Sackgasse „Erneuerbarkeit“ – Für eine Energiezukunft ohne Verbrennung

von Hartwig Berger

1. Erneuerbarkeit und Hinfälligkeit

2. Feuer und Energie

3. Feuer und Menschwerdung

4. Von der Holzkrise zur Klimakrise

5. Verhängnis Verbrennungsmotor

6. Ein Holzweg in der Klimakrise

1. Erneuerbarkeit und Hinfälligkeit

Es hat sich fest eingebürgert, biogene Energien den erneuerbaren Energien insgesamt zuzurechnen, sie also der Energiegewinnung aus Sonne, Wind und Wasser prinzipiell gleichzustellen. Diese zunächst unverfängliche erscheinende Semantik verbindet sich mit der weithin vertretenen Überzeugung, dass biogene Energien zur Sicherung der Energieversorgung in der nahen wie mittleren Zukunft und zur Begrenzung des Klimawandels eine Schlüsselrolle zukommt. Erst in den letzten Jahren rücken immer mehr Akteure und Experten von dieser Einschätzung ab. Die Flächenkonkurrenz mit dem Anbau lebensnotwendiger Nahrungsmittel, negative Umweltauswirkungen des Anbaus von Energiepflanzen, Rodung oder Übernutzung von Wald, eine nur schwach positive, und oft deutlich negative Bilanz an generierten Treibhausgasen, schließlich Sozialkonflikte insbesondere in bisher kleinbäuerlich geprägten Weltregionen setzen deutliche Fragezeichen. Es ist daher strittig, ob und welchen Beitrag biogene Energien zur Begrenzung des Klimawandels geschweige zur Armutsbekämpfung in der Welt überhaupt leisten können.

Eine kritische Sicht will ich im folgenden aus einer primär philosophischen Sicht begründen. Ich halte es für einen semantischen Irrtum, überhaupt von „erneuerbaren“ Energien zu sprechen. Das ist insofern keine Wortklauberei, als – wie zu zeigen – die semantische Gleichsetzung sich mit folgenreichen Sachirrtümern verbindet. Die Diskussion um eine klimaverträgliche Energiewende gerät auf schiefe Wege, wenn wir die Arten der energetischen Nutzung von Wind, Sonne, Wasser mit der Verbrennung von ober- oder unterirdisch gewonnenem organischem Material zusammenwerfen. Wir bleiben so einem Paradigma von Energienutzung verhaftet, dessen Überwindung sich mit der Energietransformation in Elektrizität vor etwa 150 Jahren angekündigt hat und die sich heute mit dem anstehenden Abschied von den fossilen Energieträgern fortsetzt.

Strenggenommen spricht nichts dafür, die Energieträger Wind, Sonne und Wasser mit „Biomasse“ unter den Titel „erneuerbar“ zusammen zu werfen. Wirklich „erneuerbar“ sind nur die biogenen Energieträger. Pflanzenmaterial, das wir verfeuern, bildet sich im Kreislauf des Werdens und Vergehens neu, ist damit wieder vorhanden und für Nutzungen aller Art verfügbar. Dass sie relativ zeitnah regenerieren, macht den großen Vorzug biogener vor fossil abgelagerten Energieträgern aus, die prinzipiell ebenfalls „erneuerbar“ sind. Während aber die Unmengen an Kohle, Erdöl oder Erdgas, die in Jahrzehnten durch Schornsteine und Auspuffrohre jagen, sich erst in vielen Jahrmillionen neu bilden, sorgt der Prozess der Photosynthese binnen Jahren für die Neubildung von Pflanzenmaterial.

Dass organisches Material als Energieträger nachwächst, unterscheidet es von Sonne, Wind, Wasser, den Gezeiten oder der dem Erdinneren entnommene Wärme. Deren Potential wird durch unsere energetischen Nutzungen in keiner Weise angetastet und geschwächt; wenn sich ihre jeweilige Kraft verändert, abschwächt oder verstärkt, hat das nichts mit ihrer energetischen Nutzung durch Lebewesen wie uns Menschen zu tun. Der Betrieb von noch so vielen Windrädern verbraucht keine Luftbewegung. Wind ist wandelbar, vom Tropensturm bis zur Windstille , aber seine Stärke wird durch zwischengeschaltete Windräder in nichts beeinflusst. Winde wehen stark oder schwach, ob nun Windkraftwerke sich drehen oder nicht. Die Sonne scheint nicht weniger und schwächer in einer Stadt oder Landschaft, in der viele Solaranlagen errichtet wurden. Und den Lauf des Wassers können wir durch Mühlen und Staudämme erheblich verändern, die Kraft des Wasser hingegen wird in der Summe durch diese Natureingriffe weder verringert oder vermehrt, sondern gebündelt und umgeleitet. Allein bei der Nutzung der Geothermie kann von einer Verringerung der im Erdkörper gespeicherten Hitze überhaupt gesprochen werden. Diese ist jedoch so minimal, dass wir das gut und gerne vernachlässigen können. Dass in Zukunft die Erdwärme durch intensive Zugriffe gleichsam ausgeplündert werden kann, übersteigt jedenfalls gegenwärtig unsere Vorstellungskraft.

Die jederzeit „erneuerte“ Kraft der Sonne ist Voraussetzung ihrer energetischen Nutzung. Doch anders als bei der Nutzung von Biomasse ändert das nichts an ihrem Potential. Biomasse wird beim Verbrennungsprozess verbraucht und ist damit vorerst in der genutzten Quantität nicht mehr verfügbar, vielmehr zu Asche und Kohlendioxid transformiert worden. Sonne, Wind und Wasser hingegen werden durch Solarspiegel, Module, Windräder oder Turbinen genutzt, sie scheinen, wehen oder fließen ungeachtet dessen ungeschmälert weiter. Um auf die energetischen Potentiale von organischem Material Zugriff zu bekommen, muss dieser zu Asche und Kohlendioxid verwandelt werden Die Freisetzung der Energie setzt im Fall der „biogenen“ die Vernichtung des Trägers voraus. Eben darum ist die Erneuerung der lebenden Organik so wichtig und notwendig – und dank der Kraft des Lebens auch möglich. Nur möglich, denn dass eine vollwertige Regeneration stattfindet ist keineswegs gesichert. Gefällte Waldbestände, die zur Energie- oder Papiergewinnung genutzt, können selbstverständlich neu wachsen und irgendwann wieder so viel atmosphärisches Kohlendioxid binden wie vor dem Kahlschlag. Doch gelingt das in vollem Umgang erst nach Jahren – oder fürs erste nie, sofern der Wald etwa durch Äcker, Weiden oder Siedlungen ersetzt wurde.

Der Sammelbegriff „erneuerbare Energien“ verdeckt diese Unterschiede zwischen Energieträgern, die nur genutzt und solchen, die damit gleichzeitig vernichtet werden. Kehrseite der hoffnungsvoll stimmenden „Erneuerbarkeit“ biogener Träger ist ihre begrenzte Verfügbarkeit und, bei Nutzung im großen Maßstab, die Verwundbarkeit und Schwächung der Biosphäre, der Welt des Lebens, in das auch wir existenziell eingebettet sind. Die Qualifizierung „erneuerbar“ gibt daher in unserer Zeit, die durch eine auf Dauer gefährliche Übernutzung und Degradation der Biosphäre gekennzeichnet ist, vor allem ein dunkelrotes Warnsignal.

Dagegen ist es genau genommen sinnleer, bei Sonne, Wind und Wasser von einer Verringerung der in ihr gebündelten Energie durch Nutzung und damit notwendiger wie möglicher Erneuerung zu sprechen. Weit angemessener wäre es, hier von Energieträgern zu reden, die durch menschliche Eingriffe „unerschöpflich“ und „dauerhaft verfügbar“ sind, jedenfalls unabhängig davon, wie sich die Spezies Mensch auf dem blauen Planeten aufführt.

Die Begrenztheit und Verwundbarkeit der Biomasse stellt sie formal durchaus in eine Reihe mit den fossilen Energieträgern, deren Ausplünderung wir aufgrund unseres industriell entfesselten Energiehungers betreiben. Auch die Qualität der „Erneuerbarkeit“ unterscheidet kürzlich abgestorbene von fossil umgebildeter Biomasse keineswegs. Die Differenz ist hier nur quantitativ, allerdings erheblich aufgrund der unterschiedlichen Zeiträume der jeweiligen Neubildung. Beide Energieträger sind vergänglich – und erneuerbar, der eine in erdgeschichtlichen, der anderen in lebensgeschichtlichen Zeiträumen, die im Vergleich zur Neubildung der Fossilen außerordentlich kurz sind.

2. Feuer und Energie

Die Analogien zwischen lebender und fossil abgelagerter Biomasse, sprich: stark kohlenstoffhaltiger Materie sind noch deutlicher, wenn wir darauf abheben, wie energetische Potentiale freigesetzt und nutzbar gemacht werden. In beiden Fällen erfolgt das im Kern weiterhin so, wie das vor Urzeiten die ersten Menschen gelernt und betrieben haben. Feuer setzt die im organischen Material beschlossene Binde-Energie frei. Zwar ist der Betrieb eines kochkomplexen Kohlekraftwerks nach den technischen Fertigkeiten in nichts mit dem Entfachen und Hüten der ersten Herdfeuer vergleichbar. Der Naturprozess, der in beiden Fällen Energie freisetzt, ist der gleiche.

Während oberirdische „biogene“ und unterirdische „fossile“ Ressourcen Energie dadurch freisetzen, dass sie das genutzte Material verbrennen, tun das die anderen missverständlich als „erneuerbar“ qualifizierten Formen der Energiegewinnung gerade nicht. Man weiß seit Urzeiten aus Sonnenstrahlung Feuer zu erzeugen, doch das ist selbstredend nicht gemeint, wenn wir von solarer Energie sprechen. Die Menschheit hat die gespeicherte Energie der Sonne weit länger genutzt als die des Feuers, während die energetische Nutzung von Wasser und Wind, erst recht der Erdwärme, weitaus jünger ist. Immer aber ging und geht es nicht um den Einsatz und die Nutzung von Feuer. Zwar gewinnen wir das energiespendende Feuer letztlich nur aus der Sonne, wie auch Wind, Wasser und die Erdkugel ihre Energiepotentiale aus dieser. Jedoch die Energie der Sonne selbst, wie die der Winde, des Wassers und der Erdwärme nutzen wir ohne Einschaltung von Feuer. Wir konzentrieren Sonnenwärme oder greifen auf unterirdische Erdwärme zurück; vor allem aber bedienen wir uns der erst seit 150 Jahren gezielt betriebenen Transformation von Licht- oder Bewegungs-Energie zu Strom. Aus den „Dauerhaften“ kann Energie geschöpft werden, ohne dass wir Feuer als Zwischenstufe einschalten, also ohne Materialvernichtung zu betreiben. Aus der zu Unrecht gleichwertig eingestuften Biomasse setzen wir hingegen durch Feuerung, also unter Vernichtung von Material, Energie frei.

Es ist ein Denkfehler anzunehmen, dass mit »erneuerbaren Energien«, also plus biogene Träger, ein Energiezeitalter begönne, welches qualitativ über die mit der Dampfmaschine und der Kohlenutzung eingeleitete Industrialisierungsphase hinausreicht. Die energetische Nutzung von Biomasse ist, wie die der fossilen Energieträger, ein Signum der alten Zeit. Den Anbruch des qualitativ Neuen kündigt eine durch neue Techniken der Stromerzeugung unvergleichlich intensivere Nutzung der unerschöpflichen, dauerhaften Energieträger, also minus Biomasse an. Mit ihnen kann sich historisch der Abschied vom Feuer als Kernelement der Energiegewinnung durchsetzen.

Die zwingende Notwendigkeit dafür zeigt sich in der globalen Klimakrise. Deren eine Ursache ist bekanntlich das Übermaß an anthropogen generiertem Kohlendioxid. Dafür ist bekanntlich die Verfeuerung fossiler Ressourcen keineswegs allein ursächlich. Ebenso wenig kann der in Fachkreisen beliebte Hinweis beruhigen, dass das Kohlendioxid, das mit der Verbrennung organischen Materials freigesetzt ist, durch Wachstum neuen Lebens auf der Erde wieder gebunden wird. Das Vertrauen auf den Kohlenstoffzyklus ist immer ein noch ungedeckter Wechsel in die Zukunft. Zudem blendet er den zweite wichtigen Komplex der Verursachung von Klimawandel aus, nämlich die schwindende Biokapazität der Erde, sei es durch Vernichtung der Wälder, die Zerstörung von Bodendecken (wie Grasland) und Feuchtgebieten, mit daraus folgenden Emissionen von einerseits Kohlendioxid oder ebenfalls klimawirksamem Methan.

3. Feuer und Menschwerdung

Warum verfallen wir so leicht der Annahme, in einer durch Materialvernichtung erreichten Energiefreisetzung Zukunftsperspektiven für eine technisch wie wissenschaftlich hoch entwickelte Weltgesellschaft zu sehen? In einer Zeit , in der – auf niedrigem technischen Niveau – mehr als zwei Milliarden, in Dörfern und großstädtischen Slums, weiterhin Bäume und Sträucher verfeuern müssen, um ihren täglichen Energiebedarf und ihr schieres Überleben zu sichern? Die das mit einer Degradierung ihrer Umwelt und dem Schwinden schützender Waldbestände teuer bezahlen müssen? Was fesselt uns noch an die Nutzung des Feuers, wo doch die globale Klimakrise und ihre katastrophalen Auswirkungen immer mehr die negativen Folgen vor Augen führt? Wo wir doch mit der Nutzung der dauerhaften Energien Alternativen jenseits des Feuers verfügbar haben?

Die Bändigung des Feuers, erworben in vorgeschichtlicher Zeit, ist die erste große technische Leistung, mit der sich Menschen von anderen Hominiden definitiv unterschieden. Der Erwerb dieser Fertigkeit war wahrscheinlich folgenreicher als der aufrechte Gang. Der machte immerhin baumarme Savannen überschaubarer und das Leben etwas sicherer. Einen definitiven Vorsprung an Fertigkeiten gegenüber anderen Primaten konnte die erworbene Zweibeinigkeit allein nicht gewährleisten. Mit der Beherrschung des Feuers hingegen konnten die Menschen erfolgreicher jagen, sich vor körperlich überlegenen Raubtieren schützen, in kältere Regionen vordringen, Nachtdunkel und Schutzhöhlen erleuchten, das Fleisch erjagter Tiere oder schwer verdauliche Pflanzen besser zubereiten. Die Feuerstelle – in der sprachlichen Nähe von „Horde“ und „Herd“ nachvollziehbar – wurde ein zentraler Ort des geselligen Lebens und damit der Bildung von Gruppenidentität. Schließlich konnten sich mit der Beherrschung des Feuers die ersten Handwerke und die Bearbeitung von Material aller Art entwickeln. Technischer Fortschritt war in den Anfängen ohne Feuernutzung kaum denkbar.

Die „selbstgenerierende“ Eigenschaft des Feuers, gleichsam durch sich selbst immer mehr Feuer zu erzeugen, an (Zerstörungs-) Kraft zu wachsen und sich mit immer größerer Geschwindigkeit auszubreiten, muss die Menschen (nicht nur) anfänglich fasziniert haben. Um so größer wird der Erwerb der Fähigkeit gewertet worden sein, das wilde und gefährliche Element selber zu erzeugen und es unter Kontrolle zu halten. Es ist bezeichnend, dass im antiken Mythos der Menschwerdung nicht die Entstehung der Art als solche, sondern ihre Unterweisung in die Nutzung von Feuer den entscheidenden Bruch markiert. Zeus konnte akzeptieren, dass Prometheus die Menschen erschuf und mit allerlei Fähigkeiten ausstattete. Dass Prometheus sie dann in der Nutzung des Feuers unterwies, war jedoch eine Provokation, die mit der grausamen Bestrafung des Prometheus und der Ausschüttung von Krankheiten, vor allem aber dem Bewusstsein der Sterblichkeit unter den Menschen gerächt wurde – die berüchtigte „Büchse der Pandora“ .

Feuer zu nutzen, ist die erste und älteste Form der Energiefreisetzung, wenn wir von direkter Nutzung der eigenen Körperkraft absehen. Und diese unterscheidet, anders als die Bändigung des Feuers, den Menschen ja keineswegs von anderen Arten. Ausgerechnet darin, wenn auch mit elaborierten Techniken, eine Zukunftsperspektive der Menschheit im Informationszeitalter zu sehen, überrascht angesichts der gestiegenen Möglichkeiten, Energie ohne Materialvernichtung verfügbar zu machen. Vielleicht lässt sich die starke Fixierung auf die energetische Nutzung biogener Energien durch Feuer als Regressionshandlung im Sinne der Sozialpsychologie werten. Als Rückzug und Flucht vor den ungeheuren Schwierigkeiten und Gefahren, die sich mit der weltweiten Klimakrise auftürmen. Ein Rückzug, in eine historisch überholte Art Energie zu gewinnen, geboren aus Ratlosigkeit. Ähnlich dem Rückzugsgefecht, mit dem gegenwärtig in der Kohleverstromung aktive Unternehmen darauf setzen, das unvermeidlich generierte Kohlendioxid wieder in den Untergrund der Erde zu treiben, aus denen der fossile Treibstoff der Industrialisierung geholt wurde und wird. Ungeachtet der vorab nicht zu klärenden Umweltfolgen, der hohen Kosten, des großen Aufwands an zusätzlicher Energie, der bleibenden Schlupflöcher für atmosphärisch entweichendes Kohlendioxid

4. Von der Holzkrise zur Klimakrise

Europa befand sich vor Beginn der Industrialisierung in einer chronischen Holzkrise. Die Waldbestände waren durch Nutzungen der unterschiedlichsten Art überbeansprucht und schwanden dahin. In Südeuropa war der größte Teil der Landfläche entwaldet, die Böden teilweise degradiert. Die Waldbestände waren stark reduziert, Großbritannien etwa hatte mit 10,4% der Gesamtfläche Ende des 17. Jahrhunderts und 5,3% um 1800 nur noch Restbestände am Wald. Der Löwenanteil des Holzes ging in den Schiffbau, die Bergwerke und den Heiz- und Kochbedarf der Bevölkerung. Unter diesen Umständen war an eine Energienutzung von Biomasse für industrielle Zwecke nicht zu denken. Voraussetzung dafür war die Kohleförderung, die Erschließung der „unterirdischen Wälder“. 1690 wurden in Großbritannien 2,9 Mio t Kohle gefördert, 1816 waren es 17 Mio t und 1900 184 Mio t. Hätte man den Kohlebedarf des Landes im Jahr 1900 durch Holzeinschlag abdecken müssen, wäre der Jahreszuwachs einer Waldfläche von mehr als 1,2 Mio qkm erforderlich gewesen, das fünffache von England, Schottland, Wales und Nordirland, die man sich dann allerdings gänzlich unbewohnt zu denken hätte .

Voraussetzung der Industrialisierung war zum einen die fortgesetzte energetische Nutzung, also Vernichtung von organischem Material, allerdings durch den Zugriff auf die unterirdisch abgelagerten Kohlenstoffsenken. Der exponentiell steigende Energiebedarf wäre von der Biomasse auf der Erdoberfläche auch nicht in Bruchteilen zu decken gewesen. Da sich die Kohlenstofflager als umfangreich erwiesen, vor allem immer weitere Fundstätten an Kohle, später vor allem an Erdöl und Erdgas erschlossen wurden, fehlte ein systemimmanenter Druck, von der Verbrennung als dominanter Form der Energiefreisetzung abzugehen oder sie in ihrer Bedeutung zumindest zu relativieren. Dabei waren zu Ende des 19. Jahrhunderts die Techniken der Stromerzeugung aus Wind, Sonnenlicht und natürlich Wasserkraft im Grundsatz bekannt, ihre Weiterentwicklung nur eine Frage des praktischen Engagements. Dennoch setzte die ernsthafte technische Weiterentwicklung der Wind- und Solarenergie erst fast 100 Jahre später ein. Die Fortbewegung mittels elektrisch betriebener Motoren war um 1900 eine gleichwertige Alternative zum Verbrennungsmotor, durchgesetzt hat sie sich jedoch nur in wenigen Bereichen des schienengebundenen Verkehrs. Dabei war es im Prinzip auch zu jener Zeit möglich, mit guten Erfolgschancen etwa zu leistungsfähigeren Akkumulatoren von geringerem Gewicht, mit höherer Speicherkapazität und zu Fahrzeugen mit Hybridantrieb zu forschen. Der bequemere Weg, die unterirdischen Wälder zu plündern, ohne Rücksicht auf ihre Begrenztheit und mögliche Folgen , hat die Sicht auf Alternativen der Energiefreisetzung lange Zeit versperrt und entsprechende Aktivitäten gelähmt.

Von dieser Denk- und Handlungssperre kann gegenwärtig nur noch bedingt die Rede sein. Der Weg einer Energiewende, also einer Energiefreisetzung jenseits einer pyromanisch anmutenden Materialvernichtung, findet in vielen Regionen und in der Öffentlichkeit zahlreicher Länder Rückenwind. Dennoch verfeuern mächtige und einflussreiche Dinosaurier trotz Klimakrise weiter und gewinnbringend fossile Ressourcen in die Atmosphäre. Der Verkehrssektor der Mobilität setzt weltweit, bei stark zunehmender Mobilität und unzureichenden Effizienzbemühungen, weiterhin fast ausschließlich auf das historische Auslaufmodell „Verbrennungsmotor“. Noch schenken die meisten Regierungen den dauerhaften Energieträgern und ihren enormen Potentialen wenig bis gar keine Beachtung.

Gleichwohl erzeugen die hohen Risiken der Klimakrise Unruhe und Irritation auch in solchen Kreisen von Wirtschaft, Politik und Bewusstseinsindustrie, die auf das pyromanische „weiter so“ eingeschworen sind. Solange Menschen – und von Menschen geleitete Institutionen – sich angesichts der evidenten Risiken nicht zur Abkehr von risikoträchtiger Routine entschließen, werden sie nach Ausweichstrategien suchen. Eine zweifellos effektive, wenn auch nur scheinbar angstreduzierende, ist die Leugnung der Klimakrise. In den USA folgt dem laut Umfragen ungefähr die Hälfte der Bevölkerung. Eine andere verbreitete Art der Angstreduzierung ist die Verdrängung der Klimakrise, ohne sie zu verleugnen. Man lebt weiter wie gehabt und schenkt den Klimaveränderungen trotz untrüglicher Anzeichen, wenn überhaupt, flüchtige Aufmerksamkeit und schnelles Vergessen. Angstreduzierend ist diese Verdrängungsstrategie allerdings nicht. Sie ist wahrscheinlich einer der Gründe dafür, dass in einer Zeit fortschreitender Umweltzerstörung und steigender Risiken Handlungen der Selbstbetäubung, depressive Angstabwehr und Suchtverhalten stark verbreitet sind . Eine dritte Reaktionsform ist, bereits angedeutet, die Regression, im unserem Beispiel: die Aufwertung einer historisch früheren Art Energie zu gewinnen. Die vielfache Überschätzung und ein verstärktes Setzen auf die Verbrennung organischen Materials könnte darin eine Erklärung finden.

Bevor ich die Regressionsthese erläutere, ist klarzustellen, dass es nicht um eine Verwerfung energetischer Biomasse-Nutzung überhaupt geht, sondern gegen ihre Überbewertung, erst recht um ihre Fehleinschätzung als zukunftsträchtiger Energiequelle. Die Menschheit wird in einer absehbaren Zukunft ohne die älteste Form der Energiefreisetzung, durch Verbrennen von Organik, überhaupt (noch) nicht leben kann. Schließlich befinden uns gegenwärtig in einer Welt, in der das Verbrennen von organischem Material in vielen Gemeinschaften als überlebensnotwendig und in der Summe in einem historisch bisher unerreichten Ausmaß praktiziert wird. Der hohe Holzverbrauch in vielen Regionen ist Folge der Armut und des Mangels an Alternativen. Eine zentrale Aufgabe von Entwicklungszusammenarbeit ist, zur Verbesserung der Lebenschancen und zum Schutz der Waldbestände Techniken zur Verringerung , wenn möglich ohne jede Holzverbrennung ( z.B. durch solarthermisches Kochen) zu verbreiten. Eine zentrale Aufgabe von Umwelt-, Klimaschutz und Armutsbekämpfung jetzt und in den kommenden Jahren liegt darin, die Inanspruchnahme biogener Energien schrittweise und auch zum Wohle der Betroffenen zu verringern. Wir können es uns in einer Welt des schnellen Klimawandels einfach nicht leisten, dass Wälder und Waldbestände weiter schwinden, wir müssen alles in unserer Macht Stehende tun, zu ihrer Erhaltung und Vermehrung beizutragen. Statt darüber zu sinnieren, wie wir in den entwickelten Industrieländern des globalen Nordens die biogene Energienutzung ausweiten könnten, geht es darum, im Weltmaßstab ihre Inanspruchnahme entscheidend und fortgesetzt zu verringern.

Dennoch wäre auch in den altindustriellen Ländern wäre der überfällige Abschied vom biogenen Energieboom nicht gleichbedeutend mit einem Abschied von biogenen Energien insgesamt. Auch hier geht es, bei deutlich geringerer Inanspruchnahme als in armen Ländern, um Maß halten und Beschränkung. So wäre es verfehlt, die Potentiale nicht zu nutzen, die in der bisher vernachlässigten energetischen Verwertung von organischen Abfällen und Reststoffen schlummern. Es ist zweifellos weit sinnvoller, aus organischen Abfällen, aus Abwasser und den Restholzbeständen stofflicher Verwertung Biogas zu produzieren und dieses zu nutzen, statt weiter zuzulassen, dass ungeregelt im Verwesungs- und Vergärungsprozess bildendes Methan in die Atmosphäre entweicht, bei gleichen Mengen erheblich klimawirksamer als Kohlendioxid aus dem Verbrennungsprozess. Hier ist Materialvernichtung als Klimaschutz sinnvoll und am Platz. Dagegen sollte der großflächige Anbau von Energiepflanzen deutlich reduziert und überwiegend nur in sog. Kurzumtriebsplantagen betrieben werden, um zu begrenzende Mengen an Holzbedarf aus lediglich regionalen Zusammenhängen so lange zu decken, wie hier Alternativen aus dauerhaften Energieträgern noch nicht verfügbar sind. Das ist eine sehr bescheidene Form von „Brückentechnologie“.

In keiner Weise zu akzeptieren ist der Import biogener Energieträger – wie Palmöl, Holz, Bioethanol, Jatropha-Öl – aus außereuropäischen Ländern. Dagegen sprechen die Konkurrenz mit dem Anbau von Nahrungsmitteln, die Sozialkonflikte mit der bäuerlichen und indigenen Bevölkerung, massive ökologische Risiken wie der Raubbau an Tropenwäldern, die Trockenlegung von Feuchtgebieten und der Umbruch von Grasland, schließlich der hohe Bedarf an biogenen Energieträgern im Herkunftsland. Aus diese Ländern noch zusätzlich organisches Material zur Deckung des Energiebedarfs im globalen Norden abzuziehen, ist gesellschafts- wie umweltpolitisch verantwortungslos. Der Rekurs auf zu erfüllende Kriterien ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit, auf den manche Umweltverbände wie der BUND noch setzen, ist da kein Ausweg. Er hilft schon deshalb nicht, weil die sozialen und ökonomischen Auswirkungen eines Exports biogenen Materials kaum überschaubar sind und da die Zuverlässigkeit der zu beachtenden Kriterien wie vor allem Dingen ihre Kontrolle fragwürdig sind. Im besten Fall entwickelt sich ein geteilter Markt zwischen weißen und schwarzen Schafen, der zertifizierten Abgabe eines Teils der Produkte und des ansonsten weiter ungeregelten Handels mit biogenen Energieträgern.

5. Verhängnis Verbrennungsmotor

Ein erstes Beispiel für die Regressionsthese ist die Agrokraftstoff-Strategie der Europäischen Union. Zu Beginn dieses Jahrhunderts wurde entschieden, dass der Anteil biogener Anteile im Kraftstoff bis zum Jahr 2010 auf 5,75% zu steigern sei. Dieser Anteil sollte nach einem Richtlinienentwurf von 2008 bis 2010 auf 10% erhöht werden. Infolge vielfacher Kritik wurde diese Zielsetzung inzwischen abgeschwächt. Die wichtigste Begründung für die Pflicht zu biogener Beimischung ist klimapolitischer Art. Man erwartet so eine geringere Generierung an Treibhausgasen im Verkehrssektor. Viele Studien kommen inzwischen zum Ergebnis, dass die Klimabilanz für Agrokraftstoff im Schnitt kaum günstiger, vielfach sogar ungünstiger ausfällt als die fossilen Brennstoffs. Demnach würde hier der Teufel mit einem Beelzebub etwas kleineren, unter Umständen sogar größeren Formats ausgetrieben.

In jedem Fall ist selbst unter Befürwortern unstrittig, dass mit Herstellungskette des Agrokraftstoffs die Klimabilanz zu relativieren und weit vom Ideal einer Nullemission entfernt ist. Beim eher „bescheidenen“ Ziel von 5,75%-Anteil wäre günstigenfalls mit einer Klimaentlastung im EU-weiten Verkehr von 2,5% zu rechnen, im Gesamtbudget der EU-weiten CO2-Emissionen fiele dann die Agro-Kraftstoff-Strategie mit deutlich unter 1% zu Buche! Auf der Gegenseite steht ist eine zusätzliche Inanspruchnahme von Ackerflächen, welche Experten des Wuppertal-Instituts auf eine Spannbreite zwischen 5% und 16% schätzen . Es liegt auf der Hand, dass bei unveränderter Land- und Viehwirtschaft wie bei gleichem Ernährungsverhalten innerhalb der EU dieser Zusatzbedarf nur durch zusätzliche Importe von Nahrungsmitteln, Viehfutter und biogenem Kraftstoff gedeckt werden kann. Wobei die 15 Kernländer der EU bereits im Jahr 2004 35 Mio ha an Fläche außerhalb der Union in Anspruch genommen haben, das Doppelte der landwirtschaftlichen Fläche Deutschlands.

Die Agro-Kraftstoff-Politik trägt so eine Mitverantwortung an der Verteuerung der Nahrungsmittel auf dem Weltmarkt, damit an einer Verschärfung der Welthungerkrise. Sie verstößt gegen verallgemeinerbare moralische Prinzipien und gegen Grundsätze der weltweit geltenden Menschenrechte. Nach einhelliger Auffassung der Sozialphilosophie sind Schritte zur Erhaltung oder Verbesserung eines gefährdeten Lebensstandards in den reichen Weltregionen und Sozialklassen nur dann als gerecht zu verteidigen, wenn sie zugleich die Lebenslage in den armen Bevölkerungsschichten merklich verbessern. Wenn, wie im erörterten Fall, das eindeutig nicht der Fall, vielmehr eine gegenteilige Entwicklung eingetreten ist, kann sich eine moralischen Beurteilung nicht darauf zurückziehen, dass die genauen Ausmaße der negativen Wirkungen nicht bekannt und vielleicht geringer sind, als viele Kritiker – darunter selbst Expertisen aus der Weltbank – das darstellen. Wenn Staaten(-gemeinschaften) wie die USA, die EU und Deutschland weiter auf biogene Kraftstoffe und deren Ausbau setzen, verstoßen sie gegen Prinzipien der Gerechtigkeit und Moral, die durchaus universelle Geltung beanspruchen dürfen.

Die Agro-Kraftstoff-Politik ist auch in ihrer EU-immanenten Wirkung kontraproduktiv. Die minimale CO2-Einsparung, wenn überhaupt, wird durch landwirtschaftliche Zuwendungen von mehreren Milliarden Euro jährlich erreicht. Diese Summen wäre weit sinnvoller und vor allem klimawirksamer in den Ausbau der dauerhaften Energien angelegt. Sie hat zudem die ökologisch sehr sinnvolle Politik der Flächenstilllegungen konterkariert und damit auch den Bemühungen der Sicherung von Biodiversität in Europa geschadet. Der Aufschwung der Agro-Kraftstoffe hat dazu geführt, dass weithin Feuchtgebiete trockengelegt und bisheriges Gras- und Weideland umgebrochen wurde. Beides führt zu erheblichen Kohlenstoff-Freisetzungen, die in der Nettobilanz an CO2-Vermeidung nicht berücksichtigt sind. Ob die EU-Strategie überhaupt zur Vermeidung von klimawirksamen Gasen geführt hat, ist darum mehr als zweifelhaft. Und wenn sie es – wahrscheinlich kontrafaktisch – wäre, würde die minimale Minderung an CO2 (< 1%) unter Inkaufnahme der zuvor skizzierten erheblichen ökologischen, sozialen und finanziellen Kosten erreicht.

Die Strategie in der Europäischen Union ist von einer deprimierenden Hilflosigkeit. Weit mehr bzw. überhaupt an CO2-Reduktion wäre und ist weiterhin erreichbar durch ehrgeizige Grenzwerte an zulässigen CO2-Emissionen zumindest bei allen Neufahrzeugen, und das ohne milliardenschwere Zuschüsse, ohne über den Import biogener Energieträger die Welt-Ernährungskrise mit anzuheizen und ohne die Umweltbelastungen in der EU-Landwirtschaft noch zu steigern. Die CO2-Grenzwerte bei Neufahrzeugen wurden bekanntlich auf politischen Druck durch Deutschland, übrigens zugleich Vorreiter in der Nutzung von Agro-Kraftstoffen, abgeschwächt. Vor allem aber versäumt es die EU, das bereits jetzt, im Weltmaßstab erst recht, untragbare Ausmaß der motorisierten Mobilität, zu Lande und in der Luft, in Frage zu stellen. Das Eingeständnis in die unausweichlichen Grenzen einer exzessiven Mobilität wird verweigert, der Zugriff auf biogene Kraftstoffe ist bestenfalls ein Griff nach dem Strohhalm im Strom eines sich beschleunigenden Klimawandels. Die von Beginn an problematische Option, auf Verbrennungsmotoren als Mittel der Fortbewegung zu setzen, wird fortgesetzt, statt auf eine Doppelstrategie von stark beschleunigter Elektromobilität aus Wind und Sonne und Verringerung der Mobilität in und durch die Länder des globalen Nordens zu setzen

6. Ein Holzweg in der Klimakrise

Ein ebenfalls als regressiv zu wertender Rückzug auf biogene Energien setzt gegenwärtig auf dem europäischen Kraftwerkssektor ein. Er stellt nicht direkt eine Reaktion auf hohe CO2-Emissionen dar, sondern auf deren Monetarisierung im Emissionshandel. Nach einer per se zukunftsweisenden Regelung der EU muss die Mehrzahl der Großemittenten ab 2013 ihre bis dahin im Grundstock kostenfrei zugewiesenen CO2-Zertifikate käuflich erwerben. Zusätzlich nimmt die Menge der unmittelbar für diese Branche verfügbaren Zertifikate pro Jahr um 1,75% ab. Es gibt also einen monetären und jährlich verstärkten Minimierungsdruck bezüglich der CO2-Generierung, insbesondere bei strom- und wärmeproduzierenden Kraftwerken. Eine mögliche und beabsichtigte Reaktion darauf sind zum einen verstärkte Bemühungen um Energieeinsparung, zum anderen die Substitution fossiler Kraftwerksleistung durch dauerhafte Energieträger, also etwa Windkraft statt Kohlekraft. Allerdings lassen die EU-Regelungen verschiedene Schlupflöcher zu, wie die (hier nicht erörterte) Verlagerung der CO2-Reduktion auf Regionen außerhalb der EU – der sog. „Clean Development Mechanism”. Ich beschränke mich auf ein anderes Schlupfloch: Die Beimischung von organischem Material in die Energiegewinnung aus ansonsten fossilen Energieträgern.

Der Weg, den hier zunehmend Energiekonzerne beschreiten, ist die Zufeuerung von Holz in den Prozess der Kohleverstromung. Zumindest in Deutschland bewirken die günstigen Einspeiseregelungen des „Erneuerbare-Energien-Gesetzes“, dass zusätzlich kleinere Kraftwerke errichtet werden, die ausschließlich Holz als Energieträger nutzen. Die Chefetage von Vattenfall-Europe, besonders engagiert in der energetischen Holznutzung, hat kürzlich eine Übersicht zu laufenden Projekten zusammengestellt . Sie gibt das Ausmaß der zu erwartenden Entwicklung zu erkennen: Innerhalb der EU werden 35 laufende Projekte der Holzverbrennung oder des Baus von Biomasse-Kraftwerken genannt. Die jüngsten 4 Projekte von Vattenfall – in Berlin, Hamburg und Jänschwalde/Brandenburg – sind da noch nicht eingeschlossen. 6 der Vorhaben sollen in Großbritannien, 6 in Spanien, 2 ( plus mindestens den genannten 4) in Deutschland realisiert werden. Insgesamt wird geschätzt, dass sich der Einsatz von Holz zur Stromerzeugung mehr als verdoppelt und einen Jahresertrag von 92 TWh Strom erreicht. Für den Bedarf an Energieholz wird binnen 10 Jahren mindestens eine Verdopplung und für das Jahr 2020 EU-weit ein Gesamtbedarf von 965 Mio m3 errechnet. Davon – das ist hier entscheidend – müsse nahezu aus außereuropäischen Regionen importiert werden.

Wie die Vertreter von Vattenfall zur Einschätzung gelangen, dass genügend Holzreserven für den erwarteten Ausbau der Holzverbrennung verfügbar seien, ist ihr Geheimnis. Innerhalb der EU ist der Holzmarkt mehr als abgedeckt, ein Auslichten von Wäldern über das naturverträgliche Maß hinaus zeichnet sich ab. Zugleich beteiligt sich die EU bereits gegenwärtig durch ihren hohen Holzbedarf – Bau- und Möbelholz, Papierbedarf etc. – an der Ausplünderung, teilweise der Vernichtung von Wäldern in außereuropäischen Ländern; indirekt trägt sie durch ihren hohen Bedarf von durch Soja abgedecktem Viehfutter zur Waldvernichtung bei – durch vermehrte Anlage von Sojafeldern, sowie dadurch bedingte Verdrängung von Weideflächen in bisherigen Wald. Und wenn, wie etwa in Mozambique und Tansania, Holzplantagen auf bisher wenig genutztem Land angelegt werden, verlieren die ansässigen Bauern und Viehhirten ihre bisherige Anbau und Nutzfläche.

Die Eröffnung eines neuen Markts für Energieholz, in den genannten Dimensionen, wird die Wald- und Holzkrise in den meisten außereuropäischen Ländern verschärfen. Es wurde erwähnt, dass schon der hohe einheimische Alltagsbedarf an Holz in diesen Regionen zu chronischen Waldverlusten führt und dringend Entwicklungsmaßnahmen zur Verringerung des Bedarfs vonnöten sind. Stattdessen führt die innereuropäische Entwicklung des Emissionshandels zu einer Erhöhung der Holznachfrage, die aufgrund der wirtschaftlichen Ungleichgewichte aus armen Regionen zu attraktiven Dumpingpreisen aus europäischer Sicht abgedeckt werden kann.

Die Debatte um den expandierenden Markt an Energieholz ist hier nur angerissen , um zu erläutern, wohin der verstärkte Rückgriff auf Energieholz führt. Unstrittig sind der Generierung von CO2 immer enger werdende Grenzen zu ziehen, wenn der Klimawandel zumindest eingedämmt werden soll. Den Einsatz von Kohle und anderen fossilen Energieträgern zu verringern, ist da zweifellos ein Schritt voran. Der Rückgriff auf Holz im Betrieb großer Kraftwerke mag sich zwar aufgrund hier fehlgeleiteter EU-Regelungen monetär rechnen, als Aktivität ist er ein Schritt rückwärts, eine historische Regression. Möglich wurde die industrielle Epoche, als man in der Energiebereitstellung auf fossile Energieträger und eben nicht auf Holz setzte. Eine Industrialisierung auf der Basis von Energieholz wäre bestenfalls gleich in den Anfängen stecken geblieben und hätte schlimmstenfalls zu einer unerträglichen Zuspitzung der Holzkrise mit schwersten Umweltfolgen geführt.

Geht es heute nach den Chefplanern vieler europäischer Energiekonzerne, soll genau das am Ausgang des industriellen Zeitalters und im Weltmaßstab neu versucht werden. In einer Zeit des beispiellos schnellen Abbaus von Biokapazität wird eine Energiestrategie gesucht, die diesen Abbau noch beschleunigt. Während es aus vielfachen Gründen, auch dem der Rückbindung von atmosphärisch entwichenem Kohlenstoff, darum geht, die Biokapazität weltweit zu stärken, unter anderem Wälder zu schützen und auszuweiten. Weniger Energie zu nutzen und dazu auf die dauerhaften Energieträgern zuzugreifen, statt auf eine verwundbare, nur erneuerbare Biosphäre. Ein verstärkter Zugriff auf Energieholz ist aus Umweltsicht nur destruktiv, in seinen sozialen Konsequenzen in Regionen mit kleinbäuerlicher Bevölkerung gefährlich und historisch ein Rückfall in eine Sackgasse, die zu Beginn der Industrialisierung aus guten Gründen vermieden wurde.

 

 

 

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