{"id":82,"date":"2014-03-15T02:19:44","date_gmt":"2014-03-15T01:19:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hartwig-berger.de\/cms\/?p=82"},"modified":"2017-09-26T15:55:17","modified_gmt":"2017-09-26T13:55:17","slug":"jugendarbeitslosigkeit-in-suedeuropa-was-tun","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hartwig-berger.de\/cms\/jugendarbeitslosigkeit-in-suedeuropa-was-tun\/","title":{"rendered":"Jugendarbeitslosigkeit in S\u00fcdeuropa &#8211; was tun?"},"content":{"rendered":"<p>Zwei Versuche von Hartwig Berger<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">&#8222;Was wird aus Europa, wenn ein gro\u00dfer Teil<br \/>\nseiner Jugend keine Zukunft mehr hat?\u201c<br \/>\nErhard Eppler<\/p>\n<p>1. Vorgeschichte zu zwei Projekten<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">2. Anwerbung in Andalusien<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">3. Ein F\u00f6rderprogramm und seine M\u00e4ngel<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">4. Wohnungs-Odyssee<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">5. Vorschl\u00e4ge zur Verbesserung des Programms<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">6. Aus heiterem Himmel<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">7. Er geht auch anders<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">8. In die H\u00e4nde gespuckt<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><a href=\"https:\/\/www.hartwig-berger.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/2014-03_Jugendarbeitslosigkeit_zwei_Projekte.pdf\" target=\"_blank\">Beitrag als PDF&#8230;<\/a><\/p>\n<h3>1. Vorgeschichte zu zwei Projekten<\/h3>\n<p>Ende 2012 fahre ich in die Kleinstadt Paterna de Rivera in der Provinz C\u00e1diz. Ich will mir in dieser Region ein Bild von der sozialen Lage machen und mit Freunden und Bekannten aus dem Ort \u00fcber m\u00f6gliche EU-Projekte sprechen. Das Vorhaben, das wir gemeinsam entwickeln, ist eine Grundausbildung arbeitsloser junger M\u00e4nner und Frauen zu Energieberatern. Uns erscheint das sinnvoll und aussichtsreich, weil eine effiziente Nutzung von Energie hier wenig entwickelt ist, zugleich die Energiepreise sehr hoch sind und vor allem viele Haushalte und Betriebe ein prek\u00e4res, mit Arbeitslosigkeit und Krise weiter schwindendes Einkommen haben. Die Idee ist, dass die jungen Leute mit ihren erworbenen Kenntnissen auch einen Lebensunterhalt verdienen k\u00f6nnen, sofern die finanziellen Gewinne durch erfolgreiches Energiesparen zwischen Haushalt bzw. Betrieb und den Beratern aufgeteilt werden.<\/p>\n<p><strong>Wir geben dem geplanten Projekt den Titel \u201eMehr Arbeit mit weniger Energie\u201c .<\/strong><\/p>\n<p>Ich kenne die Region seit fast 40 Jahren, doch die soziale Lage, die ich jetzt in der Region \u00fcbertrifft meine Bef\u00fcrchtungen. Zahlen sprechen f\u00fcr sich: Die Arbeitslosigkeit in der Provinz liegt bei 40%, weit oberhalb des spanischen Durchschnitts von damals 27%. Im Ort, den ich besuche, sind Ende 2012 fast 1.400 Arbeitslose registriert &#8211; bei 5.600 Einwohnern. Dazu kommen einige hundert meist Frauen, die ohne Arbeit sind, aber als hin und wieder in der Landarbeit T\u00e4tige in der Statistik nicht aufgef\u00fchrt werden.<\/p>\n<p>F\u00fcr die besonders Arbeitslosigkeit in der Region gibt es mehrere Ursachen: Die vollst\u00e4ndige Mechanisierung, die hier g\u00e4nzlich auf Gro\u00dfg\u00fctern im Auftrag der meist anderswo lebenden Eigent\u00fcmer betrieben wird. Der Zusammenbruch der Bauwirtschaft seit 2007, der ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Immobilienblase. Schlie\u00dflich der Niedergang und die Schlie\u00dfung vieler Metallbetriebe &#8211; Werften, Betriebe der Autobranche &#8211; in der Bucht von C\u00e1diz. Arbeitslos ist man\/frau meist auf Dauer, manchmal mit kurzzeitigen Unterbrechungen, h\u00e4ufiger seit Jahren. Die Arbeitslosenhilfe liegt bei 420 \u20ac monatlich. Da f\u00fcr sie eine vorausgehende Arbeit von einj\u00e4hriger Dauer nachzuweisen ist, erhalten viele sie nicht, nach Sch\u00e4tzung der Gewerkschaften trifft das in ganz Andalusien f\u00fcr 50% der Arbeitslosen zu. Die jungen Leute unter 25 Jahren, hier zu mehr als 75% arbeitslos, k\u00f6nnen ganz \u00fcberwiegend keine Anspr\u00fcche geltend machen. Eine regul\u00e4re Arbeit f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit hatten wenige von ihnen und somit keine Anrechte. Zudem sind als Folge der \u201eAusterit\u00e4tspolitik\u201c, die man hier \u201eAusterizid\u201c nennt, seit Sommer 2012 auch diese Hilfen gestrichen worden, wenn die jungen M\u00e4nner oder Frauen bei ihren Eltern leben. Und das ist angesichts der geringen Familieneinkommen fast immer der Fall .<\/p>\n<p>Junge Menschen sind es vor allem, die mich immer wieder best\u00fcrmen: Hier haben wir keine Zukunft. Kannst Du uns eine Arbeit in Deutschland beschaffen oder vermitteln? Das kann ich nicht, will mich auch eigentlich daf\u00fcr engagieren, dass sie in ihrer Heimat Arbeit finden, aber ich sichere nach vielen Gespr\u00e4chen doch zu, dem in Berlin nachzugehen.<\/p>\n<p>Kurz nach meiner R\u00fcckkehr erfahre ich, dass die f\u00fcr Arbeit und Soziales zust\u00e4ndige Ministerin ein F\u00f6rderprogramm mit endlich europ\u00e4ischem Horizont in Geltung gesetzt hat: Ab Jahresbeginn 2013 k\u00f6nnen mit einer zun\u00e4chst dreistelligen Millionensumme bis Mitte 2016 arbeitslose jungen Menschen zwischen 18 und 35 Jahren, die aus europ\u00e4ischen Krisenregionen stammen, eine von der Bundesregierung finanzierte duale Ausbildung in Deutschland erhalten. Ohnehin wollte ich mit der Handwerkskammer Berlin \u00fcber Ausbildungsm\u00f6glichkeiten in Energiesparen und erneuerbare Energien reden. Warum nicht dieses F\u00f6rderprogramm nutzen? Meine Gespr\u00e4chspartner in der Kammer sehen das genauso und so vereinbaren wir, es auch mit Ausbildungsangeboten in Berlin zu versuchen. Im Unterschied zum in Andalusien selbst geplanten Projekt \u201emehr Arbeit mit weniger Energie\u201c, das ich weiter verfolge.<\/p>\n<p>Die Handwerkskammer er\u00f6rtert mit der Innung \u201eSanit\u00e4r-Heizung-Klima-Energie\u201c, kurz: \u201eSHK\u201c in Berlin, ob und welche der Handwerksbetriebe aus ihrer Branche bereit und interessiert sind, junge Arbeitslose aus dem spanischen S\u00fcden zur Lehre einzustellen. Zugleich fragt sie ein geeignetes Oberstufenzentrum in Berlin, ob diese im Rahmen der dualen Ausbildung dabei mitwirkt. Schlie\u00dflich stellt der Unterricht an Menschen, welche die deutsche Sprache erst lernen, besondere Anforderungen. Ich sichere zu, nach Zusagen aus Berlin den Vorschlag vor Ort zu verbreiten, zu informieren und junge Leute bei ihrer Bewerbung zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p>Unsere Bem\u00fchungen haben Erfolg. Handwerkskammer und Innung finden im Ergebnis 15 Betriebe, die jeweils eine\/n junge\/n Spanier\/in zur Ausbildung \u00fcbernehmen wollen. Das Ausbildungszentrum der Innung unterst\u00fctzt die Betriebe bei den notwendigen administrativen und der Integration dienenden Aufgaben. Die Max Taut Schule \u00fcbernimmt ihren Teil der Ausbildung. Allerdings soll es schnell gehen: Ab Oktober m\u00fcssen die jungen Andalusier f\u00fcr Betriebspraktikum und Sprachkurs in Berlin sein, sonst w\u00fcrde sich der Ausbildungsbeginn um ein halbes Jahr verschieben.<\/p>\n<h3>2. Anwerbung in Andalusien<\/h3>\n<p>Nach Vorabsprache mit zwei andalusischen B\u00fcrgermeistern habe ich im Juli 2013 das Angebot einer Ausbildung in der Berliner SHK-Branche vor Ort verbreitet, gemeinsam mit einer dort lebenden jungen Frau, die als P\u00e4dagogin qualifiziert ist, mehrere Jahre in der Beratung f\u00fcr Arbeitslose t\u00e4tig war und die Deutsch spricht. Ich mache das ehrenamtlich, meine Kollegin erh\u00e4lt ein kleines Honorar vom Rathaus. Wir beschr\u00e4nken die Werbung auf vier \u201epueblos\u201c, ehemals stark durch Landarbeit und Tagel\u00f6hner gepr\u00e4gte Kleinst\u00e4dte zwischen 5.000 und 12.000 Einwohnern, gelegen in der gaditanischen Feldmark. Sie geh\u00f6ren zum Gemeindeverband \u201eLa Janda\u201c. Trotz des Einsatzes auch moderner Informationskan\u00e4le , vereinzelter Plakatwerbung der Rath\u00e4user und einiger Veranstaltungen erweisen sich pers\u00f6nliche Ansprache und vor allem die Bekanntschaft der beiden Organisatoren in einem der Orte als wirkungsvollste Motivation. Allerdings hat das auch zur Folge, dass in der Bewerberliste die angestrebte Ausgewogenheit zwischen den Orten nicht zu erreichen war. Auch gelingt es, bei ganz wenigen Ausnahmen, nicht, junge Frauen als \u201eKandidatinnen\u201c zu finden. Hauptgrund daf\u00fcr ist, dass eine Voraussetzung der Berliner Innung die Absolvierung einer Realschule mit technischem Schwerpunkt war. Eine gleichwertige Vorbildung von Frauen bewegt sich in diesen Orten fast immer im administrativen, sozialen oder \u201eweichen\u201c handwerklichen Bereich wie dem der Frisierkunst.<br \/>\nEs gab 25 Bewerber. Die Auswahl unter ihnen trafen die Berliner Betriebe \u00fcber die Innung, die daf\u00fcr eine im Praktikum besch\u00e4ftigte spanische Ingenieurin eingeschaltet hatte. Die Fernkommunikation lie\u00df sich durch Nutzung von \u201eSkype\u201c visualisieren. Die Ingenieurin \u00fcbernahm auch Beratungs- und Administrationsaufgaben, soweit sie von Berlin aus zu leisten waren. Den Sprachkurs bereiteten wir vor und im Ort vor. Dessen weitere Organisation sowie die sehr umfangreiche und sehr zeitaufwendige Formulararbeit mit und f\u00fcr die \u201eZentrale Auslands- und Fachvermittlung\u201c (ZAV), die Koordinationsstelle der Bundesagentur f\u00fcr Arbeit, soweit aus der Region zu leisten, \u00fcbernahm meine dortige Kollegin.<br \/>\n3. Ein F\u00f6rderprogramm und seine M\u00e4ngel<br \/>\nBereits in den vorbereitenden Stadien des Projekts wurden einige Defizite erkennbar, die sich mit Regelungen des F\u00f6rderprogramms stellen. Vorweg sei die Richtlinie zur F\u00f6rderung der Mobilit\u00e4t Jugendlicher in Europa (MoBiPro-EU), soweit sie sich auf Ausbildungen bezieht, kurz erl\u00e4utert :<br \/>\nVoraussetzung f\u00fcr die F\u00f6rderung ist eine Vereinbarung zwischen einem ausbildungsberechtigten Betrieb und der beantragenden Person, die wiederum zwischen 18 und 35 Jahre, arbeitslos und ohne abgeschlossene Berufsausbildung, sein muss. Gew\u00e4hrt wird zun\u00e4chst eine Finanzierung (in bestimmter H\u00f6he) eines Basis-Sprachkurses im Heimatland sowie im Grundsatz die Erstattung der Fahrkosten an den Ort des Betriebs in H\u00f6he von 300 \u20ac. Insgesamt werden so zwei Mal im Jahr Hin- und R\u00fcckfahrten erstattet. Im vorgeschalteten dreimonatigen Praktikum wie sp\u00e4ter in der Ausbildungsphase wird die Grundzahlung des Betriebs von der ZAV auf 818 \u20ac monatlich aufgestockt. Der geforderte Sprachkurs in Deutschland wird ebenfalls finanziert.<br \/>\n1.<\/p>\n<p>Wenn erreicht werden soll, dass stark vom Arbeitsmarkt marginalisierte junge Menschen in den Genuss der F\u00f6rderung kommen, muss eine Anwerbung auch und gerade in solchen Gebieten erfolgen, die in denen die Arbeitslosigkeit besonders hoch liegt und M\u00f6glichkeiten, den Lebensunterhalt zu sichern, besonders schwer erreichbar sind. W\u00fcrde die Anwerbung in EU-L\u00e4ndern nur \u00fcber die zentralen Arbeits\u00e4mter \u2013 in Spanien etwa Madrid, Bilbao, Sevilla, Valencia \u2013 erfolgen, selektiert das tendenziell sozial im Schnitt etwas g\u00fcnstiger gestellte Schichten mit relativ (etwas) besseren Zugangschancen zum Arbeitsmarkt. Aus der unmittelbaren Interessenlage Deutschlands und der Betriebe ist das vielleicht kein Nachteil, gemessen an den sich stellenden Integrationsaufgaben k\u00f6nnte das sogar vorteilhaft sein. Nach dem f\u00fcr die Europ\u00e4ische Union zentralen Prinzip, die Koh\u00e4sion der einzelnen regionen zu mindern, auf keinen Fall aber zu f\u00f6rdern, ist das jedoch problematisch. \u201eMoBiProEU\u201c sollte nicht einfach ein Programm nicht nur im national\u00f6konomischen Interesse, sondern mit einem europ\u00e4ischen Horizont sein. Es sollte auch Impulse in die Herkunftsregion der Angeworbenen geben k\u00f6nnen, z.B. durch Qualifizierungen, welche die jungen Menschen auch f\u00fcr wirtschaftliche Aktivit\u00e4ten in ihrer Heimatregion nutzen k\u00f6nnen. Ich habe seinerzeit deshalb bewusst eine hoch marginalisierte Region als \u201eModellprojekt\u201c vorgeschlagen und halte im \u00fcbrigen gerade dort eine umwelttechnische Qualifikation f\u00fcr zukunftstr\u00e4chtig. Ein\/e \u201eSHK\u201c-Qualifizierte\/r kann z.B. im erneuerbaren Energiesektor, im Bereich von Heizungs- und insbesondere Klima-Anlagen oder in der Modernisierung der Wasser- und Abwassersysteme arbeiten. F\u00fcr all dieses besteht gerade in marginalisierten regionen S\u00fcdeuropas ein erheblicher Zukunftsbedarf.<br \/>\n2.<\/p>\n<p>Ein erster vorbereitender Sprachkurs in der Heimatregion ist sicher sinnvoll, insofern er die Gelegenheit zur sozialkulturellen Vorbereitung auf die zu erwartenden neuen Verh\u00e4ltnisse bietet. Die Sprachlehrerinnen in unserem Beispiel haben diese Aufgabe auch wahrgenommen. Das pure Erlernen einer Sprache dagegen ist im Gesellschaftsumfeld der Sprache erfahrungsgem\u00e4\u00df weit wirkungsvoller. Es erscheint mir daher sinnvoller, Intensit\u00e4t und Dauer das Sprachlernens in Deutschland zu erweitern, daf\u00fcr ggf. die Lernphase im Heimatland zu verk\u00fcrzen.<br \/>\n3.<\/p>\n<p>Der \u201eFormularkram\u201c der nach den Regelungen des Programms bereits im und aus dem Heimatland zu leisten ist, erscheint mit nach den im SHK-Projekt gemachten Erfahrungen zu aufwendig und kompliziert. Er ist gr\u00f6\u00dftenteils von den Bewerbern selbst zu leisten, das gelingt jedoch nur, wenn<\/p>\n<ul>\n<li>diese eine elaborierte akademische Ausbildung haben, also f\u00fcr eine Bewerbung nicht in Frage kommen, oder<\/li>\n<li>einen engen Verwandten oder Freund haben, der \u00fcber diese Qualifikation verf\u00fcgt, oder<\/li>\n<li>sich das als Dienstleistung erkaufen und<\/li>\n<li>in jedem Fall auf Hilfspersonen mit guten Deutschkenntnissen zur\u00fcckgreifen k\u00f6nnen; auch dann, wenn ein Teil der von ihnen erwarteten sprachlichen \u00dcbersetzungen per e-mail Verkehr von der Kontaktstelle in Deutschland geleistet wird.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Mit dieser Implikation wirkt das Programm zwangsl\u00e4ufig selektiv, zugeschnitten auf gro\u00dfst\u00e4dtische Ballungsr\u00e4ume, was wiederum den eben genannten europ\u00e4ischen Anspr\u00fcchen widerspricht.<\/p>\n<p>In SHK-Projekt war der Formularkram nur zu leisten, weil meine Kollegin in der \u201eLa Janda\u201c fachlich h\u00f6chst kompetent war und diese Arbeiten, obwohl selbst arbeitslos, teilweise selbst ohne Bezahlung durchgef\u00fchrt hat. Diese Konstellation ist sicher eine Ausnahme. Wenn das Programm MoBiPro-EU nicht nur auf gro\u00dfe europ\u00e4ische St\u00e4dte und sozial besser situierte Schichten beschr\u00e4nkt sein soll, muss die Formulararbeit in den Anwerberegionen professioneller organisiert sein und vor allem: der Formularaufwand einfacher gestaltet werden.<br \/>\n4.<\/p>\n<p>Das Programm folgt dem Prinzip der nachtr\u00e4glichen Erstattung finanzieller Aufwendungen. Erst wenn die Flugtickets genutzt sind und der Beleg daf\u00fcr eingereicht ist, werden sie beglichen. Vor Antritt des Sprachkurses wird vom Lernenden eine sp\u00e4ter zu erstattende 10%ige-Anteilzahlung verlangt. Erst wenn der Betrieb den Antritt der Ausbildung bzw. des vorgeschalteten Praktikum in Deutschland best\u00e4tigt, kann mit einer Bearbeitung Monats\u00fcberweisung begonnen werden erfolgen . In unserem Fall waren das w\u00e4hrend des Praktikums 618 \u20ac, der Betrieb selbst zahlt 200 \u20ac. Jedoch verz\u00f6gert sich die Bearbeitung, damit die Auszahlung mindestens um Wochen, in unserem um \u00fcber einen und bis zu zwei Monaten..<\/p>\n<p>Unter diesen Vorgaben m\u00fcssen die bereits von Betrieben angenommenen Bewerbern meine Menge Geld vorschie\u00dfen k\u00f6nnen, um nach Deutschland zu kommen und dort ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Hinzukommt die Zimmermiete, die zumeist zu Monatsbeginn zu entrichten ist. Das ist aber nur der g\u00fcnstige Fall, sofern zu Ankunft bereits eine Unterkunft verf\u00fcgbar ist. Ansonsten ist h\u00e4ufig aus wirtschaftlichen Notlagen kommende Praktikant\/Auszubildende gezwungen, solange in teureren Jugendh\u00e4usern, Pensionen etc. unterzukommen, bis er etwas findet.<\/p>\n<p>F\u00fcr den g\u00fcnstigen Fall bereits gefundener Unterkunft und unter Annahme einer etwa f\u00fcr Berlin eher g\u00fcnstigen Monatsmiete von 300 \u20ac wird sich die n\u00f6tige Vorleistung auf 1250 \u20ac (bei einmonatigem Zahlungsverz\u00f6gerung der \u201eZentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV)\u201c) und 2.170 \u20ac (bei 2monatiger Zahlungsverz\u00f6gerung) belaufen. Die Zahlungen der Betriebe allerdings w\u00e4re abzuziehen. Hingegen m\u00fcssten die laufenden Kosten der Lebenshaltung in Deutschland noch addiert werden&#8230; .<\/p>\n<p>In unserem Fall mussten die anreisenden Praktikanten \u2013 eine f\u00fcr Berlin eher g\u00fcnstige Monatsmiete von 300 \u20ac unterstellt \u2013 bis zu 800 \u20ac vorschie\u00dfen, plus der von ihnen vorweg zu entrichtenden und im Vergleich weit h\u00f6heren Lebenshaltungskosten in der neuen Stadt. Zu leisten ist das eigentlich nur von Bewerbern aus Familien mit Geldr\u00fccklagen, die \u00fcberdies bereit sind, nie auszuschlie\u00dfende Risiken hinzunehmen. Damit droht eine nachtr\u00e4gliche und wegen des Verwaltungsaufwands zeitversetzter Erstattung gerade solche Arbeitslose auszuschlie\u00dfen, die dieses Angebot besonders dringend brauchen. Es w\u00fcrde sich im wesentlichen einer (noch) nicht g\u00e4nzlich verarmten Mittelschicht beschr\u00e4nken.<\/p>\n<p>Unser Projekt war aber ausdr\u00fccklich an Menschen gerichtet, die nicht einer wirtschaftlich halbwegs gesicherten Mittelschicht angeh\u00f6ren. Alle waren langj\u00e4hrig arbeitslos, standen oft niemals in geregelter Arbeit und hatten alle deshalb keine finanziellen R\u00fccklagen. In mehr als der H\u00e4lfte der Familien waren beide Elternteile ohne Arbeit. Und die oben geschilderte soziale Lage vor Ort, die Dauerarbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit, auch im nationalen Rahmen, war f\u00fcr sie gerade der Ansto\u00df, eine Berufsausbildung und vielleicht Zukunft in Berlin zu suchen.<\/p>\n<p>Mit dem Zwang der dargelegten Vorleistungen allerdings w\u00e4re das Projekt bereits zu Beginn gescheitert, kaum jemand w\u00e4re \u2013 wie gleichwohl geschehen \u2013 nach Berlin angereist oder er\/sie h\u00e4tte das unter kaum zumutbaren Risiken tun m\u00fcssen. Dies gelang nur, weil wir unkonventionelle L\u00f6sungen gesucht und gew\u00e4hlt haben. So schoss die Innung die Flugkosten vor. Die Wohnungssuche erfolgte weitgehend in privater Initiative, au\u00dferdem wurde in fast allen F\u00e4llen eine R\u00fcckstellung der Mietzahlung bis zur Zahlung des Monatsgehalts vereinbart, in den \u00fcbrigen F\u00e4llen eine privater Kredit f\u00fcr die Vorauszahlung geleistet.<\/p>\n<p>Dennoch war die finanzielle Situation der angeworbenen Praktikanten h\u00f6chst beunruhigend. Ein Zeitpunkt der Zahlung der Zahlung der ZAV-F\u00f6rderung von 618 \u20ac (200 \u20ac die Betriebe) zeichnete sich lange Zeit nicht ab. Nach vielen einschl\u00e4gigen Initiativen aus unserem Projekt war auf R\u00fcckzahlung der Flugkosten und des Sprachkurs-Beitrags bis Monatsende wenigstens zu hoffen. (Sprachinstitut und ansonsten arbeitslose Lehrerinnen in der Heimatregion haben f\u00fcr ihre Arbeit von Anfang August bis Mitte September erst im Januar 2014 das zustehende Honorar erhalten). Wie die Praktikanten unter diesen Umst\u00e4nden ab Monatsende laufende Lebensunterhalt und laufende Zahlungsverpflichtungen begleichen k\u00f6nnen, stand damals in den Sternen und f\u00fchrte bei den Betroffenen zu erheblicher Verunsicherung und teilsweise zu deutlicher Demotivation.<\/p>\n<p>Ich unterstelle nicht, dass die ZAV und ihre Angestellten nicht wirksam arbeiten. Doch war die Verwaltung offenkundig nicht mit dem notwendigen Personal ausgestattet worden, um den zus\u00e4tzlichen Arbeitsaufwand mit dem MoBiPro-Programm auch nur ann\u00e4hernd bew\u00e4ltigen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Es bleibt die Bef\u00fcrchtung, dass sich das F\u00f6rderprogramm in den s\u00fcdeurop\u00e4ischen Krisenl\u00e4ndern weitgehend auf die Anwerbung Auszubildender aus den Mittelklassen und den gro\u00dfen urbanen Zentren beschr\u00e4nkt. Sofern nicht die dargelegten Besonderheiten in der administrativen und finanztechnischen Umsetzung korrigiert werden.<\/p>\n<h3>4. Wohnungs-Odyssee<\/h3>\n<p>Niemand kann erwarten, dass junge Menschen, die zum ersten Mal unser Land betreten, sich selbst eine Unterkunft beschaffen. Die provisorische Unterbringung in Pensionen oder G\u00e4steh\u00e4usern aller Art k\u00f6nnen sie kaum bezahlen. Auch wird es schwierig bis schier unm\u00f6glich sein, auf sich gestellt, bei noch geringen Sprachkenntnissen, auf dem f\u00fcr sie v\u00f6llig unvertrauten deutschen Wohnungsmarkt eine bezahlbare Unterkunft zu finden. Davon abgesehen, dass sie daf\u00fcr einen finanziellen Vorschuss brauchen, da Mieten beim Wohnungsantritt bezahlt zu werden pflegen und oft auch Kaution verlangt wird.<\/p>\n<p>Sinnvollerweise sollten also die Betriebe, oder ihre Verb\u00e4nde, daf\u00fcr Sorge tragen, dass die Auszubildenden bei ihrer Anreise eine Unterkunft zu angemessenen Bedingungen zu sorgen. Im SHK-Projekt haben das nur zwei Betriebe so gehandhabt. Im Verband verfolgte man den Plan, die jungen Leute in Familien deutscher Azubis zur Miete unterzubringen. Dieser Plan scheiterte jedoch zur G\u00e4nze oder wurde nicht ernsthaft verfolgt. F\u00fcr 13 der prospektiv Auszubildenden gab es somit keine Unterkunft. Bem\u00fchungen \u00fcber private Kontakte und Rundmails unabh\u00e4ngig von den Betrieben erbrachten, dass zun\u00e4chst f\u00fcr die dreimonatige Probezeit bis Ende Dezember eine bezahlbare Unterkunft verf\u00fcgbar gemacht werden konnte . Allerdings musste dazu entweder eine R\u00fcckstellung der ersten Miete ausgehandelt oder privat vorgeschossen werden. Man konnte von den anreisenden jungen Leuten \u2013 ohne eigene Einkommen und \u00fcberwiegend aus Familien in Dauerarbeitslosigkeit \u2013 nicht erwarten, dass sie dieses Geld \u00fcber die elementare Lebensvorsorge hinaus verf\u00fcgbar h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Die somit angelegten Wohnungsprobleme versch\u00e4rften sich f\u00fcr die Zeit nach dem f\u00f6rmlichen Antritt der Ausbildung, die am 1. Februar begann. Vier der jungen Spanier nahmen von der Ausbildung Abstand, drei von ihnen waren \u2013 auch entmutigt durch die Problem von Unterkunft und Zahlungsverz\u00f6gerung, &#8211; vorzeitig zur\u00fcckgekehrt. Zwei hatten, wie erw\u00e4hnt, eine Wohnung \u00fcber den Betrieb; drei junge M\u00e4nner konnten dank der Initiative eines engagierten Betriebsrats eine Wohnung beziehen; ein junger Mann konnte sein vorheriges Wohnverh\u00e4ltnis fortsetzen. F\u00fcnf jungen M\u00e4nnern war die zur Verf\u00fcgung gestellten Wohnung drei Tage vor ihrer R\u00fcckkehr nach Berlin Ende Januar per Telefon fristlos gek\u00fcndigt worden. Formalrechtlich m\u00f6glich, da wegen des befristeten Provisoriums kein f\u00f6rmlicher Mietvertrag abgeschlossen war. Ein Paradefall von \u201eGastfreundschaft\u201c im neuen Land.<\/p>\n<p>Ich habe daraufhin die jungen M\u00e4nner zun\u00e4chst teilweise bei mir, teilweise in einem Arbeiter- und Studentenwohnheim untergebracht. In diesem Heim h\u00e4tte sich eine langfristige Unterkunft zu einem akzeptablen Mietpreis und zu guten Wohnbedingungen angeboten. Allerdings m\u00fcssten die Spanier dazu eine Kaution von 600 \u20ac entrichten. Dieses Geld hatten sie, noch ohne jede Eink\u00fcnfte weder vom Betrieb noch der ZAV, nicht verf\u00fcgbar. Der Vorschlag an Handwerkskammer und\/oder Innung die Kaution gemeinsam mit mir vorzuschie\u00dfen, um sie nach der gesichert zu erwartenden Auszahlung der Umzugshilfe von 500 \u20ac durch die ZAV zur\u00fcckzuerhalten, wurde nicht in Betracht gezogen. Auch ein weiterer Vorschlag, dass die stadtweit renommierte Institutionen mit dem Wohnheimbetreiber eine Zur\u00fcckstellung der Kaution bis zum Eingang der Umzugshilfe zu vereinbaren suchen, wurde nicht aufgegriffen. Immerhin sicherte die Innung zu, bei der weiteren Wohnungssuche behilflich zu sein.<\/p>\n<p>Allerdings war die damit beauftragte spanische Honorarkraft nur noch bis Mitte Februar besch\u00e4ftigt. Dennoch gelang es ihr, f\u00fcr die f\u00fcnf Wohnungssuchenden eine Unterkunft im Nordosten der Stadt ausfindig zu machen. Nach anf\u00e4nglicher Zusage hielt die Hausverwaltung die Spanier unter Vorw\u00e4nden hin, um zwei Wochen sp\u00e4ter die Wohnung anderweitig zu vermieten. Nach einer provisorischen \u00dcbergangsl\u00f6sung fanden drei der Betroffenen schlussendlich eine Unterkunft, von den \u00fcbrigen warf einer, nach mehreren Tagen Notunterkunft in einem zu kostspieligem G\u00e4stehaus, trotz guter sprachlicher und fachlicher Voraussetzungen das Handtuch und kehrte in seinen Heimatort zur\u00fcck. Sein befreundeter Kollege, inzwischen in seiner sechsten provisorischen Unterkunft, steckt noch nicht auf &#8230;: Vorl\u00e4ufiges Ende einer Odyssee, die Anlass zu einem der jetzt folgenden Vorschl\u00e4ge zur Verbesserung des ZAV-Programms Anlass gibt:<\/p>\n<h3>5. Vorschl\u00e4ge zur Verbesserung des Programms<\/h3>\n<ul>\n<li>Die Anwerbung sollte gezielt auch in den besonders stark vom Arbeits- und Ausbildungsmarkt marginalisierten Regionen erfolgen und hier eng mit den lokalen Institutionen wie Rath\u00e4usern, Arbeitsb\u00fcros und Gewerkschaften kooperieren.<\/li>\n<li>Der Sprachkurs in Deutschland sollte ausgeweitet, der Sprachkurs im Heimatland st\u00e4rker auf Integrationsvorbereitung ausgerichtet werden.<\/li>\n<li>Der Formularaufwand muss einfacher gestaltet und auch im Herkunftsland f\u00fcr professionelle Unterst\u00fctzung zu seiner Durchf\u00fchrung gesorgt werden.<\/li>\n<li>Mit den anwerbenden Betriebe bzw. ihre Verb\u00e4nde bzw. Innungen ist verbindlich vor Anreise zu kl\u00e4ren, dass sie bereits zur Anreise den Auszubildenden\/Praktikanten einen f\u00fcr diese bezahlbaren Wohnraum anbieten. Auch sollte die erste Mietzahlung erst nach dem Eingang von Zahlungen der ZAV ( Erstattung Flugkosten, Sprachkurs, erste Monatsf\u00f6rderung) erfolgen.<\/li>\n<li>Und vor allem: Die Bundesagentur f\u00fcr Arbeit ist \u00fcber ihre Dienststelle ZAV zu verpflichten, unmittelbar nach Dienstantritt in Deutschland den Auszubildenden (und Praktikanten) die erste Monatsf\u00f6rderung oder zumindest einen Abschlag in vergleichbarer H\u00f6he zu zahlen. Zudem ist die Arbeit so zu organisieren, dass alle zu erstattenden Aufwendungen sehr zeitnah beglichen werden. Ansonsten w\u00fcrde das F\u00f6rderprogramm BewerberInnen aus Familien in Armut bzw. mit geringen finanziellen R\u00fccklagen ausgrenzen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Ich habe die Analyse der Defizite samt meiner \u00c4nderungsvorschlagen im Oktober 2013 an die verantwortliche Ministerin sowie an die ZAV geschickt. Im Antwortschreiben wurde auf Analyse und Vorschl\u00e4ge nur sehr bedingt eingegangen. Immerhin wurde eine \u00c4nderung der Richtlinie mitgeteilt, um die auch von mir monierten Zahlungsverz\u00f6gerungen und ihre unsozialen Folgen etwas zu mildern. Sofern ein Wirtschaftsverband mindestens 10 Azubis anwerbe, k\u00f6nne er das als Projekt deklarieren, die zu zahlenden Betr\u00e4ge treuh\u00e4nderisch \u00fcbernehmen und so die Zeitverz\u00f6gerungen vermeiden. Allerdings zeigte sich bald, dass die f\u00fcr den Verwaltungsaufwand von der ZAV gew\u00e4hrten Gelder nicht ann\u00e4hernd ausreichen, um diese Aufgabe zu realisieren.<\/p>\n<h3>6. Aus heiterem Himmel<\/h3>\n<p>Ende Februar 2014 verf\u00fcgt die ZAV ohne \u201eVorwarnung\u201c die sofortige Stornierung des F\u00f6rderprogramms. Begr\u00fcndet wird das mit einer \u201e\u00fcberaus hohen Nachfrage\u201c, die zur Folge hat, dass die mit insgesamt 140 Mio \u20ac bewilligten Haushaltsmittel nicht mehr ausreichen, um das bereits vorliegende Antragsaufkommen zu finanzieren. Vorsorge f\u00fcr diese unschwer voraussehbare Situation war nicht getroffen worden. Insoweit erweisen sich die Erkl\u00e4rungen der neuen Bundesregierung, sich endlich st\u00e4rker gegen die extrem hohe Jugendarbeitslosigkeit in vielen EU-Regionen zu engagieren, als Fensterreden. Insbesondere die SPD, die das f\u00fcr das Programm zust\u00e4ndige Arbeitsministerium stellt, hat hier ein Glaubw\u00fcrdigkeitsproblem. Auf keinen Fall darf man mit F\u00f6rderprogrammen in der arbeitslosen Jugend Europas Erwartungen und Hoffnungen wecken, und diese dann urpl\u00f6tzlich und ohne Vorank\u00fcndigung stoppen.<\/p>\n<p>In der geschilderten andalusischen Region wurde deutlich, welche Folgen ein solcher Programmstop haben kann. Die Anwerbung von 15 jungen Arbeitslosen in das Berliner SHK-Handwerk veranlasste weitere junge Frauen und M\u00e4nner dazu, auch eine Ausbildungsstelle in Berlin zu suchen. Ein knappes Dutzend erhielt denn auch eine Zusage von Berliner Betrieben anderer Innungen. Einige reisten dazu auf eigene Kosten nach Berlin, und kehrten nach dem vorl\u00e4ufigen Arrangement f\u00fcr die von der ZAV zu finanzierenden Deutschkurse wieder in ihre Heimatorte zur\u00fcck. Jetzt sind sie \u201eNeese\u201c, wie mit Sicherheit viele andere junge Menschen in anderen Orten und Regionen S\u00fcdeuropas. Die erw\u00e4hnten jungen Andalusier jedenfalls sehen sich von der deutschen Regierung betrogen und verladen. So untergr\u00e4bt man erfolgreich das ohnehin fragile Bewusstsein der Zusammengeh\u00f6rigkeit in unserer Staatengemeinschaft, gerade bei jungen Menschen, von denen die Zukunft der EU doch vor allem abh\u00e4ngt.<\/p>\n<h3>7. Es geht auch anders<\/h3>\n<p>Das Programm MoBiPro-EU zielt in erster Linie darauf, einem sich vor allem mit dem demografischen Wandel abzeichnenden M\u00e4ngel an qualifizierten Arbeitskr\u00e4ften in der deutschen Wirtschaft zu begegnen. Dass damit auch die extrem hohe Jugendarbeitslosigkeit in europ\u00e4ischen Regionen, wenn auch sehr begrenzt, gelindert werden kann, ist als Nebenwirkung sicher erw\u00fcnscht, allerdings im Umfang begrenzt. So k\u00f6nnten mit dem zun\u00e4chst vorgesehenen Etat von 140 Mio \u20ac, nicht einmal 10.000 junge Europ\u00e4erInnen gef\u00f6rdert werden. Das ist kein gro\u00dfer Wurf, eher Tropfen auf hei\u00dfe Steine im Europas S\u00fcden. Wenn Deutschland qualifizierter Arbeit und Ausbildung f\u00fcr junge Arbeitslose in europ\u00e4ischer Verantwortung f\u00f6rdern will, wird man sich \u00fcberlegen m\u00fcssen, wie in den Regionen der Massenarbeitslosigkeit eine berufliche Zukunft f\u00fcr junge Europ\u00e4erInnen geschaffen werden kann. Es ist auch unsere Verantwortung, sich dar\u00fcber Gedanken zu machen, wie sich in den europ\u00e4ischen Krisenregionen neue Perspektiven f\u00fcr die dort lebende Jugend er\u00f6ffnen k\u00f6nnten. Eine wachsende Spaltung Europas in verarmende Regionen und Menschen und in weiter prosperierende Gebiete wird auch auf die prosperierenden zur\u00fcck schlagen. Auf Dauer ist es ohnehin illusion\u00e4r \u2013 es sei denn, die Europ\u00e4ische Union bricht unter Steigerung nationaler Antagonismen wieder auseinander. Dazu wurden im 20. Jahrhundert zur Gen\u00fcge Erfahrungen gesammelt&#8230;.<\/p>\n<p>Vor knapp einem Jahr haben Hans-Jochen Vogel und Erhard Eppler in einem gemeinsamen Artikel vorgeschlagen, dass die Bundesregierung angesichts ihrer im EU-Vergleich sehr vorteilhaften Haushaltslage ein durchaus milliardenschweres Zusatzprogramm zur Linderung der Jugendarbeitslosigkeit in Europa auflegt . Zielsetzung eines solchen Programms w\u00e4re es allerdings, sinnvolle und zukunftstr\u00e4chtige Besch\u00e4ftigung vor Ort in den Regionen mit extrem hoher Jugendarbeitslosigkeit zu unterst\u00fctzen, in Kooperation mit den dortigen politischen Entscheidungstr\u00e4gern und mit den Gremien der EU. Die beiden elder statesmen der deutschen Politik hatten ihren Vorschlag vor dem europ\u00e4ischen Gipfel gegen die Jugendarbeitslosigkeit vorgelegt. Meines Wissens wurde der Vorschlag nicht ernsthaft aufgegriffen &#8211; kein Grund es angesichts der Dramatik der sich weithin ausbreitenden Perspektivlosigkeit, Lebensunsicherheit, Verzweiflung und manchmal auch Wut in Europas S\u00fcden es dabei zu belassen. Dazu ein spezifischer Vorschlag:<\/p>\n<p>Deutschland hat sich mit einer, sofern ernsthaft betriebenen, Energiewende das Ziel gesetzt, in einem \u00fcberschaubaren Zeitraum die Stromversorgung vollst\u00e4ndig aus erneuerbaren Energien zu organisieren und den weiteren Energiebedarf nur noch mit vergleichsweise geringen Emissionen von Treibhausgasen. Dieses Vorhaben hat dann durchschlagende Wirkung zur Eind\u00e4mmung der Klimaverschlechterung , wenn ihm auch andere L\u00e4nder folgen, zun\u00e4chst in der EU. Deutschland kann daher seine Energiewende-Politik mit einem Angebot zur Zusammenarbeit mit den s\u00fcdeurop\u00e4ischen Krisenstaaten von Bulgarien und Griechenland bis Portugal verbinden. Der Vorschlag ist, mit gezielten Programmen des gegenseitigen Zusammenwirkens Arbeit und qualifizierte Ausbildung in dortigen Regionen zu unterst\u00fctzen. Inhalt dieser Programme k\u00f6nnten Schritte zum Ausbau des erneuerbaren Energiesektors, der Entwicklung dazu geeigneter intelligenter Stromvernetzung, sowie Ma\u00dfnahmen der Energieeinsparung und der Steigerung der Energieeffizienz sein.<\/p>\n<p>Die Perspektiven einer Energiewende und die M\u00f6glichkeiten, mit ihr sinnvolle und dauerhafte Arbeit zu schaffen, sind gerade in S\u00fcdeuropa enorm. Damit kontrastiert eine Politik, welche diese Chancen bisher nicht nutzt und &#8211; wie im Fall Spanien \u2013 derzeit sogar in krasser Form konterkariert. Teilweise ist das der von der Europ\u00e4ischen Union und insbesondere der deutschen Regierung durchgesetzten strengen Austerit\u00e4tspolitik geschuldet.<\/p>\n<p>Dennoch: Regionen wie die s\u00fcdlichen Gebiete von Portugal und Spanien, Sizilien oder das s\u00fcdliche Griechenland haben bez\u00fcglich der Sonnenstrahlung, also der Leistungsf\u00e4higkeit der solaren Energietr\u00e4ger, fast nordafrikanische Bedingungen. Gegenden wie der Umkreis der Meerenge von Gibraltar und der iberischen Atlantikk\u00fcste generell sind hervorragehnd f\u00fcr Windkraftanlagen geeignet. Auch Und insgesamt ist die Sonneneinstrahlung \u00fcberall weitaus g\u00fcnstiger als z.B. in Deutschland. So hat keine andere Zone Europas hat nach seiner klimatischen Lage bessere Voraussetzungen, um zu einer Vollversorgung elektrischer Energie aus Wind, Sonne, Wasser und ggf. Meeresstr\u00f6mungen zu gelangen. Und vor allem: Die solare Energiewende bietet Arbeits- und Berufsperspektiven f\u00fcr die dortige Jugend.<\/p>\n<p>In noch st\u00e4rkerem Ma\u00df gilt das f\u00fcr die Bereiche Einsparung und Effizienz. Es w\u00fcrde hier zu weit f\u00fchren, die hier m\u00f6glichen Handlungsr\u00e4ume und vor allem ihre arbeitsf\u00f6rdernden Wirkungen im einzelnen zu belegen. Die EU-Kommission hat im Zuge ihrer allerdings stark abgeschw\u00e4chten Richtlinien zur Steigerung der Energieeffizienz alle Mitgliedsstaaten aufgefordert, auch arbeits- und wirtschaftsf\u00f6rdernde Wirkungen von Ma\u00dfnahmen zu analysieren. F\u00fcr Spanien liegen, ungeachtet des Attentismus der Regierung in fragen der Energieeffizienz, Ergebnisse vor. Demnach w\u00fcrde allein eine Steigerung der Energieeffizienz um 20% zus\u00e4tzlich zwischen 170.000 und maximal 600.000 zus\u00e4tzlichen, meist qualifizierten Arbeitspl\u00e4tzen erbringen . Nach einer anderen Untersuchung w\u00fcrde das zu 270.000 zus\u00e4tzlichen Arbeitspl\u00e4tzen direkt im Wirtschaftssektor und zu 750.000 Arbeitspl\u00e4tzen unter Einrechnung dadurch induzierter Arbeit in anderen Sektoren f\u00fchren .<\/p>\n<p>Soweit der Vorschlag einer arbeitsf\u00f6rdernden Zusammenarbeit in einer gemeinsamen Energiewendepolitik, der sich im \u00fcbrigen in anderen f\u00fcr die Zukunftsgestaltung Europas zentralen Handlungsfelder leicht erg\u00e4nzen lie\u00dfe. So weist die Klimaforschung in ihren Szenarien seit langem darauf hin, dass insbesondere s\u00fcdeurop\u00e4ische Regionen mit der Klimaverschlechterung besonders stark von einer Degradation der B\u00f6den, Abnahme der Bodenfruchtbarkeit und von weitr\u00e4umiger Desertifikation Betroffenen sein wird. Wenn wir in Europa diese h\u00f6chst beunruhigende Entwicklung eind\u00e4mmen wollen, m\u00fcssen wir sofort beginnen zu handeln. Konzepte sind in der \u00f6kologisch ausgerichteten Diskussion zur Landbewirtschaftung lange entwickelt. Etwa die Einhegung von Feldern durch Hecken und andere Geh\u00f6lze und eine entsprechende Sicherung der Bachl\u00e4ufe. Oder die Umstellung auf Formen der Wald-Landwirtschaft, wie sie derzeit in der afrikanischen Sahelzone von Bauern mit durchschlagenden Erfolgen praktiziert werden. Schlie\u00dflich \u00fcberhaupt die Wiederbewaldung verkarsteter oder stark von Erosion bedrohter Zonen. Alles das w\u00e4ren umfangreiche Programme f\u00fcr durchaus qualifizierte Arbeit, in Regionen, in denen ein hoher Anteil der Bev\u00f6lkerung von Landbewirtschaftung lebt oder gelebt hat und damit prinzipiell \u00fcber entsprechende Kenntnisse verf\u00fcgt bzw. ausbildungsf\u00e4hig ist.<\/p>\n<h3>8. In die H\u00e4nde gespuckt<\/h3>\n<p>\u00dcber die geringen Erfolgsaussichten der Vorschl\u00e4ge mache ich mir wenig Illusionen. Dennoch w\u00e4re es falsch aufzustecken statt dort zu handeln, wo das m\u00f6glich ist. Deshalb setze ich f\u00fcrs erste auf das eingangs geschilderte kleinr\u00e4umige Energiewende-Projekt in einem andalusischen Landort. Mit KollegInnen dort werden wir diesen Sommer eine Energiesparkampagne starten und dabei auch testen, ob die Beteiligten in Zukunft davon leben k\u00f6nnen, als anteilig an den Energieeinsparungen mitverdienende BeraterInnen von Betrieben, Institutionen und Haushalten in der Region zu arbeiten . Vor allem aber m\u00f6chten wir durch Auswertung und Verbreitung unserer Erfahrungen versuchen, \u00e4hnliche Impulse auch f\u00fcr andere Orte und Gebiete in S\u00fcdeuropa zu geben. Vielleicht bewegt sich dann doch mal etwas auf europ\u00e4ischer Ebene &#8211; und vielleicht begreift man endlich in deutschen Regierungskreisen, dass S\u00fcdeuropas Zukunft auch die unsere ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><a href=\"https:\/\/www.hartwig-berger.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/2014-03_Jugendarbeitslosigkeit_zwei_Projekte.pdf\" target=\"_blank\">Beitrag als PDF&#8230;<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwei Versuche von Hartwig Berger &#8222;Was wird aus Europa, wenn ein gro\u00dfer Teil seiner Jugend keine Zukunft mehr hat?\u201c Erhard Eppler 1. Vorgeschichte zu zwei Projekten 2. Anwerbung in Andalusien 3. Ein F\u00f6rderprogramm und seine M\u00e4ngel 4. Wohnungs-Odyssee 5. Vorschl\u00e4ge zur Verbesserung des Programms 6. Aus heiterem Himmel 7. Er geht auch anders 8. In &hellip; <\/p>\n<p><a class=\"more-link btn\" href=\"https:\/\/www.hartwig-berger.de\/cms\/jugendarbeitslosigkeit-in-suedeuropa-was-tun\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[29,207,215],"tags":[218,18,15],"class_list":["post-82","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitslosigkeit","category-jugend-und-klimakrise","category-texte","tag-andalusien","tag-ausbildungsprojekt","tag-energieberatung","nodate","item-wrap"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.hartwig-berger.de\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/82","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.hartwig-berger.de\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.hartwig-berger.de\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.hartwig-berger.de\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.hartwig-berger.de\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=82"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.hartwig-berger.de\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/82\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":85,"href":"https:\/\/www.hartwig-berger.de\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/82\/revisions\/85"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.hartwig-berger.de\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=82"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.hartwig-berger.de\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=82"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.hartwig-berger.de\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=82"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}