstellung der von einem Menschen, einer Gemeinde oder einem Land j\u00e4hrlich konsumierten G\u00fcter erforderlich ist. Mit Hilfe von \u00c4quivalenzfaktoren kann die unterschiedliche biologische Produktivit\u00e4t der verschiedenen Fl\u00e4chenkategorien in ein allgemeines Fl\u00e4chenmass umgerechnet und dieses kartographisch veranschaulicht werden. Zwar blendet der \u00f6kologische Fu\u00dfabdruck wichtige Umweltbelastungen wie Bodenerosion, den Artenschwund, auch die Risiken gr\u00fcner Gentechnik oder der Nukleartechnik aus und kommt daher strukturbedingt zu eher g\u00fcnstigen Ergebnissen. Dennoch eignet sich das Verfahren hervorragend, um etwa einer Stadtgesellschaft die von ihr erzeugte \u00dcbernutzung von Naturressourcen anschaulich vor Augen zu f\u00fchren. F\u00fcr Berlin etwa ist die Ermittlung des \u00f6kologischen Fu\u00dfabdrucks 2001 zum Ergebnis gekommen, dass jede\/r Bewohner\/in durchschnittlich 4,41 Hektar Fl\u00e4che f\u00fcr seinen\/ihren Naturverbrauch ben\u00f6tigt, die Stadt insgesamt also \u00fcber 150.000 km2\/ . Das entspricht dem 168fachen der Stadtfl\u00e4che. Wurde der Verbrauch aus der regionalen Umgebung abgedeckt, m\u00fcsste ein Kreis im Radius von 219 km um die Stadt geschlagen werden. Er reicht bis Hamburg, R\u00fcgen, Poznan und in das Erzgebirge. Diese Fl\u00e4che ben\u00f6tigte die Stadt als Naturressourcen-Erneuerungspark, der von Siedlungen, Menschen, Verkehrstrassen vollst\u00e4ndig ger\u00e4umt sein m\u00fcsste. Auch \u201enutzlose\u201c Biotope wie Feuchtgebiete, Heide oder \u00d6dland w\u00e4ren nicht \u201ezugelassen\u201c. Die Bewohners dieses Ressourcenparks m\u00fc\u00dften evakuiert werden und ihren Ressourcenbedarf aus anderen von Menschen sonst ungenutzten und unbewohnten Regionen auf der begrenzten Erde abdecken.<\/p>\n<p>Solche Ergebnisse m\u00f6gen eindrucksvoll sein \u2013 in der \u00d6ffentlichkeit von Stadtgesellschaften sind sie bisher jedoch ziemlich wirkungslos. Trotz vielf\u00e4ltiger p\u00e4dagogischer und werbetechnischer Bem\u00fchungen wurde mit dem \u00f6kologischen Fu\u00dfabdruck keine aufkl\u00e4rerische Breitenwirkung erreicht. Dieses Verfahren, Umweltbelastung und Umweltverbrauch zu veranschaulichen, bleibt ein Unterhaltungsspiel mit ernsthaftem Hintergrund, dem sich wenige zumeist \u00f6kopolitisch engagierte Eingeweihte widmen. Die Ausblendung der globalen Umweltwirkungen im modernen Bewusstsein ist derart \u00fcberw\u00e4ltigend, dass sie auch durch intelligente und anschauliche Aufkl\u00e4rung nicht durchbrochen werden kann.<\/p>\n<h3>5. Verdr\u00e4ngung der Energiezufuhr aus Stadt und Bewusstsein<\/h3>\n<p>Unm\u00e4\u00dfige Ressourcenausbeutung und Mangel an Bewusstheit dar\u00fcber sind gleichlaufende Ph\u00e4nomene, sind Signatur derselben Mentalit\u00e4t. Ich will das am Umgang mit Energieressourcen illustrieren.<\/p>\n<p>Die Entwicklung der Energienutzung in modernen St\u00e4dten kann als schrittweise Ausgliederung der Arbeit ihrer Bereitstellung aus den st\u00e4dtischen Lebenszusammenh\u00e4ngen beschreiben. Der Einsatz fossiler Ressourcen erfolgte zun\u00e4chst durch direkte Verbrennung vor Ort oder \u00fcber zentrale Kraftwerke und Gaswerke, die innerhalb der St\u00e4dte lagen. Auch der Energieeinsatz zum Betrieb des lange dominanten automobilen Verkehrsmittels, der Bahn, war durch die Kohlefeuerung zun\u00e4chst an den Orten des Transportbetriebs sichtbar.<\/p>\n<p>Die Energiebereitstellung wurde jedoch im zeitlichen Prozess immer schwerer greifbar, unanschaulicher und verdeckter. Die st\u00e4dtischen Gaswerke wurden abgerissen und durch unterirdische Erdgaszuleitungen von au\u00dfen ersetzt. Die Kraftwerke wurden weitgehend aus den urbanen Zusammenh\u00e4ngen ausgegliedert und verschwanden aus dem Blickfeld. Nuklear betriebene Kraftwerke wurden prinzipiell au\u00dferhalb der St\u00e4dte errichtet. Soweit Strom kogenerativ \u2013 mit gleichzeitiger W\u00e4rmeerzeugung \u2013 erfolgt, wird zunehmend die unsichtbare Leitungsenergie Erdgas genutzt. Wegen seiner unsichtbaren Zuf\u00fchrung wie wegen der geringen Merkbarkeit seiner Emissionen wird Erdgas \u2013 obwohl sachlich falsch \u2013 gerne als umweltfreundlicher Energietr\u00e4ger angenommen. Gro\u00dfe Zuleitungen \u2013 insbesondere des Stroms \u2013 befinden sich au\u00dferhalb des urbanen Raums, in den St\u00e4dten verschwinden sie, wie die Zuleitungen in die H\u00e4user selbst, als Kabel unter die Erde. An die Stelle lokaler Energieerzeugung in Haushalten \u2013 etwa durch kohlebeheizte \u00d6fen und Herde \u2013 ist die unsichtbare Zulieferung der Energietr\u00e4ger Strom, Gas oder Heizw\u00e4rme getreten.<\/p>\n<p>Exemplarisch f\u00fcr die Ausblendung der Ressourcenabh\u00e4ngigkeit ist die Elektrifizierung der Gesellschaft. Sie setzt in den St\u00e4dten des industrialisierten Nordens mit der Beleuchtung der \u00f6ffentlichen Orte und, beginnend in den wohlhabenden Schichten, der privaten Haushalte ein und weitet sich dann auf weitere Bereiche aus, wie die h\u00e4uslichen T\u00e4tigkeiten des Kochens, Waschens, Reinigens, B\u00fcgelns etc. Im Rahmen der geschlechtlichen Rollentrennung verbleibend, verspricht die Elektrifizierung der Hausfrau Arbeitserleichterungen, erzeugt aber de facto neue Formen der Belastung wie zunehmenden Zeitdruck und Arbeitsstress durch gleichzeitig zu verrichtende T\u00e4tigkeiten. In der Gegenwart dringt die Elektrifizierung weit st\u00e4rker als mit der herk\u00f6mmlichen Telefonverkabelung auch in die Kommunikation vor, mit der Folge, dass Kommunikation von der k\u00f6rperlichen Pr\u00e4senz entkoppelt und zunehmend durch den Austausch zun\u00e4chst noch auditiv, sp\u00e4ter allein visuell erschlie\u00dfbarer Zeichen ersetzt wird.<\/p>\n<p>Die Herkunft und Herstellung von Strom als wichtigstem Energietr\u00e4ger im Stadtleben bleibt f\u00fcr die Nutzer unsichtbar; sie erschlie\u00dft sich allenfalls durch erhebliche intellektuelle Anstrengungen. Dass wir st\u00e4ndig und t\u00e4glich Energie nutzen, deren Bereitstellung enorme Aktivit\u00e4ten, Transformationen und Umwelteingriffe auf der Erde erforderlich macht, ist kaum mehr bewusst. Die Verallt\u00e4glichung der Energienutzung geht damit zusammen, dass hier Herstellungsprozess den NutzerInnen immer unsichtbarer wird. So kann es dazu kommen, dass Strom, der unter besonders hohen Energieverlusten in Kohle- oder Atomkraftwerken hergestellt wird, in Verdrehung der Tatsachen als \u201esauberer\u201c Energietr\u00e4ger wahrgenommen wird. Die Verw\u00fcstungen des Bergbaus, die Produktion radioaktiven M\u00fclls, das Damoklesschwert nuklearer Katastrophen, die Emissionen enormer Mengen an Treibhausgasen sind im Akt der Nutzung des Stroms in keiner Weise mehr pr\u00e4sent.<\/p>\n<p>Zur Veranschaulichung dieser \u00dcberlegungen greife ich auf die Pr\u00e4sentation eines Leitartikels des \u201eSpiegel\u201c aus dem M\u00e4rz 2004 zur\u00fcck, der sich kritisch mit der Nutzung der Windenergie auseinander setzte. Die Zeitschrift erschien mit folgendem Deckblatt auf dem Markt:<\/p>\n<p>Die Nutzung der Windenergie wird zu einem Zeitpunkt, an dem rund 20.000 Windr\u00e4der in Deutschland mit seinen 357.000 km2 in Betrieb sind,, als \u201eLandschaftszerst\u00f6rung\u201c, \u201ehoch subventionierter Wirtschaftszweig\u201c und deutlich als \u201eWahn\u201csinn qualifiziert. Das dazu gezeigt Foto zeigt einen stark genutzten Standort im Meeresn\u00e4he, der durch die Technik des Teleobjektivs zus\u00e4tzlich und k\u00fcnstlich verdichtet wird. Im dazu geh\u00f6rigen Artikel erkl\u00e4rt ein inzwischen prominenter Kritiker, mit der Ausbreitung der modernen Windr\u00e4dern w\u00fcrden in der Landschaft \u201edie schlimmsten Verheerungen seit dem 30j\u00e4hrigen Krieg\u201c angerichtet . Der Zitierte ist Professor f\u00fcr Politikwissenschaften in Berlin, er hat Anfang 90er Jahren Zweitwohnung und Studienakademie in einem abgelegenen Dorf der Uckermark eingerichtet \u2013 dort wurde er mit dem Bau von Windanlagen konfrontiert. Seitdem engagiert er sich in einer einschl\u00e4gigen B\u00fcrgerinitiative, die bei den Wahlen zum Kreistag Uckermark 2003 10,6% aller W\u00e4hlerInnenstimmen f\u00fcr sich verbuchen konnte.<\/p>\n<p>Diese Biographie einer Gegnerschaft ist nicht untypisch. Sehr viele der gegen Windkraft Engagierten sind St\u00e4dter, die in ruhig und idyllisch gelegene Regionen und D\u00f6rfer zumindest als Zweitsitz gezogen sind und die hier unvermutet mit der Realit\u00e4t von Energieerzeugung konfrontiert werden. Den R\u00fcckzug in eine illusion\u00e4re d\u00f6rfliche Welt formuliert der zitierte Professor mit der eher Realit\u00e4tsflucht als Realit\u00e4tsn\u00e4he formulierenden Aussage, \u201e dass sich die D\u00f6rfer hier seit Friedrich dem Gro\u00dfen nicht wesentlich ver\u00e4ndert haben\u201c. Ihm entgeht damit z. B., dass im 18. Jahrhundert dort eine um das Mehrfache h\u00f6here Zahl von Windm\u00fchlen in Funktion waren, die \u2013 anders als heutige Windr\u00e4der \u2013 als gleichzeitiger Wohnsitz der M\u00fcllerfamilien zu einer enormen Zersiedelung der Landschaft beitrugen. Sie waren zudem \u00fcber das ganze Land verbreitet, w\u00e4hrend f\u00fcr den Bau von Windkraftanlagen in der Uckermark nur knapp 2% der Landesfl\u00e4che als zul\u00e4ssig ausgewiesen sind.<\/p>\n<p>Hauptargument der stadtfl\u00fcchtigen Bourgeoisie gegen die neue Energieform ist gleichwohl das schwer objektivierbare Schlagwort der \u201eLandschaftszerst\u00f6rung\u201c, das als stark \u00e4sthetisch gepr\u00e4gte Wertinterpretation nicht generalisierbar ist. Man kann das Titelbild des \u201eSpiegel\u201c auch ganz anders lesen: Es zeigt 70 Windr\u00e4der, die bei einer Durchschnittleistung in Meeresn\u00e4he den Jahresstrombedarf von rund 500&#215;70, also 35.000 Haushalten produzieren \u2013 der Privatsektor einer Stadt mit 100.000 Einwohnern w\u00e4re dadurch versorgt!<\/p>\n<p>In der verbreiteten Kritik an der Windkraftnutzung f\u00e4llt auf, dass als Gegenrechnung nicht Umweltfolgen einer alternativen Energieerzeugung in entsprechender H\u00f6he pr\u00e4sentiert werden. Sie veranschaulicht darum veranschaulicht das zweite Bild (siehe oben im Text):<\/p>\n<p>Wer eine Nutzung der erneuerbaren Energiequelle \u201eWind\u201c ablehnt, muss sie \u2013 ceteris paribus \u2013 durch R\u00fcckgriff auf fossile Energietr\u00e4ger ersetzen. Die regional n\u00e4chstliegende Alternative zum Konfliktfeld Uckermark w\u00e4re die Braunkohle in der Lausitz \u2013 daher das gew\u00e4hlte Schaubild. Wenn wir eine gleichwertige Gewichtung zwischen der gezeigten Landschaftsver\u00e4nderung durch Windr\u00e4der und einer Ver\u00e4nderung durch Braunkohlegruben herstellen wollen \u2013 und von wichtigeren Umweltbelastungen wie der Erzeugung von Treibhausgasen absehen &#8211; m\u00fcssten wir 70 Kohlekegel in der dargestellten Gr\u00f6\u00dfe zeichnen. Erst dann werden beide Landschaftseingriffe vergleichbar&#8230; . Dieser Vergleich ignoriert einen wichtigen Aspekt der sozialen Realit\u00e4t: Kein wohlhabender Stadtb\u00fcrgertum w\u00fcrde seinen Wohnsitz an den Rand von Kohlegruben verlegen. Das aber best\u00e4tigt wiederum die These: dass der Umwandlungsprozess der fossil verf\u00fcgbaren Energiepotentiale aus dem urbanisierten Lebe verdr\u00e4ngt wird.<\/p>\n<p>Jedes Bild eine Kehrseite \u2013 auch der \u201eSpiegel\u201c vom 29.03. 2004, der mit den Windspargeln titelt. Schauen wir uns die R\u00fcckseite derselben Ausgabe an:<\/p>\n<p>Dargestellt ist eine wenig ber\u00fchrte Naturlandschaft, wie wir sie in der bereits bem\u00fchten Uckermark etwa in den Flussauen des Unteren Odertals erleben k\u00f6nnen. Das Erdgas st\u00f6rt das heile Panaroma in keiner Weise, die in die Landschaft ragende Leuchte im Vordergrund verleiht ihr sogar zus\u00e4tzliche Leuchtkraft.<\/p>\n<p>Der Energietr\u00e4ger \u201eErdgas\u201c hat f\u00fcr die sie nutzenden Stadtgesellschaften den gro\u00dfen Vorzug der Unsichtbarkeit. Daher kann \u201eRuhrgas\u201c Werbespr\u00fcche w\u00e4hlen, die nicht sofort homerisches Gel\u00e4chter hervorrufen: \u201egut zum Himmel\u201c \u2013 und die Treibhausgase?; \u201egut zur Erde\u201c \u2013 aber die Schneisen, die Erdgasleitungen durch die Landschaft ziehen? Oder die Umweltverw\u00fcstungen an den Orten, an denen Erdgas gef\u00f6rdert wird?<\/p>\n<h3>6. Strukturelle Ursachen von \u201eEnergieverschwendung\u201c<\/h3>\n<p>Die Intransparenz der Entstehungszusammenh\u00e4nge macht es schwierig, den gegenw\u00e4rig unm\u00e4\u00dfigen Umgang mit Energie in Regeln der ma\u00dfvollen Nutzung zur\u00fcckzuf\u00fchren. Wir haben uns im Alltagshandeln daran gew\u00f6hnt, dem Prozess der Bereitstellung von Energie wenig Aufmerksamkeit zu schenken. Ohne Aufmerksamkeit wird es schwierig(er), einen weniger sorglosen Umgang mit Energietr\u00e4gern zu finden. Das ist nach meinem Daf\u00fcrhalten einer der Gr\u00fcnde, weshalb die Energieverschwendungsstruktur, in und mit der wir leben, so bemerkenswert hartn\u00e4ckig und stabil ist \u2013 und das selbst angesichts der h\u00f6heren Kosten und der \u00f6konomischen Nachteile einer opulenten Nutzung von Energie.<\/p>\n<p>Die Fachwelt der Energietechnik und der Energienutzung ist \u00fcberschwemmt von klugen und gelehrten Diskussionen und Analysen, die fast alle mit \u00fcberzeugenden Argumenten belegen, dass in Haushalt, Wirtschaft und Verwaltung enorme Mengen an Energie verschleudert werden, die allein durch aufmerksame Nutzung, durch etwas Situationsintelligenz oder durch zu erschwinglichen Preisen verf\u00fcgbare Nutzungstechniken eingespart werden k\u00f6nnen. In oft mehrt\u00e4tigen Kongressen wird schl\u00fcssig dargelegt, dass die zur Einsparung erforderlichen Schritte weder \u00fcberm\u00e4\u00dfig zeit- und organisationsaufwendig sind, noch dass sie unzumutbare Kosten verursachen. Vor allem wird dargelegt, dass sich der erforderliche finanzielle Aufwand in kurzer Zeit amortisiert und dass der fragliche Betrieb oder Haushalt aufgrund der verringerten Energienutzung klare \u00f6konomische Gewinne erwarten kann.<\/p>\n<p>Die interessante Frage, warum dieser \u00f6konomische Weg der Effizienzsteigerung denn so selten und dann unter viel M\u00fchen und Geburtswehen beschritten wird, besch\u00e4ftigt die Energieforschung und ihre zahlreichen Kongresse weitaus weniger. Zu ihr will ich abschlie\u00dfend eine \u00dcberlegung beisteuern und sie an st\u00e4dtebaulichen Phantasien und Projekten illustrieren:<\/p>\n<p>Der Umgang mit Energie folgt soziokulturellen Regeln, die in Prozessen der Interaktion, vor allem der Sozialisation Heranwachsender erlernt, einge\u00fcbt und internalisiert werden- Dadurch werden sie Teil der Lebensgewohnheiten, des Habitus, dessen sich die Akteure zumeist nicht mehr explizit bewusst sind. Das ist wie bei ge\u00fcbten Radfahrern, die ihre Fahrt st\u00e4ndig durch balancierende Bewegungen ausgleichen, um nicht umzufallen. Fragt man sie, wie sie das hinkriegen, werden sie kaum antworten k\u00f6nnen. So \u00e4hnlich ergeht es vielen Menschen, die elektrische Ger\u00e4te gewohnheitsm\u00e4\u00dfig funktionslos laufen lassen. Oder die unbedingt ein energiefressendes Auto mit hoher PS-Zahl fahren wollen. Im ersten Fall w\u00e4ren Antworten wie \u201eich habe nicht daran gedacht\u201c, oder \u201eaus Bequemlichkeit\u201c nicht zureichende Erkl\u00e4rungen. Im zweiten Fall k\u00f6nnen wir uns zwar Erkl\u00e4rungsmuster wie \u201esozialer Statusgewinn\u201c, \u201ezur-Schaustellung von M\u00e4nnlichkeit\u201c, \u201esexueller Potenzersatz\u201c oder \u201eMachtphantasien in Kompensation der eigenen sozialen Bedeutungslosigkeit\u201c denken; solche theoretischen Erl\u00e4uterungen aber den Wenigsten zur Verf\u00fcgung, am wenigsten den Liebhabern \u201epotenter\u201c Autos selbst.<\/p>\n<p>Wir werden Gr\u00fcnde f\u00fcr den ma\u00dflosen Umgang mit Energie nicht erkennen und dadurch vielleicht verhaltens\u00e4ndernd wirken k\u00f6nnen, wenn wir nicht die Aufmerksamkeit, statt nur auf technische und \u00f6konomische Gesichtspunkte, auch auf soziokulturell eintrainierte Gewohnheiten richten. Leider gibt es wenig sozialwissenschaftliche Ans\u00e4tze und Studien, an die sich hier ankn\u00fcpfen lie\u00dfe. Die Soziologie hat das Thema \u201eEnergie, Sozialverhalten und Kulturmuster\u201c bisher vernachl\u00e4ssigt, obwohl sie doch als Wissenschaft mit der Analyse industrieller oder sich industrialisierender Gesellschaft \u00fcberhaupt entstanden ist. Dabei wird die Industrialisierung durch eine Steigerung der Energienutzung erst erm\u00f6glicht und sie expandiert diese um Dimensionen.<\/p>\n<p>Soziologische Analysen werden im \u00fcbrigen von einer technisch-\u00f6konomisch fixierten Energiewissenschaft nicht nachgefragt. Diese hinterfragt den enorm hohen Anspruch auf Energienutzung im modernen Zeitalter nicht, sie nimmt ihn als gegebene Verhaltenstatsache hin. Sie beschr\u00e4nkt sich darauf, die ersichtlich vorhandenen Spielr\u00e4ume der Effizienzsteigerung und der Einsparung im Rahmen der gegebenen Lebensgewohnheiten auszuloten und sie ist irritiert, dass es so schwer f\u00e4llt, eine Nutzung dieser Spielr\u00e4ume auch tats\u00e4chlich durchzusetzen. Der Gedanke, dass diese Barrieren in den nicht hinterfragten soziokulturellen Traditionen selbst begr\u00fcndet sind, kommt ihr nicht. So dreht sich die energiepolitische Debatte im Kreis der hingenommen und nicht hinterfragten sozialen Gewohnheiten; deren historische Bedingtheit, m\u00f6gliche gesellschaftliche Relativit\u00e4t und damit Ver\u00e4nderbarkeit in der wahrlich nicht zum Abschluss gekommenen Geschichte der menschlichen Gattung wird nicht gesehen.<\/p>\n<p>Eine Soziologie der Energienutzung zu entwickeln, ist hier weder die Zeit noch der Ort. Als prop\u00e4deutische Trippelschritte f\u00fcr diese Aufgabe, die der Soziologie noch bevorsteht, will ich abschlie\u00dfend einige st\u00e4dtebauliche Entw\u00fcrfe und Phantasien vorstellen, die mir f\u00fcr das Verh\u00e4ltnis urbanisierter Gesellschaften zur Energienutzung illustrativ erscheinen. Ich will mit ihnen meine abstrakten \u00dcberlegungen zum Wechselverh\u00e4ltnis von moderner Urbanit\u00e4t und Entgrenzung im Energieverbrauch verdeutlichen.<\/p>\n<p>Das erste Bild entnehme ich einer Ausstellung, die die Stadt Paris zur Jahrtausendwende im Rathaus pr\u00e4sentierte . Sie trug den Titel \u201e Es war das Jahr 2000\u201c und zeigte st\u00e4dtebauliche Utopien, die im Laufe des 20. Jahrhunderts f\u00fcr Paris entwickelt \u2013 und niemals verwirklicht wurden. Fast alle dieser zumeist sehenswerten Entw\u00fcrfe lie\u00dfen sich zur Illustration der Thesen heranziehen:<\/p>\n<ul>\n<li>dass die Vorstellungen von st\u00e4dtischer Architektur im vergangenen Jahrhundert stark vom Vorurteil eines grenzenlos verf\u00fcgbaren Angebots an fossil abgelagerter Energie gepr\u00e4gt waren,<\/li>\n<li>dass die Frage, wie diese Energie verf\u00fcgbar gemacht wird, vollst\u00e4ndig ausgeblendet wird und<\/li>\n<li>dass sich st\u00e4dtebauliche Entw\u00fcrfe der modernen Stadt von den M\u00f6glichkeiten abkoppeln, vor Ort verf\u00fcgbare Potentiale zur Energieversorgung zu nutzen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Als Beispiel w\u00e4hle ich einen Entwurf von Paul Maymont, der bis zum heutigen Tag zu den Vision\u00e4ren der Architektur gez\u00e4hlt wird: \u201eUnter den Br\u00fccken der Seine lebt die Metropole der Zukunft\u201c. Eine mehrgeschossige Maulwurfsstadt sollte sich unterhalb der Seine schl\u00e4ngeln, dessen Wassermassen teilweise \u00fcber ihr Dach, teilweise unter ihrem Boden durch gigantische Rohre geleitet werden.<\/p>\n<p>Jegliches Leben und jeglicher Betrieb im unterirdischen Paris h\u00e4ngt von \u00e4u\u00dferer Energiezufuhr ab: der unter die Erde verlagerte Verkehr, die riesigen Parkh\u00e4user, die Ministerien, Banken, Universit\u00e4ten. Mit Parks in k\u00fcnstlicher Beleuchtung wird eine neue Champs-Elysees als Flanier- und Einkaufsmeile errechtet. Die Zufuhr frischer Luft und die Abfuhr der Abgase wird durch m\u00e4chtige Ventilatoren erm\u00f6glicht. Diese Stadt braucht nicht mehr die Sonne, denn sie hat ja die scheinbar unbegrenzte Energiezufuhr. Allerdings erm\u00f6glicht sie den St\u00e4dtern, an den Ufern der Seine endlich autofrei zu flanieren.<\/p>\n<p>\u201eParis sous la Seine\u201c wurde unter dem Eindruck des Kalten Krieges auch als unterirdischer Atombunker entworfen, der bis zu 3 Millionen Menschen Zuflucht bietet. Die Verdr\u00e4ngung des Problems der Energiezufuhr ist hier total: Dem in seinem Metier zweifellos genialen Architekten fiel nicht einmal auf, dass in Folge eines Atomkrieges die Strom und W\u00e4rme liefernden Kraftwerke irgendwo auf der Erdoberfl\u00e4che nicht mehr funktionsf\u00e4hig sind &#8230; . Auch eine Berechnung oder doch Sch\u00e4tzung des phantastischen Energiebedarfs in Bau und Betrieb findet sich in den Unterlagen nicht.<\/p>\n<p>Das zweite pr\u00e4sentierte Beispiel ist ein existierendes Geb\u00e4ude, errichtet im West-Berlin der 70er Jahre :<\/p>\n<p>Das internationale Kongre\u00dfzentrum \u2013 \u201eICC\u201c \u2013 wurde 1973-1979 mit dem Anspruch futuristischer Architektur erbaut. Es ist wie ein vor seiner Umgebung verschanzter Geb\u00e4ude-Panzer aus Stahl und Beton und ( dem besonders energieaufwendigen) Aluminium entworfen. Die Au\u00dfenh\u00fclle wird durch m\u00e4chtige Gitter aus Stahlstangen \u201eabgesichert\u201c hinter die nur wenige Fenster r\u00fcckw\u00e4rts versetzt eingelassen sind. Zur Beleuchtung \u201edarf\u201c vollst\u00e4ndig auf die Sonne zugunsten zugef\u00fchrter Elektrizit\u00e4t verzichtet werden. Der Architekt hat das ICC bewusst in Assoziation an ein Raumschiff konzipiert und unterstreicht damit seine Panzerung und Abkapselung nach au\u00dfen. Allerdings ist die Umgebung wenig menschenfreundlich: der Bau ist auf allen 4 Seiten von dicht belebten mehrspurigen Autostra\u00dfen eingekreist. Der Zugang ist haupts\u00e4chlich unterirdisch: \u00fcber Parkh\u00e4user oder Untertunnelung der Stra\u00dfen.<\/p>\n<p>Ein auch nur \u00f6konomischer Umgang mit Energie ist weder beim Bau noch beim Betrieb dieses baulichen Monstrums ein Gesichtspunkt gewesen.<\/p>\n<p>Eine allerdings reflektierte Handhabung des unm\u00e4\u00dfigen Umgangs mit der Energiezufuhr von au\u00dfen zeigt ein Prunkst\u00fcck moderner Architektur, das Centre Pompidou in Paris.<\/p>\n<p>Entworfen von Richard Rogers und Renzo Piano, wurde es 1972-1976 am Ort der abgerissenen Pariser Markthallen errichtet und dient haupts\u00e4chlich als Kunstmuseum und Ausstellungsgeb\u00e4ude. Bemerkenswert an der Architektur ist die Sichtbarmachtung der Energieversorgung, indem die Zuleitungen von W\u00e4rme, Strom und anderer zum Betrieb erforderlichen Ressourcen an die Seitenfassaden gelegt werden. Man kann diesen Kunsttempel aus Stahl und Glas als Hommage an den \u201eEnergietempel\u201c einer \u00d6lraffinerie lesen. Energieleitungen und energiebetriebene Fahrst\u00fchle schm\u00fccken den Bau. Rogers hat in einem analogen Stil in den 90er Jahren auch die Gesch\u00e4ftszentrale der weltgr\u00f6\u00dften Versicherungsgesellschaft Lloyd\u00b4s in London entworfen und gebaut.<\/p>\n<p>Die \u201eentborgene\u201c Energiezufuhr bleibt gleichwohl verschwenderisch. Das Centre Pompidou wie die Zentrale von Lloyd`s sind au\u00dfergew\u00f6hnlich energieaufwendige Geb\u00e4ude, die vollst\u00e4ndig gegen die Umgebungsenergie der Sonne abgeschirmt sind. Im Innern des Kunsttempels k\u00f6nnen wir uns nur unter k\u00fcnstlicher Beleuchtung bewegen. Allerdings: Die fossile Energieversorgung wird nicht verborgen, sie wird mit der architektonischen Anlage gefeiert.<\/p>\n<h3>Zusammenfassende Thesen:<\/h3>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">1. Moderne St\u00e4dte haben keine umgrenzte Siedlungsform<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">2. Die Gr\u00f6\u00dfe moderner St\u00e4dte ist durch die Nutzung fossiler Energien erm\u00f6glicht worden. Dadurch wurde ihr Hinterland \u201eglobalisiert\u201c.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">3. Die globale Entgrenzung verst\u00e4rkt die Verwundbarkeit der St\u00e4dte.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">4. Die Entgrenzung der Stadt und insbesondere ihre globalen Umweltfolgen bleiben im Bewusstsein der Stadtgesellschaften ausgeblendet.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">5. Das gilt insbesondere f\u00fcr die Bereitstellung von Energie. Sie wird im zeitlichen Verlauf immer st\u00e4rker aus der (fossil und nuklear versorgten) Stadt ausgegliedert.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">5a. Erl\u00e4uterung von These 5. an Schaubildern zur Windkraft-nutzung.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">6. Der ma\u00dflose Umgang mit Energie (auch) in modernen St\u00e4dten ist durch soziokulturell einge\u00fcbte Gewohnheiten gepr\u00e4gt. Steigerung von Energieeffizienz und Strategien der Energieeinsparung werden darum diese Gewohnheiten in Rechnung stellen m\u00fcssen.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">6a. Erl\u00e4uterung von These 6. an st\u00e4dtebaulichen Beispielen<\/p>\n<hr \/>\n<ul>\n<li><a href=\"https:\/\/www.hartwig-berger.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/2004-07_Entgrenzte_Stadt.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">der Beitrag als PDF<\/a><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aufsatz von Hartwig Berger 1. Die Grenzenlosigkeit moderner St\u00e4dte St\u00e4dte sind in einer Raumstruktur der klaren Grenzziehung zwischen Innen und Au\u00dfen entstanden. Ihre zumeist steinernen Umfassungen boten den Bewohnern Zuflucht und Schutz. Es war eindeutig erkennbar, wo Stadt beginnt und wo Stadt aufh\u00f6rt.<\/p><p><a class=\"more-link btn\" href=\"https:\/\/www.hartwig-berger.de\/cms\/die-entgrenzte-stadt-und-ihr-umgang-mit-energie\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[268,125,143],"tags":[148,131,149,145,150],"class_list":["post-258","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-oeko-politik-deutschland","category-philosophie","category-stadt-und-umwelt","tag-landwirtschaft","tag-treibhausgase","tag-umweltkatastrophen","tag-urbanisierung","tag-windenergie","nodate","item-wrap"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.hartwig-berger.de\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/258","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.hartwig-berger.de\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.hartwig-berger.de\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.hartwig-berger.de\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.hartwig-berger.de\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=258"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.hartwig-berger.de\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/258\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":669,"href":"https:\/\/www.hartwig-berger.de\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/258\/revisions\/669"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.hartwig-berger.de\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=258"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.hartwig-berger.de\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=258"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.hartwig-berger.de\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=258"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}