{"id":296,"date":"2005-07-28T01:08:01","date_gmt":"2005-07-27T23:08:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hartwig-berger.de\/cms\/?p=296"},"modified":"2017-09-26T15:56:59","modified_gmt":"2017-09-26T13:56:59","slug":"laendliche-arbeiterklasse-im-historischen-wandel-das-beispiel-suedspanien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hartwig-berger.de\/cms\/laendliche-arbeiterklasse-im-historischen-wandel-das-beispiel-suedspanien\/","title":{"rendered":"L\u00e4ndliche Arbeiterklasse im historischen Wandel &#8211; das Beispiel S\u00fcdspanien"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\">von Hartwig Berger<\/p>\n<p>Am Beispiel der Region \u2013 Andalusien(A.) &#8211; wird die Entwicklung und Ver\u00e4nderung von Arbeiterkultur und Arbeiterbewegung mit dem Vordringen und dem Wandel kapitalistischer Verh\u00e4ltnisse nachvollzogen.<br \/>\nDabei beziehe ich mich vor allem auf eigene empirische Studien in den letzten 32 Jahren.<\/p>\n<h3><!--more-->These I:<\/h3>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Die Arbeiterbewegung auf dem Land entsteht als Reaktion auf die beginnende kapitalistische Durchdringung der l\u00e4ndlichen \u00d6konomie, die breite Volksschichten proletarisiert.<\/p>\n<h3>These II:<\/h3>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Die sich bildende Arbeiterbewegung zielt auf die (Wieder-)Herstellung einer solidarischen \u00d6konomie.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Sie ist \u201emodern\u201c, ohne sich den Paradigmen vom \u201eindustriellem Fortschritt\u201c, \u201eWohlstandswachstum\u201c und \u201eSt\u00e4rkung\/Bewahrung der Staatsgewalt\u201c anzupassen, unter dem die sozialdemokratischen und marxistischen Bewegungen agieren.<\/p>\n<h3>These III:<\/h3>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Die brutale Unterdr\u00fcckung des spanischen Faschismus bricht die Tradition des Widerstands v\u00f6llig (ab).<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Zugleich kann der Agrarkapitalismus unter f\u00fcr die Arbeiterklasse besonders ung\u00fcnstigen Bedingungen durchgesetzt werden.<\/p>\n<h3>These IV:<\/h3>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Gleichwohl erhalten sich bis in die Gegenwart Kerne einer l\u00e4ndlich-proletarischen Kultur.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Erl\u00e4utert an:<\/p>\n<ul>\n<li style=\"padding-left: 30px;\">Emigrationsverhalten und R\u00fcckkehrorientierung<\/li>\n<li style=\"padding-left: 30px;\">Klassenkultur in den Landorten<\/li>\n<li style=\"padding-left: 30px;\">Proletarisches Milieu in den l\u00e4ndlichen Arbeitsformen<\/li>\n<\/ul>\n<h3>These V:<\/h3>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Der Erhalt einer Arbeiterkultur erkl\u00e4rt die starke Geschlossenheit und Solidarit\u00e4t in Klassenkonflikten in den Landorten.<\/p>\n<h3>These VI:<\/h3>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Mit dem Beitritt zur EU ver\u00e4ndern sich die Arbeitsformen auf dem Land. Die beiden Gravitationspunkte \u201eLandarbeit\u201c und \u201eEmigration\u201c werden schw\u00e4cher. Die Verdienstm\u00f6glichkeiten nehmen zu; die Prekarit\u00e4t der Arbeit nimmt hingegen nicht ab.<\/p>\n<h3>These VII:<\/h3>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Die Homogenit\u00e4t der lokalen Arbeiterkultur schw\u00e4cht sich weiter ab, w\u00e4hrend konsumorientierte, privatisierende und ausdifferenzierender Lebensstile st\u00e4rker vordringen. Diese Entwicklung bleibt aber nicht ohne Widerspr\u00fcche..<\/p>\n<h4 style=\"padding-left: 30px;\">1. Latifundienwirtschaft und Agraranarchismus<\/h4>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><strong>1.1<\/strong><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Andalusien ist klassisches Land des Gro\u00dfgrundbesitzes, entstanden aus der reconquista 14.\/15. Jh.;<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">zugleich lebt die arbeitende Landbev\u00f6lkerung in gro\u00dfen Ortschaften mit mehreren Tausend Einwohnern, \u201epueblos\u201c; bei zugleich starker saisonaler Arbeitswanderung.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Traditionell war die Bev\u00f6lkerung durch ausgedehnte Kleinpachten und vor allem die Nutzung des Gemeindelandes abgesichert. Verteilung im sorteo, zugleich Nutzbarkeit der bald\u00ecos zur Holzbeschaffung, Viehzucht, Viehtrift, Baumaterial, Jagd, Wildgem\u00fcse und Wildkr\u00e4uter.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Ver\u00e4nderung zu Beginn des 19. Jahrhunderts durch \u201eliberale\u201c Reformen:<\/p>\n<ul>\n<li style=\"padding-left: 30px;\">Kleinpachten auf Gro\u00dfgrundbesitz gehen zur\u00fcck<\/li>\n<li style=\"padding-left: 30px;\">die Konditionen der Pachten ver\u00e4ndern sich zuungunsten der Arbeiter-Bauern<\/li>\n<li style=\"padding-left: 30px;\">Aufl\u00f6sung und Verkauf des Kirchenlandes, \u00fcberwiegend an die verm\u00f6gende Schicht. Dadurch ebenfalls starke Verschlechterung f\u00fcr die Volksklassen ( begr\u00fcndet starken Antagoomismus der Arbeiter zur Kirche)<\/li>\n<li style=\"padding-left: 30px;\">Ganz \u00fcberwiegend Aufl\u00f6sung und Verlauf des Munizipallandes, des Nachbarlandes und der bald\u00edos.<\/li>\n<li style=\"padding-left: 30px;\">Zugleich Niedergang des l\u00e4ndlichen Gewerbes durch die Ausdehnung innerer M\u00e4rkte.<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Als starker Einschnitt erlebt. Bleibende Erinnerung daran. Indizien:<\/p>\n<ul>\n<li style=\"padding-left: 30px;\">Demo von 6.000 Menschen im Landort Algodonales 1976<\/li>\n<li style=\"padding-left: 30px;\">Hoffnungen in Paterna 1976\/7 auf \u201eCortegana\u201c<\/li>\n<li style=\"padding-left: 30px;\">Rechtsbewusstsein von aut\u00f3nomos, die nachts Felder f\u00fcr Vieh nutzen<\/li>\n<li style=\"padding-left: 30px;\">Institution des empleo comunitario.<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><strong>1.2<\/strong><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Mit den \u201eAgrarreformen\u201c entsteht eine Protest- und Sozialbewegung auf dem Land; nicht unter dem Einfluss st\u00e4dtischer\/b\u00fcrgerlicher Eliten, sondern autonom, mit breiter proletarischer Basis und Orientierung. Nicht zuf\u00e4llig mit der Verbrennung von Rathausakten beginnend. 1840: erste Besetzung von G\u00fctern ( Casabermeja), die aufgeteilt und kultiviert werden. Bewaffnete Erhebungen wie in Loja, Autarkie-Erkl\u00e4rungen wie in El Gastor.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Organisiert etwa ab 1870 \u2013 unter dem Banner der anarchistischen Internationale. 1882: 40.000 Mitglieder der andalusischen CNT, 1936 mehrere Hunderttausend ( bei damals gut 5 Mio Einwohnern).<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Ab Ende des 19. Jahrh. auch organisierte Streiks, meist revindikativ, manchmal revolution\u00e4r. Am Streik nimmt typischerweise der gesamte Ort teil. Waffe des Boykott.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Stark egalit\u00e4rer Aufbau. Versammlungsgewerkschaft. Hoher Anspruch auf Lebensreform ( Genussmitttel, Alkohol, Stierkampf, Trennung von Kirche). Enge Kommunikationsnetze; ausgepr\u00e4gte Arbeiterpresse bei \u00fcberwiegend analphabetischer Mitgliederbasis.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Zentrale Forderung: Das Land denen die es bearbeiten; dabei \u00fcberwiegend Gemeinbewirtschaftung. Nicht auf Wohlstand, sondern auf gerechtes Miteinanderteilen orientiert. Zentrum der Politik sind die freien Kommunen; Staat und Geld marginalisiert bzw. dessen Abschaffung erwartet.<\/p>\n<h4 style=\"padding-left: 30px;\">2. Zerst\u00f6rung der Arbeiterbewegung durch Milit\u00e4rputsch und Diktatur<\/h4>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Dem Aufstand der rechten Milit\u00e4rs 1936 f\u00e4llt Andalusien schnell in die H\u00e4nde; bedingt durch die erfolgreiche Landung der Franco-Truppen aus Marokko. Trotz teilweise harten Widerstands der bewaffneten, hier aber v\u00f6llig unterlegenen Arbeiter. Blutige Unterdr\u00fcckung, die auf physische Vernichtung aller Arbeiterorganisationen zielt. Sevilla( 250.000): 20.000 Tote bei 1 Woche Widerstand, Moron:(18.000): 3.000, Jerez(80.000): 3.000; Granada (150.000): 10.000. Teilweise gezielte Entw\u00fcrdigung der F\u00fchrungsleute (Sanlucar).<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><strong>Trauma der Unterdr\u00fcckung. Bis zu Francos Tod fast v\u00f6llige Tabuisierung des Politik-Diskurses.<\/strong><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Typisch ist das demonstrative \u00f6ffentliche Desinteresse am langen Sterben Francos.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">\u201eDas ist seit dem movimiento so. Und wir haben uns inzwischen daran gew\u00f6hnt. Wir reden nicht \u00fcber Franco, ob es ihm nun gut oder schlecht geht. Wenn es z.B. im TV Stiere oder Fu\u00dfball gibt, reden wir alle. Wenn aber Politik kommt, schweigen wir. Nur zu weit oder zu dritt reden wir manchmal dar\u00fcber \u2013 so wie wir beide jetzt.\u201c (Aussage in Paterna, 1975)<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Die Zeit der Diktatur bis mindestens Mitte der 50er Jahre nahmen Andalusiens Landarbeiter als \u201eJahre des Hungers\u201c wahr. Tats\u00e4chlich kann die absolute Verelendung anhand der Wirtschaftsdaten best\u00e4tigt werde. Die Reall\u00f6hne auf dem Land von 1941 erreichen nur zu 70% den Stand von 1936, 1951 sogar nur zu 50%. Zugleich steigt die Profitrate des Gro\u00dfgrundbesitzes deutlich an. Die Niedrigl\u00f6hne erm\u00f6glichen eine starke Zur\u00fcckhaltung in der Mechanisierung, Handarbeit ist billiger. Zwischen 10% und 25% des Mehrwerts wird in den Aufbau der nordspanischen Industrie transferiert.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">\u201eDie se\u00f1oritos scheffeln Millionen von ihrem Land, und dann lassen sie das Geld in der Bank verschwinden\u201c.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Seit 1952 Beginn einer Wende. \u201eopus dei -Politik\u201c. Intensivierung der Landarbeit ( 1940-1950: Zuwachs an 750 Traktoren pro Jahr; 1950.655: 2.900; 1955-60: 6.200; 1960-65: 18.200).<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Das Land wird als Arbeitskr\u00e4ftereservoir zun\u00e4chst f\u00fcr Nordspanien und Madrid interessant. Von 1950-1960 wandern 660.000 aus Andalusien ab (11% der Bev\u00f6lkerung).<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Ein zweiter Schritt ist die \u00d6ffnung der Grenzen f\u00fcr die Arbeitsemigration, ab 1960. M\u00f6glichkeit der Arbeit in Frankreich (z.T. saisonal LW), Deutschland, Benelux und der Schweiz. Vor allem aus dem kleinb\u00e4uerlichen Galizien und aus dem agrarkapital. Andalusien\/Extremadura. 1\/3 aus And., bei 16% Bev-Anteil). Von 1960-1973 haben nach meinen Sch\u00e4tzungen 600.000 Andalusier in der EU\/Schweiz gearbeitet, + mehrere Hunderttausend saisonal in franz\u00f6s. LW.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><strong>Die Arbeit in der Emigration ist \u00fcberwiegend vor\u00fcbergehend oder in mehreren Phasen.<\/strong><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><strong>L\u00e4ndliche Regionen werden kaum industrialisiert; daf\u00fcr fortgesetzte Mechanisierung der LW.<\/strong><\/p>\n<h4 style=\"padding-left: 30px;\">3. Kontinuit\u00e4t trotz Wandel &#8211; l\u00e4ndliche Arbeiterkultur Anfang der 70er Jahre<\/h4>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Die A-Emigration vom Land ist \u00fcberwiegend m\u00e4nnlich und (zun\u00e4chst) ohne Familie. Junge Burschen und verheiratete M\u00e4nner, die in Gruppen angeworben werden und arbeiten. Auch deshalb typischerweise wenig Kontakte zu Autochthonen, geringe Sprachkenntnisse. Isolierung. Emigr. gestaltet sich jenseits der Arbeit oft als eint\u00f6niges und zur\u00fcckgezogenes Leben. Wahrnehmung als \u201esacrificio\u201c ist verbreitet.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Der Heimatort bleibt Orientierungspunkt. Auffallend unmittelbare R\u00fcckkehranl\u00e4sse. Meine \u201eStichprobe\u201c aus Paterna: Bei 56 F\u00e4llen: 27x stark erlebte Trennung, 10x Krankheiten (stark psychosomatisch); Arbeitskonflikte:7, Lohn.Krise, Heirat, gen\u00fcgend Geld: 12x.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Klar \u00fcberwiegt der Wunsch nach R\u00fcckkehr in den Heimatort oder die Heimatregion. Hier Unterschied zur Emigr. nach Nordspanien, die vorwiegend dauerhaft ist. Ob die R\u00fcckkehr erfolgt, h\u00e4ngt allerdings stark von \u00f6rtlichen Verh\u00e4ltnissen ab.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Beispiel Paterna 70er Jahre: relativ viel Arbeitsgelegenheiten auf dem Land; Werftindustrie und urbane Regionen mit intensiver Baut\u00e4tigkeit in erreichbarer N\u00e4he: starke R\u00fcckkehrtendenz.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Beispiel Algar, weiter im Inland: weniger R\u00fcckkehr, bei schwindender Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Investitionen erfolgen ganz \u00fcberwiegend im Hausbau, was wieder einestarke Fixierung auf Ort belegt. Andererseits beginnender sozialkultureller Wandel durch andere Wohnstrukturen.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Gleichwohl bleibt das proletarische Milieu erhalten:<\/p>\n<ul>\n<li style=\"padding-left: 30px;\">Man kennt sich allgemein \u00fcber die apodos, die sich auf bestimmte Ereignisse oder Eigenheiten der Person beziehen, sehr oft aber famili\u00e4r vererbt sind ( manchmal \u00fcber mehrere Generationen, mit einer \u201eEntstehungsgeschichte\u201c verkn\u00fcpft), sehr oft gelingt eine Identifikation nur \u00fcber den apodo.<\/li>\n<li style=\"padding-left: 30px;\">Gro\u00dffamili\u00e4re Zusammenh\u00e4nge, insbesondere der Frauen bzw. durch die Frauen. M\u00fctter und verheiratete T\u00f6chter bilden oft Arbeits- und Alltagsgemeinschaften.<\/li>\n<li style=\"padding-left: 30px;\">Die (relative, sich wandelnde) Offenheit der H\u00e4user nach au\u00dfen<\/li>\n<li style=\"padding-left: 30px;\">Die ausgepr\u00e4gte \u00d6ffentlichkeit des Stra\u00dfenlebens und der Kneipenkultur ( mehr zum geselligen Aufenthalt, weniger zum Trinken). Kneipe als verl\u00e4ngertes Wohnzimmer der Arbeiter. ( Als Paco el Perros Kneipe von seinem Bruder Domingo gef\u00fchrt wird).<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><strong>L\u00e4ndliche Arbeitsverh\u00e4ltnisse<\/strong><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">\u00dcberwiegend Saisonarbeiter (eventuales, Tagel\u00f6hner), nur f\u00fcr Arbeitstage entlohnt. 1973 lag der Anteil der \u201efijos\u201c ( mit l\u00e4ngerfristigem Vertrag) bei 10-15%. Bestimmte Kampagnen wie Zuckerr\u00fcbe, Oliven, Wein, Baumwolle. Ab EU-Beitritt auch in gr\u00f6\u00dferem Ma\u00df Gem\u00fcse- und Obstkulturen. In S\u00fcdwest-And. bis heute einheimische Saisonarbeiter. G\u00e4nzlich andere Situation mit Intensivkulturen (Treibh\u00e4user, Plastik-Planen) etwa in Almer\u00eda und Murcia.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Daneben Landarbeiten auf eigene Rechnung, z.T. illegal. Jagd, Fallenjagd, Wildgem\u00fcse,Schnecken, Palmgr\u00e4ser. In Paterna betrieben, bei 3.500 Einw., 1973 letzteres 100-200 M\u00e4nner hauptberuflich.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Weiter aut\u00f3nomos. Hinweis auf z.T. sehr starke kleinstb\u00e4uerliche Strukturen. Oder Viehzucht ohne Land; manchmal Halbpacht.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Landarbeit selbst stark kooperativ, bei \u00fcbersichtlichen Arbeitsabl\u00e4ufen, praktisch erlernten Qualifikationsanforderungen, geringe Hierarchie, hoher Gestaltungsraum der Arbeitskolonnen.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><strong>Arbeitersolidarit\u00e4t und Klassenkonflikte<\/strong><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">(Die andalusischen Berge waren in 40er Jahren ein Standort des antifranquistischen Guerilla, die an Tradition des Sozialbanditismus ankn\u00fcpft). Ab c.a. 1960 wird die Region wieder vereinzelt Schauplatz von Arbeitsk\u00e4mpfen. Es bildet sich eine klandestine Arbeiteropposition, die zugleich in intelligenter Form die vertikale staatliche Zwangsgewerkschaft nutzt.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Beispiel: Die Weinarbeiter im Marco de Jerez ( Mitte 70er Jahre c.a. 9.000). H\u00e4ufig Kleinbesitzer mit ausgepr\u00e4gten Formen gegenseitiger Hilfe. Zus\u00e4tzlich Lohnarbeit auf mittleren und gr\u00f6\u00dferen fincas.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">1959 erster gro\u00dfer Streik, der mit Flugbl\u00e4ttern tags zuvor verk\u00fcndet wird. Es geht um L\u00f6hne und um den Abschluss eines Tarifabkommens. Streiks werden durch face-to-face relations in den Kneipen und vor allem auf den Ortspl\u00e4tzen organisiert, wo die Anwerbungen stattfinden. Organisation durch Nutzung der vertikalen Staatsgewerkschaften. Damit Entstehung der Arbeiterkommissionen, die wirkungsvollste Arbeiteropposition im Franquismus<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Teilweise sehr lange Arbeitsk\u00e4mpfe. 1969\/70: 50 Tage, 1974\/5: 59 Tage. Dabei enorme Geschlossenheit und Solidarit\u00e4t<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Es kommt auch vor, dass die Spezialisten f\u00fcr die Verbesserung der L\u00f6hne der \u201epeones\u201c ( der nicht spezialisierten Arbeiter) in den Streik treten ( hier auch Interessenverbindung \u00fcber gro\u00dffamili\u00e4re Strukturen).<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Zu 69\/70 eine Aussage:<br \/>\n\u201eDas war ein harter Kampf. Immer mu\u00dfte man zu den Leuten nach Hause gehen und sagen: Haltet durch, haltet durch! Bald haben wir es geschafft! Die gro\u00dfen kinderreichen Familien im Ort hatten kaum noch etwas zu essen, und es war f\u00fcr sie besonders hart und schwer. Ich ging von Familie zu Familie und schaute, wer am dringendsten geld brauchte. Ich gab hier 2000 Peseten ( aus lokalen Unterst\u00fctzungskassen), dort 3000 Peseten. Die Familien hatten es n\u00f6tig.\u201c ( ein Weinarbeiter in Trebujena, 1976).<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">\u201eWenn wir k\u00e4mpfen, ist jeder Weinarbeiter ein Mann der Arbeiterkommissionen. Darum gewinnen wir die Streiks\u201c ( Mundo Obrero 1976)<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Ab 1976 mit dem demokratischen Wandel unterschiedliche Aktionsformen, die sich gleichwohl meist um bestimmte Orte zentrieren. Das kommunale Zusammenleben ist der Organisationskern.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><strong>Streiks, Landbesetzungen, Besetzungen von Rath\u00e4usern, Parlamenten, Arbeitsverwaltungen, Kirchen etc. Demos, Stra\u00dfenblockaden. Gewaltfrei<\/strong><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Oft ist der ganze Ort in Aktionen eingezogen. \u00d6rtliche Gewerbe schlie\u00dft die L\u00e4den. So noch die Durchf\u00fchrung des spanischen Generalstreiks Juni 2002 in vielen andalusischen Orten.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Womit wir bei der Gegenwart sind.<\/p>\n<h3 style=\"padding-left: 30px;\">4. Kontinuit\u00e4t trotz Wandel \u2013 Arbeiterkultur im europ\u00e4ischen Binnenmarkt<\/h3>\n<h4 style=\"padding-left: 30px;\">4.1:<\/h4>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Intensivierung der Landwirtschaft, mit Methoden, die in diesem stark von Erosion und Wassermangel betroffenen Gebiet mittelfristig h\u00f6chst negative Auswirkungen haben k\u00f6nnen. Zugleich weitere Industrialisierung der Landwirtschaft. Trotz der Ausweitung einiger arbeitsintensiver Zweige (Erdbeeren, Obstb\u00e4ume, Gem\u00fcse, Blumen) insgesamt starker R\u00fcckgang der Landarbeit.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">2002 sind 200.000 LandarbeiterInnen registriert, weniger als 50% von 1973. Dabei vielfach Scheinmeldungen, um die A-Hilfe beziehen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<h4 style=\"padding-left: 30px;\">4.2<\/h4>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Industrie bleibt in prek\u00e4rer Lage. In C\u00e1diz wird nur 15% aller I-Betriebe ein \u201ehohes technologisches Niveau\u201c bescheinigt, jedoch 40% \u201eniedriger Standard\u201c.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Schwierige Lage der Werftindustrie, die mit EU-strittigen Staatszuwendungen bis heute \u00fcberlebt.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Eine nachholende industrielle Modernisierung wird in And. &#8211; anders als z.B. in Katalonien und um Madrid \u2013 nicht vollzogen.<\/p>\n<h4 style=\"padding-left: 30px;\">4.3<\/h4>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Anhaltender Boom der Bauwirtschaft, insbes. durch Urbanisierung der K\u00fcsten f\u00fcr die Sommer- und Zweitwohnungen der st\u00e4dtischen Mittel- und Oberschichten, aus Spanien wie aus ganz Europa.<\/p>\n<h4 style=\"padding-left: 30px;\">4.4<\/h4>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Prek\u00e4re und ungeregelte Arbeitsverh\u00e4ltnisse \u00fcberwiegen. Tagel\u00f6hner und Vertragsarbeiter dominieren; die Arbeitsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr Frauen im Lohnsektor deutlich schlechter. Hohe Arbeitslosigkeit gerade im S\u00fcden ( 2\/2002 22,3% in And., 28% Cadiz, damit damals EU-Spitze!). Dennoch gibt es aufgrund der anhaltenden starken Konjunktur in Spanien viel Erwerbsm\u00f6glichkeiten, bei allerdings ausgepr\u00e4gter Schattenwirtschaft. Sehr viele der Arbeitslosenmeldungen sind daher Scheinmeldungen.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Die Einkommensquellen der l\u00e4ndlichen Arbeiter(familien) sind typischerweise divers. Es handelt sich in gro\u00dfen Teilen um Gelegenheitsarbeiter mit wechselnden T\u00e4tigkeitszweigen. Neben Lohnarbeit viel Scheinselbst\u00e4ndigkeit und Kleingewerbe.<\/p>\n<h4 style=\"padding-left: 30px;\">4.5<\/h4>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Trotz zur\u00fcckgehender Arbeit also prek\u00e4re Arbeitssituation. Das h\u00e4lt die Familien mit ihren wirtschaftlichen Hilfs- und Solidarit\u00e4tsverpflichtungen zusammen. Den Zusammenhalt stellen \u00fcberwiegend die weiterhin aufs Haus orientierten Frauen her. Die M\u00e4nner leben weiter \u00fcberwiegend au\u00dferhalb des Hauses. Wohnungen allerdings deutlicher abgeschlossen als fr\u00fcher.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">\u201ePaterna ist l\u00e4ngst nicht mehr so gesellig wie vor Jahren. Gut, es gibt die gro\u00dfen Feste, es gibt am Wochenende den paseo auf den Hauptstra\u00dfen. Aber im Alltag findest du immer mehr verschlossene T\u00fcren. Fr\u00fcher waren die T\u00fcren der H\u00e4user offen, du konntest jederzeit eintreten. Auch die tertulias an den Stra\u00dfenecken findest noch noch selten. Du weisst selbst, wie sehr es an der Ecke jetzt aussieht, wo Paco el Perro, Antonio Mena und Joselito fr\u00fcher ihre Bars betrieben haben\u201c.<br \/>\n(Ein Freund aus Paterna vor wenigen Monaten).<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Auf der anderen Seite zeigt etwa die wachsende Bedeutung \u00f6ffentlicher gesellschaftlicher Ereignisse \u2013 Ferias, Semana Santa, Karneval, Romer\u00edas \u2013 das es einen bleibenden Bedarf nach kollektiven kulturellen Bekundungen gibt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Hartwig Berger Am Beispiel der Region \u2013 Andalusien(A.) &#8211; wird die Entwicklung und Ver\u00e4nderung von Arbeiterkultur und Arbeiterbewegung mit dem Vordringen und dem Wandel kapitalistischer Verh\u00e4ltnisse nachvollzogen. Dabei beziehe ich mich vor allem auf eigene empirische Studien in den letzten 32 Jahren.<\/p><p><a class=\"more-link btn\" href=\"https:\/\/www.hartwig-berger.de\/cms\/laendliche-arbeiterklasse-im-historischen-wandel-das-beispiel-suedspanien\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[169,215],"tags":[218,50,28,173],"class_list":["post-296","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-spanien","category-texte","tag-andalusien","tag-emigration","tag-eu","tag-grossgrundbesitz","nodate","item-wrap"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.hartwig-berger.de\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/296","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.hartwig-berger.de\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.hartwig-berger.de\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.hartwig-berger.de\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.hartwig-berger.de\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=296"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.hartwig-berger.de\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/296\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":297,"href":"https:\/\/www.hartwig-berger.de\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/296\/revisions\/297"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.hartwig-berger.de\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=296"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.hartwig-berger.de\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=296"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.hartwig-berger.de\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=296"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}