{"id":328,"date":"2010-07-29T17:09:42","date_gmt":"2010-07-29T15:09:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hartwig-berger.de\/cms\/?p=328"},"modified":"2023-01-03T16:40:44","modified_gmt":"2023-01-03T15:40:44","slug":"regenwaldschutz-statt-holzexporte-der-fall-liberia","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hartwig-berger.de\/cms\/regenwaldschutz-statt-holzexporte-der-fall-liberia\/","title":{"rendered":"Regenwaldschutz statt Holzexporte &#8211; Der Fall Liberia"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\">von Hartwig Berger<\/p>\n<p>In den Diskussionen zum Problem der Holzimporte zu energetischen Zwecken wurde geltend gemacht, die prinzipielle Kritik an dieser Strategie anhand konkreter Analysen zu \u00fcberpr\u00fcfen.<\/p>\n<p>Ich beziehe mich dazu auf Liberia, das Land, aus dem der Konzern Vattenfall Holzimporte plant. Sie sollen \u00fcberwiegend der Zufeuerung in Kohlekraftwerken dienen, um die Emissionsbilanz zu verbessern und damit den Zukauf von CO2-Zertifikaten im EU-Emissionshandel zu verringern.<\/p>\n<p><!--more-->Trotz des 15j\u00e4hrigen B\u00fcrgerkriegs, der u.a. mit illegalen Holzexporten nach Europa und China finanziert wurde, sind mit 4,4 Mio ha noch 45% der Landesfl\u00e4che Liberias von Wald bedeckt. Liberia ist das einzige Land Westafrikas, in dem noch umfangreicher Regenwald existiert. Ihn vor weiterer Vernichtung zu bewahren, ist unstrittig ein wichtiges Anliegen. Die derzeitige politischen F\u00fchrung des Landes unter der seit 2006 amtierenden Pr\u00e4sidentin Ellen Johnson-Sirleaf nimmt dieses Anliegen durchaus ernst. \u00dcberlegt wird, wie bei Erhaltung des Waldbestandes Staatseinnahmen erzielt werden k\u00f6nnen. Erkl\u00e4rte Absicht ist es auch, diese Gelder zum Abbau des gesellschaftlichen Elends zu nutzen, welches der u.a. mit Waldvernichtung finanzierte B\u00fcrgerkrieg in Liberia hinterlassen hat. So sind Hunderttausende vor bewaffneten Banden nach Monrovia gefl\u00fcchtet; Die Einwohnerzahl der Hauptstadt ist in dieser Zeit auf anderthalb Millionen Menschen gewachsen. Die Mehrheit der Gefl\u00fcchteten schl\u00e4gt sich dort in notd\u00fcrftig errichteten H\u00fctten, mit Gelegenheitsjobs, bedroht oder betroffen von chronischem Hunger durch.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Umgang mit dem Regenwald hat das Land zwei Optionen, den Weg einer defensiven und den einer offensiven Erhaltung des Bestandes. Die zun\u00e4chst verfolgte defensive Strategie setzt auf den Export von Nutzh\u00f6lzern, die nicht breitfl\u00e4chig gerodet, sondern die selektiv unter Bewahrung des Bestands geschlagen werden. Wertvolle Edelh\u00f6lzer in europ\u00e4ischen Kohlekraftwerken verfeuern zu wollen, w\u00e4re schon aus \u00f6konomischer Sicht kaum zu vertreten. Um einen umweltvertr\u00e4glichen Holzeinschlag zu sichern, ist an die Einrichtung eines Kontrollsystems gedacht. Dazu wurde eine in der Schweiz ans\u00e4ssige Gesellschaft beauftragt, deren Arbeit vorwiegend die Weltbank finanziert. Zur Kontrolle sind landesweit 40 Personen vorgesehen. Sofern die \u00dcberpr\u00fcfung fl\u00e4chendeckend und zuverl\u00e4ssig erfolgen soll, m\u00fcssten die F\u00e4llungen vor Ort oder zumindest jeder einzelne Holztransport \u00fcberpr\u00fcft werden. Mit dieser Personaldecke ist das nicht zu leisten.<\/p>\n<p>Hinzu kommt, dass auch ein funktionierendes Kontrollsystem nicht vor F\u00e4lschungen gefeit ist, ganz abgesehen von den Verf\u00fchrungen der auch in Liberia endemischen Korruption. Die Herkunft von Holzeinschl\u00e4gen kann in den seltensten F\u00e4llen r\u00fcckverfolgt werden. Gegenw\u00e4rtig werden hier Verbesserungen durch Verfahren genetischer Analysen oder durch chemische Untersuchungen der Holzfasern erwogen. Man hofft, dadurch die \u00f6rtliche Herkunft der B\u00e4ume genauer bestimmen zu. Solche Feinanalysen sind bisher noch nicht anwendungsreif. Da kostenintensiv, k\u00f6nnten sie aller Voraussicht nach nur stichprobenartig durchgef\u00fchrt werden. Zudem erlauben sie keine R\u00fcckschl\u00fcsse, ob die Holzgewinnung umweltvertr\u00e4glich oder in waldvernichtender Form durchgef\u00fchrt wurde. Und schlie\u00dflich ist immer in Rechnung zu stellen, dass der Einsatz schwerer Maschinen im Wald und die Herstellung von Transportwege f\u00fcr die Holzfuhren auch dann zu Waldzerst\u00f6rungen f\u00fchren, wenn Holzeinschl\u00e4ge selektiv erfolgen.<\/p>\n<p>Wenn Liberia jetzt in die defensive Strategie der Walderhaltung einsteigt, steht folglich zu eine Entwicklung \u00e4hnlich der in Ghana und der Elfenbeink\u00fcste zu bef\u00fcrchten, wo binnen weniger Jahrzehnte fast der gesamte Regenwald vernichtet worden ist.<\/p>\n<p>Der Holzexport soll in Liberia mit einer st\u00e4rker exportorientierten Landwirtschaft verbunden werden, die bisher ganz \u00fcberwiegend f\u00fcr den inl\u00e4ndischen Bedarf produziert. Eine wichtige Rolle spielen hier im daf\u00fcr g\u00fcnstigen westafrikanischen Klima Kautschuk-Plantagen, die f\u00fcr einen hohen und weiter anhaltenden globalen Bedarf an Gummi-Produkten gefragt sind. Die Plantagenwirtschaft hat das traditionelle \u2013 und weit umweltvertr\u00e4glichere &#8211; Zapfen von Kautschuk in den W\u00e4ldern durch die indigene Bev\u00f6lkerung verdr\u00e4ngt. Intensiv kultivierte Kautschuk-B\u00e4ume verlieren nach 25-30 Jahren weitgehend ihre Produktivit\u00e4t; in geregelter Plantagenwirtschaft werden sie folglich eingeschlagen und durch Neupflanzungen ersetzt.<\/p>\n<p>Aufgrund von Aktivit\u00e4ten eines k\u00fcrzlich gegr\u00fcndeten Unternehmens \u2013 der \u201eBuchanan Renewables\u201c \u2013 soll das anfallende Altholz nicht stofflich, sondern energetisch genutzt werden. Dabei ist allerdings nicht daran gedacht, den gro\u00dfen Brennholzbedarf innerhalb Liberias abzudecken. Die nicht kaufkr\u00e4ftige arme Bev\u00f6lkerung in Monrovia und auf dem Land wird ihre Kochstellen weiterhin mit Holzkohle und Rohholz u.a. aus dem Regenwald bestreiten m\u00fcssen. Geplant ist allerdings der Bau und die Belieferung einer Stromerzeugungs-Anlage von 35 MW in Liberia, die mit Diesel\u00f6l betriebene Generatoren in \u00f6ffentlichen Einrichtungen und in Haushalten der Oberschicht ersetzen kann. Zum gr\u00f6\u00dferen Teil soll das gef\u00e4llte Kautschuk-Holz westlichen Energieunternehmen zur Verfeuerung angeboten worden: Hier kommt \u2013 als nur ein Beispiel &#8211; der eingangs erw\u00e4hnte Plan des EVU Vattenfall ins Spiel, seine CO2-Emissionsbilanz durch Holzzufeuerung zu verbessern. Als erster Einstand werden allein f\u00fcr die Vattenfall-Kraftwerke in Deutschland pro Jahr 6-8 Mio. t an Holz nachgefragt. Sie sind \u00fcber den bereits \u00fcberlasteten Holzmarkts innerhalb Deutschlands und der EU nicht zu beschaffen. Ein Erwerb auf dem Weltmarkt ist daher die Konsequenz.<\/p>\n<p>Vattenfall zielt hier auf einen Kontrakt mit der erw\u00e4hnten Firma Buchanan Renewables. Allerdings reicht das auf Liberias Plantagen anfallende Holz h\u00f6chsten f\u00fcr 2-3 Jahre. Der Schritt in weitere Holzreservoirs \u2013 immer dem lebenswichtigen inl\u00e4ndischen Bedarf der armen Bev\u00f6lkerung entzogen \u2013 dr\u00e4ngt sich auf. Ein Griff auf Regenwald-Best\u00e4nde, vielleicht im Rahmen der obern skizzierten defensiven Strategie, ist zu bef\u00fcrchten &#8211; mit allen genannten Unzul\u00e4nglichkeiten. \u00dcberhaupt fragt sich, weshalb das hochwertige Kautschuk-Holz aus Westafrika, statt stofflich genutzt zu werden, f\u00fcr den \u00fcberh\u00f6hten Strombedarf der altindustriellen L\u00e4nder verheizt wird &#8230; .<\/p>\n<p>Die skeptischen \u00dcberlegungen k\u00f6nnen eine Stufe weiter gef\u00fchrt werden: Die Kautschuk-Plantagen (nicht nur) Liberias d\u00fcrften \u00fcberwiegend auf dem Boden ehemaliger Waldfl\u00e4chen entstanden sein. Faits accomplis sind immer schwer r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen&#8230; . Gleichwohl wird in der globalen Klimapolitik immer zunehmend diskutiert, wie nicht nur der Aussto\u00df von Treibhausgasen begrenzt, sondern zus\u00e4tzlich die atmosph\u00e4rische \u00dcberlast, insbesondere des Kohlendioxid. verringert werden kann. Ein in jedem Fall umweltvertr\u00e4glicher Weg, der sich hier anbietet, ist \u2013 abstrakt formuliert \u2013 die St\u00e4rkung der Biokapazit\u00e4t der Pflanzenwelt und \u2013 konkret gesprochen &#8211; vor allem: Die Wiederbewaldung gerodeter oder durch Erosion zerst\u00f6rter Landstriche auf unserem Planeten. F\u00fcr eine zukunftsgewandte globale Klimastrategie stellt sich also nicht nur die Aufgabe der Walderhaltung, sondern ebenso die der Wiederherstellung von Wald und anderer Vegetationsformen von h\u00f6herer Biokapazit\u00e4t \u2013 und meist auch Biodiversit\u00e4t.<\/p>\n<p>Ist ein solcher Weg f\u00fcr Liberia denkbar, realistisch und gegebenenfalls auch \u00f6konomisch vorteilhaft? Damit kommen wir zu \u00dcberlegungen einer offensiven Strategie der Walderhaltung, wie sie gegenw\u00e4rtig dort im Land angestellt werden:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">In der internationalen Klimapolitik ist die Einrichtung eines Finanzmechanismus zur Erhaltung von Wald und von biologischer Degradation bedrohten Fl\u00e4chen vereinbart worden: REDD (Reducing Emissions from Deforestation and Degradation). F\u00fcr REDD gibt es bereits verbindliche Zusagen aus verschiedenen Staaten wie Norwegen und Deutschland und aus Gemeinschaften wie der EU. F\u00fcr eine Anwendung von REDD in Liberia engagiert sich etwa die aus den USA stammende NGO \u201eConservation International\u201c. Ihr mit der Regierung verhandelter Vorschlag ist, die volle Erhaltung des Regenwalds \u00fcber REDD zu finanzieren. Um das zu illustrieren: Wenn die Vermeidung von einer Tonne CO2 \u2013 eher gering \u2013 mit 15 \u20ac belohnt wird, entspr\u00e4che dem gesamten Regenwalds Liberias ein Jahrseinkommen von 80 Mio \u20ac, das sind 30% des gegenw\u00e4rtigen Staatshaushalts. Eine von CI beauftragte Studie der Harvard University ergab, dass mindestens 55 Mio. Dollar an j\u00e4hrlichen Staatseink\u00fcnftigen zu erwarten w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Diese Finanzen k\u00f6nnten f\u00fcr die R\u00fccksiedlung der Fl\u00fcchtlinge aus den Elendsquartieren Monrovias in ihre angestammte Heimat eingesetzt werden. Dabei wird es wichtig sein, Formen der Landbewirtschaftung zu unterst\u00fctzen, die nicht auf die noch vielfach praktizierte Brandrodung \u2013 also auf Waldvernichtung &#8211; setzen, sondern die sich auf eine bessere Bewirtschaftung der nicht bewaldeten Zonen konzentrieren. Au\u00dferdem m\u00fcssen L\u00f6sungen f\u00fcr den hohen Alltagsbedarf an Brennholz, f\u00fcr Kochzwecke, gefunden werden. Hier ist die Zusammenarbeit mit der weltweit aufstrebenden Solarbranche gefragt. Im sonnenreichen \u00c4quatorbereich sollten Techniken des solaren Kochens Anwendung finden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Doch auch hier w\u00e4re der Import aus den hoc industrialisierten L\u00e4ndern nicht der goldene Weg, sondern der z\u00fcgige Aufbau entsprechender Fabriken in Liberia selbst. Auf jeden Fall aber sollte energetisch zu nutzende Holzabf\u00e4lle in Liberia f\u00fcr den dringenden Bedarf der armen Bev\u00f6lkerung verbleiben, statt die Emissionsbilanzen europ\u00e4ischer Kohlekraftwerke zu versch\u00f6nen. Deren Versch\u00f6nerung verschlechtert zudem die globale Klimabilanz, da der ihr vorausgehende Holzeinschlag anderswo Wald vernichtet, zumindest aber die einheimische Bev\u00f6lkerung weiterhin dazu zwingt, Baum- und Waldbestand f\u00fcr den eigenen Brennholzbedarf zu nutzen. Um davon zu schweigen, dass die Menschen in Liberia ihr einheimisches Holz f\u00fcr den Bau von Wohnh\u00e4usern, Getreidespeichern, und von Mobiliar brauchen. Der wertvolle Rohstoff Holz sollte vor Ort genutzt werden, statt den \u00fcberh\u00f6hten Energie- oder M\u00f6bel-Bedarf in den altindustriellen L\u00e4nder decken zu helfen.<\/p>\n<ul>\n<li><a href=\"https:\/\/www.hartwig-berger.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2010\/07\/2010_Regenwald_Liberia.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">der Beitrag als PDF<\/a><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Hartwig Berger In den Diskussionen zum Problem der Holzimporte zu energetischen Zwecken wurde geltend gemacht, die prinzipielle Kritik an dieser Strategie anhand konkreter Analysen zu \u00fcberpr\u00fcfen. Ich beziehe mich dazu auf Liberia, das Land, aus dem der Konzern Vattenfall Holzimporte plant. 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